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Historiker Udo Engbring-Romang „Vorurteile haben eine Funktion“

Der Historiker Udo Engbring-Romang zum Konzept der geplanten Ausstellung.

Ausstellung "Frankfurt-Auschwitz" in Frankfurt. Foto: Michael Schick (Michael Schick)

Sie sind Autor der geplanten Dauerausstellung „Zigeuner“-Bilder. Was ist so schlimm am romantischen Bild vom fahrenden Volk?
Ich würde es nicht von der moralischen Seite her betrachten, sondern es sind Bilder, die Menschen übergestülpt werden, die dafür gar nichts können. Selbst wenn man die romantischen Bilder wie Freiheit oder Musikalität nimmt, die positiv gemeint sind, kann dies auch wieder negativ geäußert werden. Etwa wenn jemand musikalisch ist und deshalb angeblich nicht „arbeitet“, dann hat der eine oder andere die Vorstellung: „Na ja, das ist ja so ein Völkchen, die gehören nicht in unsere Zeit, unsere Gesellschaft oder auch unseren Staat.“

Welche negativen Bilder existieren heute noch?
Ein klassisches Bild ist, dass Sinti und Roma heimatlos, nomadisch, nicht irgendeinem Staat oder einer Gesellschaft verbunden sind. Obwohl die Mehrheit der Sinti und Roma in der Bundesrepublik einen festen Wohnsitz hat, heißt es meist, wenn man nach Vorurteilen fragt: „Die sind nicht sesshaft.“ Das zweite Vorurteil, das heute wahrscheinlich noch häufiger ist, ist, dass man sagt: „Das sind Kriminelle.“ Ein Vorurteil, das immer wieder klischeehaft im Fernsehen, in Filmen oder anderen Medien auftaucht.

Die Dauerausstellung soll also nicht nur einen historischen Abriss der Geschichte der Sinti und Roma geben?
Nein, sondern eine Geschichte der Bilder von ihnen und ihrer Wirkung auf die Minderheit. Eine Ausstellung über die Geschichte der Vorurteile. Die Geschichte der Sinti und Roma spielt hier natürlich mit hinein.

Lässt sich eine solche Geschichte der Vorurteile auch auf andere verfolgte Minderheiten übertragen?
Sicher nicht mit denselben Bildern. Wenn aber alles pädagogisch-didaktisch gut gelungen ist, kann natürlich ein Transfer stattfinden. In der Art: „Ah, wir haben die Vorurteile gegen diese Gruppe, haben wir nicht auch ähnliche Vorurteile gegen jene Gruppe?“ Ein Beispiel ist eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin gewesen, wo auch solche Klischees – bezogen auf Juden – dargestellt wurden. Gezeigt wurden unter anderem auch Postkarten, die vor 100 Jahren den reichen Juden, den verschlagenen Juden und den habgierigen Juden abbildeten. Dabei handelt es sich auch um Projektionen und bildlich dargestellte Vorurteile.

Laut Studien ist die Diskriminierung der Sinti und Roma die derzeit größte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Wie kann man so etwas überhaupt messen?
Man kann die Anzahl derjenigen messen, die große Vorurteile haben. Das ist seit den 1990er Jahren in moderneren Untersuchungen geschehen, und es ist auffällig, dass die Zahl derjenigen, die Sinti und Roma aufgrund von Vorurteilen ablehnen, besonders groß ist. Sie liegt etwa in einem Bereich von 40 bis 60 Prozent. Beispielsweise lehnen es etwa 50 Prozent der Befragten ab, neben Sinti und Roma leben zu wollen, obwohl sie persönlich keine kennen.

Wie kann eine Ausstellung über Vorurteile diese bekämpfen?
Ein reines Vor-Augen-führen reproduziert wahrscheinlich die Vorurteile nur. Deshalb müssen die Bilder – etwa klassische Gemälde, Textauszüge oder Filmausschnitte – in einen entsprechenden Kontext gestellt werden. Das geschieht auch in Form von Augenzeugenberichten Betroffener, Projektionen, Computeranimationen oder akustischer Signale. Es sollen alle Sinne angesprochen werden. Die Ausstellung ist in vier Teile gegliedert: Spätmittelalter bis zur bürgerlichen Revolution, Nationalstaatlichkeit bis zum Ende der ersten Demokratie 1933, Verfolgung und Völkermord im Nationalsozialismus und vom Umgang mit Sinti und Roma nach 1945 bis heute.

Will das Zentrum auch an den Völkermord erinnern?
Ja, das ist ein eigener Teil innerhalb dieser Ausstellung. Gerade für den Abschnitt des Völkermords haben wir viele Interviews mit Überlebenden, die sich unter anderem auch zu bestimmten Vorurteilen äußern, indem sie ihre eigene Geschichte erzählen, wie und was sie gearbeitet haben und sie dann trotz alledem, was sie als „normale“ Bürger zeigte, aus rassistische Gründen in Konzentrationslager und später Vernichtungslager gebracht wurden.

Es ist das erste Mal, dass eine Ausstellung auch fragt: Was nutzten die Vorurteile den Herrschenden?
Ja, es geht auch darum, welche Funktion Vorurteile in welcher historischen Situation haben. Am besten kann man dies am Zeitalter des Absolutismus darstellen, wo es sehr viele Edikte gegen Sinti und Roma gegeben hat, die zwar eindeutig auf Ausgrenzung abzielten, aber gleichzeitig Teil der innereuropäischen Sozialdisziplinierung waren. Was tendenziell auch schon bei Martin Luther zu sehen gewesen ist, der gegenüber den Juden sagte: „Wenn Ihr Euch nicht benehmt, werdet Ihr behandelt wie die Zigeuner.“ So wurde das Bild des „Zigeuners“ benutzt, um negativ pädagogisch zu arbeiten und etwa Gehorsam durchzusetzen. Und damit kann man beispielsweise die Funktion von Vorurteilen erklären. Das reduzierte sich nicht nur auf die Herrschenden, sondern gab auch den Beherrschten die Möglichkeit, noch jemanden unter sich zu haben.

Ist das geplante Zentrum in Darmstadt in seiner Ausrichtung demnach etwas Neues in Deutschland?
Ja. Es gibt zwar schon Büros der Landesverbände und des Zentralrats der Sinti und Roma. Es gibt das Dokumentationszentrum in Heidelberg mit Nebenstelle in Berlin, die eher die Betonung auf der Verfolgungsgeschichte des Nationalsozialismus oder eher auf aktuelle Äußerungen von Künstlern, Musikern und Darstellungen sowie der vergangenen 300 Jahre legen. Und dann gibt es noch das Kulturzentrum Romnokher in Mannheim des Landesverbands Baden-Württemberg, auch mit eigenem Kulturhaus und Außenstelle in Berlin. In Darmstadt wird jetzt der Versuch gemacht, die Perspektive noch einmal zu drehen und gleichzeitig Aufklärungsarbeit von diesem Zentrum in die Rhein-Main-Region oder auf ganz Hessen bezogen hineinzubringen.

Warum ausgerechnet in Darmstadt?
Die Bürgerrechtsbewegung der in der Bundesrepublik beheimateten Sinti und Roma hat einen ihrer Ausgangspunkte 1979 in Darmstadt gehabt. Und auch die Vorläuferorganisation des heutigen Zentralrats als Dachorganisation war in Darmstadt beheimatet, bevor sie nach Heidelberg gezogen ist. 1981 wurde in Darmstadt der Landesverband Hessen gegründet.

Interview: Claudia Kabel

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