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Hofheim Tanz der Homöopahie

Persönlichkeitsprofile, wie sie zur Diagnostik in der Homöopathie dienen, haben die Hofheimerin Andrea Simon zu Tanzchoreografien inspiriert. Fotos aus dem Bildband „Sepia tanzt allein“ sind im Stadtmuseum zu sehen

Hofheim
Auch in den übrigen Räumen des Hofheimer Stadtmuseums wurde am Eröffnungsabend getanzt. Foto: Andreas J. Etter

Weißer Stoff fliegt um den Körper der Tänzerin, das Haar weht im Wind ihrer rastlosen Bewegungen, bei jedem Schritt entsteht ein neues Bild, Konturen verwischen. Kaum jemals ist das Gesicht der Tanzenden zu sehen. Einem irrlichternden Geistwesen gleich schwebt sie durch die Nacht.

„Mercurius solubilis, Quecksilber“ steht neben dem Foto, das zusammen mit einem Dutzend anderen zurzeit im Hofheimer Stadtmuseum ausgestellt ist. Sie stammen alle aus dem Bildband „Sepia tanzt allein“, den die Hofheimer Tänzerin und Choreografin Andrea Simon zusammen mit dem Schweizer Fotografen Andreas J. Etter gestaltet hat. Das homöopathische Arzneimittel Mercurius solubilis wird bei starkem Schwitzen, Entzündungen, rheumatischen Beschwerden und eiternden Wunden gegeben. Die Mercurius-Persönlichkeit gilt in der Homöopathie als instabil, innerlich getrieben und nach außen hin verschlossen. Sie kommt nicht zur Ruhe wie Quecksilber, das als einziges Element bei Raumtemperatur flüssig ist.

Ausgehend von den psychologischen Persönlichkeitsporträts der Arzneimittel, die Grundlagen der klassischen homöopathischen Diagnostik sind, hat Andrea Simon die Choreografien für die Bilder in „Sepia tanzt allein“ entwickelt. „Ich bin kein Homöopathie-Freak“, sagt die 56-Jährige, die in Frankfurt Anfang der 1990er Jahre das Studio Tanzplan gründete und seit einiger Zeit in Hofheim Kinder, Jugendliche und Erwachsene unterrichtet. „Aber die Beschreibung der konstitutionellen Typen in der Homöopathie, wie sie fühlen, aufwachsen und aussehen, war extrem inspirierend für mich. Und ich wollte ein Tanzbuch machen, wie es vor mir noch keiner gemacht hat. Ein Buch, in dem Tanzen mit Homöopathie verbunden wird, das ist etwas komplett Neues.“

Andrea Simon und Andreas J. Etter haben mit dieser Idee offenbar einen Nerv der Zeit getroffen. Die ersten 500 Stück des Bandes „Sepia tanzt allein“, die sie als Autorenauflage über Subskription finanziert und in einer litauischen Druckerei haben herstellen lassen, waren innerhalb weniger Monate verkauft. Ärzte, Therapeuten und Heilpraktiker, die mit Homöopathie arbeiten, hätten das Buch in ihren Praxen liegen, weiß Andrea Simon. „In der Homöopathieszene ist es der Knaller.“

Anfragen, den Bildband zu präsentieren, kamen jüngst sogar aus dem Ausland. Demnächst wird das Buch bei einem internationalen Homöopathiemeeting in Belgien vorgestellt. Die Buchhandelsauflage von „Sepia tanzt allein“ ist bereits gedruckt. 1000 Exemplare kommen in die Läden.

Beraten lassen hat sich Andrea Simon beim Verfassen der Texte von einem anerkannten Fachmann – dem homöopathischen Arzt in der Psychiatrischen Institutsambulanz der Main-Taunus-Kliniken in Hofheim, Ulrich Koch. Koch habe nicht nur das gesamte Buch fachlektoriert, mit ihm habe sie auch die einzelnen Charaktertypen ausgewählt und ihre Entwicklung besprochen, erzählt Simon. „Die Beschäftigung mit den psychologischen Aspekten hat bei mit Bilder ausgelöst, die ich anschließend in Choreografien umgesetzt habe.“

Lange suchen musste Andrea Simon nicht, bis sie die 26 Tänzerinnen und Tänzer beisammen hatte, die sie für den Band „Sepia tanzt allein“ brauchte. Fündig wurde sie zum einen bei ihren eigenen Tanzschülern. Doch auch alle Profitänzer, die sie anschrieb, sagten sofort zu. „Alle fanden das Projekt spannend und wollten mitmachen“, erzählt die Hofheimerin. Ausgewählt habe sie die Tänzer so, „dass sie in die Rolle passen, für die ich sie vorgesehen hatte. Danach musste ich gar nicht mehr viel erklären, nur kleine Impulse geben, alles andere hat sich fast von selbst ergeben“.

Der Tänzer Mehdi Farajpour kam aus Paris angereist und stolziert im Bildband majestätisch und unnahbar als Pavo Cristatus (Blauer Pfau) über einen Berg von Müll. Ayumi Sagawa vom Hessischen Staatstheater in Wiesbaden ist Apis mellifica, die Honigbiene, die ihr Kind emsig umsorgt, und für die Andrea Simon eine ebenso schlichte wie ausdrucksvolle Tanzsprache entwickelt hat, die an den Schwänzeltanz der Honigbienen erinnert. Der Spanier Ruben Albelda Giner, der am Staatstheater Mainz engagiert ist, tanzt das homöopathische Persönlichkeitsprofil von Lac caninum, Hundemilch – mit angstvollem Blick, schreckensstarren Körperhaltungen und an Irrsinn gemahnenden Verrenkungen der Gliedmaßen.

Requisiten hat Andrea Simon ausgesprochen sparsam eingesetzt, die Kostüme alle selbst entworfen. Zwei bis drei Stunden standen die Profis im Studio vor der Kamera von Andreas J. Etter. Dann waren die Fotos im Kasten. Ebenso rasch gingen die Foto-shootings mit den Kindern und Jugendlichen vonstatten, die Andrea Simon aus ihren Tanzkursen ausgewählt hatte, um bei dem Projekt mitzumachen. Carla Pahle verkörpert den sensiblen, einfühlsamen Charakter von Natrium muriaticum. Auf einem Bein stehend lässt sie auf dem Titelbild des Bildbandes Sand aus beiden Händen rieseln. Eine der jüngsten Tänzerinnen ist mit fünf Jahren Amalie Schröder, die mit großer Ernsthaftigkeit den dünnhäutigen Charakter von Acidium silicium, Kieselsäure, tanzt. Die Kinder hätten viel Spaß bei den Fotoaufnahmen gehabt, sagt Andrea Simon. „Es war ein ganz natürliches und unkompliziertes Arbeiten.“

Genauso soll es auch beim zweiten Bildband weitergehen, den Andrea Simon und Andreas J. Etter gerade vorbereiten. Er trägt den Titel „Rendezvous mit Rosa“. Im Mittelpunkt wird dieses Mal das Thema Beziehung stehen. Die Fotoshootings werden etwas aufwendiger sein, weil nicht nur ein Tänzer, sondern kleine Gruppen vor der Kamera stehen werden. Erneut sollen homöopathische Persönlichkeitsprofile den Impuls geben für die Choreografien, die im Bild festgehalten werden. Um das Projekt zu finanzieren, haben Simon und Etter eine Crowdfunding-Aktion gestartet, über die sie auf der website www.leetchi.com informieren.

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