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Landtagswahl Hessen Faktencheck Was die Parteien gegen Fluglärm tun wollen

Flughafenausbaugegner fühlen sich von der hessischen Landesregierung im Stich gelassen. Was sie von der Politik erwarten - und wie die Parteien zum Thema Fluglärm stehen.

Widerstand
Gelb ist auch in Raunheim die Farbe des Widerstands: (von rechts) Horst Bröhl-Kerner, Brigitte Kerner, Kerstin Klein, Tobias Terweide. Foto: Monika Müller

Das heute ist ein guter Abend. Seit ein paar Stunden schon herrscht Westwind. Die Flugzeuge sind zwar zu sehen und zu hören, aber ausnahmsweise mal nicht so laut, dass sie das Gespräch im schattigen Naturgarten der Familie Bröhl-Kerner ständig unterbrechen würden. „Das ist jetzt richtig leise“, sagt Tobias Terweiden (47) von der Bürgerinitiative (BI) gegen Fluglärm Raunheim, und seine drei Mitstreiter am Tisch nicken zustimmend.

Heute früh, als der Wind noch von Nordosten kam, war die Situation komplett anders. Da fanden die Landeanflüge auf den Flughafen direkt über den Dächern in der Bahnhofstraße in Raunheim statt. Und das bedeutet Krach ohne Ende. Draußen entspannt Kaffee trinken? Keine Chance. Der Garten ist unbenutzbar. 3195 Euro Außenwohnbereichsentschädigung zahlte Fraport pro Haus in der Tagschutzzone 1 einmalig. Damit war für sie das Thema erledigt.

Für die Menschen, die darin leben, ist es das nicht. Seit 115 Jahren befindet sich das Haus im Besitz der Familie von Horst Bröhl-Kerner. Der 64 Jahre alte BI-Sprecher war schon gegen den Bau der Startbahn West in den 80er Jahren auf die Straße gegangen. Er wusste also, was ihn erwartet, als er 1993 wieder in seine Heimatstadt zurückkehrte. Wobei es damals hieß, nach dem Bau der Startbahn habe die Expansion des Airports ein Ende.

Hatte sie nicht. Raunheim gilt als eine der am stärksten von Fluglärm belastetete Kommune im Rhein-Main-Gebiet. Und die Frau des BI-Sprechers hatte die Auswirkungen durch den fünf Kilometer entfernten Flughafen unterschätzt. Wohl auch nicht damit gerechnet, dass der Airport weiter wächst. „Wegen der vielen Erinnerungen und weil so ein Garten immer mein Traum war“, sei sie damals mit ihrem Mann vom Frankfurter Nordend in dessen Elternhaus gezogen. Eine Entscheidung, die die 63-Jährige bitter bereut hat: „Das war der größte Fehler meines Lebens“, sagt Brigitte Kerner. Jetzt fühlt sie sich zu alt, um anderorts noch einmal neu anzufangen. „Die Centerbahn geht direkt über uns, das ist nervig, vor allem morgens.“ Seit April gehe es nahezu ununterbrochen so. „Irgendwann liegen die Nerven blank.“ Zum Krach, der immer häufiger erst um Mitternacht abebbt, kommt die Gefahr durch Wirbelschleppen und Luftverschmutzung.

Den politischen Willen, daran etwas zu ändern, sehen die vier Flughafenausbaugegner nicht. Am Gartentisch in der Bahnhofstraße sinnieren sie gemeinsam, was sie sich von der am 28. Oktober neu zu wählenden Landesregierung wünschen. Auf die Leistungsbilanz des zuständigen grünen Minister Tarek Al-Wazir ist hier keiner gut zu sprechen. „Lärmpausen, Lärmobergrenzen, das ist alles Geschwätz, davon wird nichts leiser.“ Er habe nicht erwartet, dass die Grünen als kleiner Koalitionspartner bei der CDU viel durchsetzen können, fährt Bröhl-Kerner fort. „Aber er sollte zumindest ehrlich sein.“ Kerstin Klein ist ebenfalls desillusioniert. „Ich hoffe immer noch, dass eine kleine Partei entsteht, die es ernst meint mit dem, was in ihrem Programm steht.“

Nach der Eröffnung der Landebahn Nordwest hat sich die 42-Jährige den Ausbaugegnern angeschlossen. Wegen der Starts von der Südumfliegung. „365 Tage im Jahr.“ Sie nervt das, ihr Mann sei als gebürtiger Raunheimer da härter im Nehmen. Eine im Ort häufig praktizierte Überlebensstrategie, sagt Bröhl-Kerner: „Viele spielen das Problem runter, reden es klein.“

Das Argument Arbeitsplätze jedenfalls ist für Klein keines, obwohl die Speditionskauffrau selbst am Flughafen arbeitete. Viele der neu entstandenen Jobs dort seien schlecht bezahlt, sagt sie. Etwa bei den Billig-Airlines. „Fraport sourct alles aus, es werden keine Tariflöhne mehr bezahlt“, bekräftigt Bröhl-Kerner. Er fordere auch nicht, den Flughafen komplett zu schließen, stellt Terweide klar. „Wir wollen nur eine umweltverträgliche Reduzierung der Flugbewegungen.“

Den Raunheimern geht es um mehr als um den Lärm, der Kerner dazu zwingt, mit Ohrenstöpseln zu schlafen. Terweide sorgt sich um das Leben seiner Kinder. Als vor vier Jahren in der Adalbert-Stifter-Straße Ziegel herunterfielen, die eine von einem Flugzeug erzeugte Wirbelschleppe gelöst hatte, hatten die drei Kleinen fünf Minuten zuvor an derselben Stelle gespielt. Das könne jederzeit wieder passieren, der Hauseigentümer wolle sein Dach nicht zusätzlich sichern lassen. Denn Fraport zahle alleine die Klammerung, nicht die oft dazu notwendige Dachlattung. Auch Bröhl-Kerner ist deshalb noch mit Fraport in Verhandlungen. Es sei ohnehin fraglich, ob diese Technik wirkt, fügt er hinzu. „Fraport hat keine Ahnung, wie viel Kraft in so einer Wirbelschleppe steckt.“ Und wenn es zu einem Unfall kommt, dann werde versucht zu vertuschen, ergänzt Terweide. Denn untersucht werde ein Vorfall nur von Fraport, nicht von der Polizei.

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