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SPD Sachsenhausen Wut auf die „Gurkentruppe“

Beim SPD-Ortsverein Frankfurt-Sachsenhausen wächst nach der Landtagswahl die Wut gegen den Bundesvorstand der eigenen Partei. Kritik gibt es auch an Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel.

SPD
Frederik Michalke vom SPD-Vorstand redet, Ortsvereinschefin Katharina Stier (l.) hört zu. Foto: C. Boeckheler

Draußen in der Dunkelheit tigern Menschen mit dem Handy am Ohr auf und ab. Abends spät versucht der Frankfurter SPD-Chef Mike Josef in einer Telefonkonferenz mit den Vorsitzenden der 43 Ortsvereine, die aufgewühlte Basis zu beruhigen. 48 Stunden nach dem SPD-Debakel bei der Hessenwahl versammelt sich drinnen in der „Klosterpresse“ in Sachsenhausen Frankfurts größter Ortsverein. Doch von 350 Mitgliedern sind nur wenig mehr als zehn Prozent gekommen. Sie hocken auf den einfachen Holzstühlen, die Stimmung schwankt zwischen Wut, Defätismus und trotzigem Aufbruch.

Frankfurt am Main ist wie stets eine Speerspitze des linken Parteiflügels. Ein Papier liegt vor, in dem eine sofortige Urwahl des SPD-Bundesvorstandes gefordert wird. Es entlädt sich die über Monate angestaute Unzufriedenheit mit dem Agieren der SPD-Spitze. „Diese Gurkentruppe, haben die kein Hirn?“, ruft ein renommierter Rechtsanwalt: „Sägen ihren eigenen Staatssekretär ab, schicken Nato-Truppen an die Ostgrenze – das ist keine sozialdemokratische Politik, das ist Scheiße!“

Etliche fordern den Ausstieg aus der großen Koalition und den Wechsel des Führungspersonals. „Die alten Gesichter müssen weg“, sagt Michael, und dann kommt der zentrale Vorwurf: „Ich glaube denen nicht mehr!“ Christian nennt es „den Heldentod, was wir gerade machen“. Seine Schlussfolgerung: „Die Groko ist Bullshit, lasst Merkel mit einer Minderheitsregierung weitermachen.“

Auch massive Unzufriedenheit mit dem Führungspersonal in Hessen wird laut. Lilli, 45 Jahre in der SPD, nennt Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel „schrecklich uncharismatisch“. Und zum langjährigen SPD-Vorsitzenden in Südhessen, Gernot Grumbach, fällt ihr nur ein: „Der ist so träge, das ist traurig.“ Überhaupt fehle der Partei „die Fröhlichkeit“. Großer Beifall.

Kritik an Thorsten Schäfer-Gümbel

Jan kritisiert die Landes-Kampagne der SPD: „Die Inhalte waren schwammig, es gab keine klaren Aussagen.“ Schäfer-Gümbel trete „technokratisch“ und spröde auf. Fritz erinnert wehmütig an die Jahre mit Willy Brandt an der Parteispitze und fordert bündig, „die Kappen in Berlin abzuschießen“. Johanna nennt das Delegiertenprinzip in der Partei „total undurchsichtig: „Von wem wird eigentlich der Bundesvorstand gewählt?“ Sie warnt: „Wir haben nicht mehr viel Zeit!“

Auch die Gäste an diesem Abend fordern rasches Handeln. Lino Leudesdorff, Vize-Bundesvorsitzender der Demokratischen Linken, sagt bündig: „Wenn wir nichts ändern, sind wir die Letzten in 150 Jahren Parteigeschichte.“ Der Sozialstaat in Deutschland stehe massiv unter Druck, die soziale Spaltung zwischen Arm und Reich wachse. In dieser Lage müsse die SPD spätestens beim Bundesparteitag 2019 „die Spitze austauschen“.

Frederik Michalke, Juso und Beisitzer im Frankfurter Vorstand, schlägt Juso-Chef Kevin Kühnert als neuen Bundesvorsitzenden der Partei vor. Großes Hallo im Saal. Das geht einigen doch zu weit.

Die Kritik an der Bundesspitze eint alle. Doch es gibt auch einige wenige, die davor warnen, die Bundesregierung zu verlassen. „Wir sollten in der Groko bleiben, die Leute haben keinen Bock auf die nächste Wahl“, urteilt Johannes und verlangt: „Wir müssen den Arsch zusammenkneifen und zeigen, dass wir in der Regierung etwas geregelt bekommen.“ Hartmut nennt die Kritik an den Berlinern sogar „völlig respektlos gegenüber unseren eigenen Genossen“.

Für die Ortsvereinsvorsitzende von Sachsenhausen, Katharina Stier, ist klar: „Wir brauchen ein starkes Signal, dass wir verstanden haben.“ Und deshalb schreiben die Sachsenhäuser am Ende, schon tief in der Nacht, einen Brief an die Bundesvorsitzende, der mit den Worten beginnt: „Liebe Andrea, lieber Bundesvorstand.“ Und in dem es weiter heißt: „Wir wünschen uns mehr Mut und mehr klare Kante statt Angst und schöngeredete Kompromisse.“

Frankfurt, sagen die selbstbewussten Sachsenhäuser, sei stets „Vorreiter von Entwicklungen“ in der SPD gewesen. Deshalb fordert der Ortsverein die Abkehr von der Agenda 2010, eine sozialökologische Ausrichtung der Partei, den Austritt aus der großen Koalition und die Neuwahl des Bundesvorstandes per Urwahl. Und endet mit „solidarischen Grüßen“.

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