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Hessnatur Konkurrenz aus dem eigenen Haus

Hessnatur kennt jeder: Textilien mit dem guten Gefühl, der Umwelt nicht zu Leibe zu rücken. Nun aber wollen Mitarbeiter und Kunden dem Ökotextil-Händler zu Leibe rücken und eine Konkurrenzfirma gründen. Ihnen missfällt die Übernahme durch ein Private-Equity-Unternehmen.

27.09.2012 17:42
Bernd Salzmann
Die Hessnatur-Kunden finden, ihre Firma funktioniere nicht mit Private Equity zusammen. Foto: dapd

Hessnatur kennt jeder: Textilien mit dem guten Gefühl, der Umwelt nicht zu Leibe zu rücken. Nun aber wollen Mitarbeiter und Kunden dem Ökotextil-Händler zu Leibe rücken und eine Konkurrenzfirma gründen. Ihnen missfällt die Übernahme durch ein Private-Equity-Unternehmen.

Der  Konflikt  bei Deutschlands renommiertem Ökotextil-Händler Hessnatur eskaliert. Die HnGeno, ein Bündnis von Hessnatur-Mitarbeitern und Kunden des Versands, erwägt den Aufbau eines Konkurrenzunternehmens.      Bislang  war es das alleinige Ziel der Genossenschaft, Hessnatur zu erwerben. Den Zuschlag dafür  erhielt im Juni jedoch Capvis, eine Private-Equity-Gesellschaft aus der Schweiz.

Bereits unmittelbar nach der Entscheidung für Capvis äußerten sich  Kunden ablehnend über den neuen Eigentümer. „Solange Hessnatur dem Investor Capvis gehört, werde ich keinerlei Produkte mehr beziehen und mich als Kunde bei Hessnatur streichen lassen“, heißt es beispielsweise auf der Website  wir-sind-die-konsumenten.de. Oder: „Das, wofür Hessnatur steht, lässt sich nicht mit den Interessen eines rein profitorientierten Finanzinvestors vereinbaren.“

Das grundsätzliche Misstrauen gegenüber der Private-Equity-Gesellschaft blieb bei HnGeno  auch   nach dem Bekenntnis von Capvis  „zu den Mitarbeitern, zu den hohen sozialen und ökologischen Standards und zu allen Standorten“ bestehen. Dazu trug bei, dass der neue Eigentümer sich Anfang August überraschend vom langjährigen Geschäftsführer Wolf Lüdge trennte  und Fragen nach den Gründen mit Hinweis auf die Verschwiegenheitspflicht nicht beantwortete. Hinzu kam, dass Johannes Mosmann, der Betreiber der  Website wir-sind-die konsumenten.de,   unter den Investoren eines Capvis-Fonds  die  US-Gesellschaft  HarbourVest ausmachte, die in den  Rüstungsproduzenten Avio investiert sein soll.

82 Prozent wollen neu anfangen

Die Unmutsäußerungen im Netz blieben nicht ohne Folgen.  Barbara Geisel, die Vorstandsvorsitzende der HnGeno-Treuhänderin  Geno Equity,  ergriff die Initiative: Mit  einem  Brief an die  rund 2200  Hessnatur-Sympathisanten, die HnGeno zuletzt Geld für eine Übernahme von Hessnatur bereitgestellt hatten, sondierte sie die Bereitschaft, zu Hessnatur  „eine Alternative zu entwickeln und zu etablieren“. Das Ergebnis liegt jetzt vor: Vier von fünf Befragten gaben eine Rückmeldung ab, 82 Prozent davon votierten für den Aufbau eines neuen Unternehmens in Genossenschaftshand. Nur sieben Prozent waren definitiv dagegen.

Schon im kommenden Jahr könnte das neue Unternehmen am Markt auftreten, nicht mit einem großen Sortiment wie Hessnatur, aber mit Basics, sagte sie im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Eine Entscheidung für den Aufbau eines Konkurrenten   brächte Hessnatur-Beschäftigte,  die sich bei HnGeno engagieren,   in die Bredouille. Auch Betriebsratsvorsitzender Walter Strasheim-Weitz geriete als HnGeno-Vorstand in die Klemme,  zumal er in dieser Woche bereits  vom Hessnatur-Management schriftlich aufgefordert wurde, „sich eindeutig und öffentlich von den Boykottaufrufen zu distanzieren“ und sich „zeitnah“ für ein Engagement im Betriebsrat oder bei HnGeno zu entscheiden. In seinem Fall liege  ein    Interessenkonflikt vor. Strasheim-Weitz wollte sich dazu   auf FR-Anfrage nicht äußern.

Umstrittene neue Chefs

Unterzeichnet ist der Brief von allen elf Führungskräften, darunter  Marc Sommer (Ex-Bertelsmann, Ex-Arcandor) und Maximilian Lang (Ex-Esprit, Ex-Otto), die am Mittwoch auf einer Mitarbeiterversammlung von Capvis als das neue Chef-Duo vorgestellt wurden, wobei Sommer  vom 1. Oktober an als Vorsitzender der Geschäftsführung fungiert. 

Sommer, wegen seiner Zeit bei   Arcandor (Karstadt,  Quelle) umstritten,  meint, in der Belegschaft bereits Sympathien gewonnen zu haben.  „Es zeigt sich jetzt deutlich, dass Capvis ein guter Eigentümer ist“, sagte er im Gespräch mit der  FR. Zudem  hätten  die Beschäftigten weder ein Interesse an einem Kaufboykott  noch an zusätzlicher Konkurrenz und begegneten HnGeno mit wachsendem Misstrauen. „Es kehrt wieder Ruhe ein“, sagte Sommer.  

So schnell wie möglich will er nun mit einer neuen Kollektion auf  den Markt,  die ökologisch einwandfrei bleiben, aber moderner erscheinen und damit  besser zu verkaufen sein soll.  Indirekte Unterstützung erhielt Sommer jetzt von Martin Hess, dem Sohn des  verstorbenen Firmengründers.  In einem Offenen Brief sprach sich Hess dafür aus, die Konflikte  beizulegen und  kein neues  Unternehmen aufzubauen: „Aus anfänglicher Sympathie für HnGeno ist eine große Enttäuschung geworden.“

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