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Hintergrund Salafismus als Jugendbewegung

Eine Islamforscherin über den Zulauf zu radikalen Gruppen und den Boom im Präventionsmarkt.

Der Salafismus sei für junge Muslime, aber auch für Nicht-Muslime trotz des militärischen Rückzugs der Terrormiliz „Islamischer Staat“ nach wie vor „unglaublich attraktiv“, sagte die Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Goethe-Universität gestern in Offenbach, wo sie gemeinsam mit der Presse die neue Beratungsstelle gegen religiös motivierten Extremismus besuchte. 

Der ungebrochene Zulauf zu salafistischen Gruppen ist für die Professorin, die in Stadt und Kreis Offenbach Präventionsprojekte gegen salafistische Radikalisierung beratend begleitet, ein Beweis, dass das Problem nicht abebbt, „obwohl die Strahlkraft des IS abnimmt“. Nach ihren Worten ist der Salafismus europaweit die am schnellsten wachsende Jugendbewegung. Schröter räumte ein, „dass wir noch nicht den Schlüssel dazu gefunden, warum das so ist“.

Nach ihren Worten gibt es zwei Leithypothesen, weshalb sich junge Menschen vom    salafistischen Milieu angezogen fühlen. Die eine These besage, es liege an einer missglückten Integration, an Diskriminierung und der prekären Lage der jungen Menschen. Dieser Annahme widerspricht allerdings die Erfahrung mit radikalen Salafisten in Großbritannien, die häufig aus dem Mittelstand stammen und akademisch gebildet sind.

Die zweite These geht Schröter zufolge vom Missbrauch der Religion aus, die Jugendlichen ein einfaches Erklärungsmuster der Welt anbiete und das Paradies verspreche. In einem Vortrag in der Reihe „Goethe lectures Offenbach“ hatte sie gemeint, dass vor allem Teenager aus eingewanderten Familien anfällig für diese Ideologien seien. Der Extremismus zeige ihnen eine Perspektive. Die Paradies-Prophezeiung sei besonders für jugendliche Männer attraktiv, die schon einmal im Leben gescheitert seien. „Auch wenn du immer ein Verlierer warst, im Jenseits bist du ein Gewinner“, werde ihnen eingeredet.

Die Wissenschaftlerin lobte gestern zwar das Präventions- und Deradikalisierungs-Programm des Landes Hessen, das frühzeitig „dicke Pflöcke“ eingeschlagen, sehr gute Strukturen aufgebaut und mit dem „Violence Prevention Network“ (VPN) einen „Leuchtturm“ geschaffen habe. „Aber das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt“, sagte Schröter und forderte, Praxis und Wissenschaft stärker zu vernetzen. Forschungsergebnisse müssten in der konkreten Arbeit berücksichtigt und die Wirksamkeit der Projekte überprüft werden.

Skeptisch äußerte sie sich über die sich rasant vermehrenden Aussteigerprogramme für Islamisten, die angesichts praller Fördertöpfe vielerorts aus dem Boden sprießen. „Im Moment sind viele dieser Projekte mit Vorsicht zu genießen“, sagte sie und bedauerte, dass die Evaluierung einzelner Maßnahmen vernachlässigt oder Evaluierungsergebnisse nicht veröffentlich würden. Nach ihren Angaben ist die salafistische Szene in Hessen seit zwei Jahren nicht gewachsen.

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