Lade Inhalte...

Hofheim Nähmaschinenmeister und Künstler

Georg Lünstroth repariert in seinem Laden alle Fabrikate und kopiert die Meister des Impressionismus.

Nähmaschinenliebhaber Hans Georg Lünstroth in seiner Reparaturwerkstatt
Hans Georg Lünstroth und sein Nähmaschinenreich in der Elisabethenstraße 11 zu Hofheim. Foto: Monika Müller

Georg Lünstroths Laden hat sich nicht verändert. Nie, seit er da ist. Und wenn sich die Nähmaschinenwelt in den vergangenen drei Jahrzehnten noch so sehr verändert hat, in der Elisabethenstraße ist alles gleich geblieben. Sieht alles noch so aus wie 1988, als Lünstroth den Laden mit großer Schaufensterfront übernommen hat. „War alles schon drin“, sagt der Meister mit einem fast schelmischen Lächeln. Nicht der Mühe wert, sich um solche unwichtigen Äußerlichkeiten zu kümmern.

„Ing. K. Stanke“ steht in klaren geraden Buchstaben und blasser Farbe an der Fassade. Man sieht, dass sie aus einer anderen Zeit stammen. Karl Stanke hat hier früher mal Näh- und Strickmaschinen repariert, ein altes Familienunternehmen weitergeführt, das der Opa 1887 in Schlesien gegründet hatte. Und dann kam 100 Jahre später Georg Lünstroth ins Geschäft. Und ist immer noch da. Repariert jetzt die Nähmaschinen der Neuzeit, nimmt alte in Zahlung und nebenbei Aufträge für Stempel und Schilder an.

Das Geschäft „Ing. Karl Stanke Inh. Georg Lünstroth“, so steht es heute auf der schlichten Visitenkarte mit Nähmaschinensymbol, ist ein Relikt. Die Jalousie, die starkes Sonnenlicht abhalten soll, hängt schief im Fenster, vergilbt wie so einiges mehr. Im Schaufenster keine aufwendige Dekoration, nur ein paar neue Nähmaschinen auf in die Jahre gekommenem Teppichboden. Und das Pfaff-Markenschild, weiße Großbuchstaben auf rotem Grund. Hinter der Glasfront: Laden, Lager, Werkstatt mit Blick auf die Straße, auf der die Neuzeit vorbeirauscht.

Junge Mädchen und Frauen gehen achtlos am Laden vorbei, für sie ist er unsichtbar. Aber ältere Mädchen, mit grauem Haar, Brille und eher unauffällig gekleidet, kommen gerne vorbei. Lünstroths Kundschaft. Frauen, die noch selbst nähen oder Kleidung ausbessern. Auf einer modernen Pfaff, Singer, Bernina oder brother vom Typ Anniversary Innov’is 10, die arbeitet wie ein kleiner Nähcomputer.

Immer Scherz auf den Lippen

Für zehn Spulen zu fünf Euro kommt die Frau aus Hofheim in Lünstroths Laden. Hier wird sie freundlich und zuvorkommend bedient, einen Scherz hat der kleine Mann mit dem Schnauzbart immer auf den Lippen. Schon als Kind war sie mit ihrer Mutter hier im Laden und Georg Lünstroth noch nicht da. Später hat sie sich selbst eine Maschine hier gekauft und jetzt auch eine für ihre Tochter. „Schön, dass es ihn gibt“, sagt sie. „Wenn man mal was braucht oder was dran ist an der Nähmaschine.“

Vor allem an den Billigdingern, gefertigt in Korea, Vietnam, ach, im ganzen asiatischen Raum, ist immer was dran. „Müll“, sagt Georg Lünstroth dazu, manchmal auch „Dreck“. Ohne böse Miene sagt er das. Ab 80 Euro gibt’s die Dinger, das kann einfach nichts sein, weiß der Mann, der nach Jahren als Mechaniker in der Schweiz seinen Meister in Düsseldorf gemacht hat. Als die Branche auch in Deutschland noch lebte. Meistens ist gar nicht viel kaputt, aber es reicht, dass etwa der Faden immer wieder reißt. Weil Nähmaschinenbau feinste Maßarbeit ist und Zehntelmillimeter-Abweichungen fatale Folgen haben.

Lünstroth kann das wunderbar erklären an seiner alten Pfaff mit der Kurbel auf der Seite und dem Tretpedal am Tisch, in den man die Maschine so schön versenken kann. Oberfaden, Unterfaden, die Druckfeder zum Festmachen des Fadens, Greifer, Schiffchen, Schlingenfänger, alles Präzisionsarbeit im dazu noch schönen Design der Nähmaschinen-Frühzeit. Heute stellen sich manche Leute so etwas als Dekorationsstück hin. Im Laden sind die Pfaff, eine alte Singer und eine Veritas K. „aus dem Osten“ die optischen Highlights zwischen den asiatischen Kleincomputern mit ihren Macken. Sie wirken wie aus der Zeit gefallene Fremdkörper, während der Ladeninhaber mit dem Interieur seines Reichs in perfekter Symbiose zu leben scheint.

Hinter dem Laden hat Georg Lünstroth noch eine Werkstatt mit Lager, oft arbeitet er aber direkt im Showroom, wie man das heute nennen würde. Auf dem alten Tresen, der wie Tisch und Fußboden mit Teppichboden belegt ist. Zum Dämpfen der Geräusche, wenn der Motor bei Operationen am offenen Herzen der Maschine läuft. Nur so kann Lünstroth manchmal den Fehler finden, so kann er alle Funktionen kontrollieren und mit ruhiger Hand Schwachstellen beseitigen, die seine scharfen Augen entdecken. Auf und hinter dem Tresen liegt Werkzeug verteilt, überall offene Schachteln mit Garnrollen, Spulen, Nadel. Beim Eintreten in das Nähmaschinenreich steigt der Geruch von Öl und Lösungsmitteln in die Nase.

Und es fällt sofort ein anderes Öl auf, wenn man es nicht schon von draußen erspäht hat. Georg Lünstroth hat ein Faible für Ölmalerei. Die Bilder an den Wänden sind keine Kaufhaus-Drucke in altmodischen Rahmen, es sind alles echte Lünstroths, zum Teil auch signiert. Die Liebe des malenden Nähmaschinenmeisters gilt den Impressionisten. Renoir hat er kopiert, das berühmte „Frühstück der Ruderer“ etwa und das „Mädchen mit der Gießkanne“, Cezannes Stilleben, Monets Seerosen und Edgar Degas.

„Es gab Zeiten, da war das Malen ein Muss mit Lust und Wille“, sagt Maler Lünstroth. Und mit Liebe zum Detail wie bei den Nähmaschinen. Als das Muss, den Pinsel zu ergreifen, vielleicht wieder einmal stärker war, als der Wille, den Schraubendreher zu packen, um einen Korea-Import zu öffnen, hat Lünstroth wohl diesen handgeschriebenen Zettel an die Ladentür gehängt: „Heute sind wir ca. eine Stunde später da“, steht darauf.

Der Laden von Georg Lünstroth mit eigener Werkstatt für alle Fabrikate ist in der Elisabethenstraße 11 in Hofheim. Beratung, Service und Verkauf täglich von 9 bis 13 und 15 bis 18 Uhr außer mittwochs und samstags, da ist von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Tel.: 06192/5579.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen