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Landtagswahl Hessen Faktencheck Was die Parteien für Schulen und Bildung tun wollen

Wie ist die Stimmung in Hessen vor der Landtagswahl? Heute blicken wir auf das Thema Bildung und tragen zusammen, was die Parteien für Schulen wie beispielsweise die Anne-Frank-Schule in Offenbach tun wollen.

Unterricht
Lernziel Disziplin: erst reden, wenn man dran ist – Nicola Uhle-Weyers und die Jungen und Mädchen der Klasse 1c. Natürlich geht es auch um Zahlen und Buchstaben. Foto: Rolf Oeser

Es stimmt also wirklich, was Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sagt. „Die Stellenversorgung ist in diesem Schuljahr so gut wie noch nie“, bestätigt Hanne Opiolka. Klingt gut. Hat aber seine Haken. Opiolka leitet die Anne-Frank-Schule im Offenbacher Stadtteil Lauterborn. Das ist, um es einmal so zu sagen, ein Stadtteil, in dem auffallend viele Väter die Zeit haben, ihre Kinder morgens auf dem Schulweg zu begleiten. „Es gibt attraktivere Orte“, sagt Opiolka.

280 Kinder in 13 Klassen werden an der Anne-Frank-Schule unterrichtet. Rektorin Opiolka hat dafür 25 Lehrkräfte zur Verfügung, fast ausnahmslos Frauen. Längst nicht alle sind fertig ausgebildete Pädagoginnen. Das ist der eine Haken. „Wir haben zwar die Stellen“, sagt sie. „Aber wir können sie nicht so besetzen, wie es nötig wäre.“ Der Markt ist leergefegt. Lehrkräfte, die es sich aussuchen können, kommen nicht unbedingt hierher. Und die, die hier sind, genügen kaum, um den Anforderungen einer Grundschule wie hier in Lauterborn gerecht zu werden. Das wäre dann der zweite Haken. 

Die große Pause ist zu Ende. Dem Gewimmel auf dem Schulhof folgt der Versuch der Lehrerinnen, ihre Klassen wenigstens notdürftig in Zweierreihen aufzustellen. Immer wieder scheren Kinder aus, müssen noch Nachzügler integriert werden, bis es endlich in die Klassenräume geht.

Für die 21 Jungen und Mädchen der 1c von Nicola Uhle-Weyers beginnt die Stunde mit dem gemeinsamen Frühstück. In den Familien gehört dies nicht unbedingt zum Morgenritual. So bekommen wenigstens alle etwas in den Bauch. Dann geht es ans Lernen. Na klar, in der 1. Klasse sind erst einmal die Zahlen dran und die Buchstaben. Und es geht um das Lernen der Regeln: nicht einfach loszurufen, sitzen zu bleiben, das Spielzeugauto wegzuräumen und das Mäppchen auf den Tisch zu legen, wenn Frau Uhle-Weyers dazu auffordert.

„Fünf bis zehn Minuten, gerade einmal so lange halten viele der Jungen und Mädchen durch“, berichtet Konrektorin Nicole Schubert-Laux. Dann stehen sie auf, liegen auf dem Tisch, sagen Sätze wie „Ich kann nicht mehr“ oder „Mir ist langweilig“. „Sie halten Frustrationen kaum aus, geben sofort auf, wenn sie keinen Erfolg haben“, erzählt Schubert-Laux. Das Sich-auch-mal-Durchbeißen-können fehle. „Alles, was anstrengender ist als ein Klick auf dem Handy oder Tablet, muss erkämpft werden.“

Lehrerin Uhle-Weyers gibt auch Theaterunterricht, da geht es oft um Körperwahrnehmung. „Wenn sie rückwärts gehen sollen, müssen sich die Kinder dauernd umdrehen, um nicht hinzufallen“, sagt sie. „Wenn sie die Finger in der Luft zappeln lassen sollen, wackelt der ganze Arm.“

„Was wir hier tun, ist die alltägliche Inklusion“, meint Schubert-Laux. Das Unterrichten von Kindern mit ganz unterschiedlichen Begabungen und ganz viel Förderbedarf. Die Zahl derer, die besonders viel Aufmerksamkeit erfordern, hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagt Opiolka. Eigentlich müssten in jeder Stunde zwei Pädagogen gemeinsam unterrichten. Tatsächlich gelingt das nur etwa in jeder dritten Stunde.

Zwei Förderlehrerinnen auf eineinhalb Stellen gibt es an der Anne-Frank-Schule, das ist für eine Schule dieser Größe vergleichsweise viel. Und doch reicht die Zeit meist gerade dafür, die Lehrkräfte zu beraten. Das unmittelbare Arbeiten mit den Kindern, die Förderung brauchen, bleibe aus Zeitmangel fast ganz auf der Strecke. „Die reiben sich total auf und können doch nicht genug tun“, sagt Schubert-Laux.

Und die Eltern? Manche seien unwillig, nicht wenige auch unfähig, ihre Kinder zu erziehen, deren Neugier zu beflügeln, sie anzuleiten, ihr Leben zu gestalten. „Wir müssten hier jeden Tag noch viel mehr Erziehungsberatung leisten, als wir es jetzt schon tun“, sagt Uhle-Weyers. Protokolle schreiben, mit dem Jugendamt telefonieren, Förderpläne erstellen. Sie wissen, dass sie hier gegen Windmühlenflügel anrennen. Jeden Tag, jede Unterrichtsstunde aufs Neue.

Für Stadtteile wie Lauterborn hat die Landesregierung vor gut fünf Jahren den Sozialindex eingeführt. Schulen in einem schwierigen sozialen Umfeld (Muttersprache häufig nicht Deutsch, viele Hartz-IV-Empfänger, wenig Wohneigentum) erhalten demnach einen Zuschlag bei der Lehrerzuweisung.

Die Anne-Frank-Schule bekommt mit 35 Wochenstunden ein ziemlich großes Stück von diesem Kuchen. Doch sechs der 25 Lehrkräfte besitzen nur einen befristeten Vertrag. Die Studentin zum Beispiel, die – natürlich – noch nicht selbstständig unterrichten kann, auch wenn sie allein vor der Klasse stehen muss, weil sonst die Stundentafel überhaupt nicht zu erfüllen wäre.

„Wir müssen die Kolleginnen und Kollegen unterstützen, ihnen helfen, den Unterricht vorzubereiten“, sagt Uhle-Weyers. Die Zeit dafür müssen sie sich irgendwo abknapsen. Das kommt zu den Belastungen noch hinzu. Und trotzdem sind sie hier alle heilfroh, dass überhaupt die Stellen besetzt werden konnten.

Bessere Arbeitsbedingungen gefordert

Und eine Zulage von 300 Euro, wie es sie in Berlin für Lehrkräfte gibt, die an Schulen in schwierigem sozialem Umfeld gehen? „Was hilft uns das?“, fragt Schubert-Laux zurück. „Was wir brauchen, das sind bessere Arbeitsbedingungen.“

Natürlich ist die Bezahlung schon ein Thema. Aber dabei geht es vor allem um das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. „Wir sollten genauso viel bekommen wie Lehrer am Gymnasium“, sagt Uhle-Weyers. „Was wir hier tun, ist mindestens so anstrengend und anspruchsvoll wie die Arbeit in der Oberstufe“, ist sie überzeugt. A13 statt A12, das wären auch ein paar Hundert Euro im Monat mehr. Und das Gefühl, wertgeschätzt zu werden.

Und dann sind da ja noch jene Jungen und Mädchen, die aufmerksam sind, die sich melden, nicht hineinrufen, gerne lernen und mehr wissen wollen – und das sind die meisten. „Manchmal gehe ich nach Hause und frage mich, ob ich heute einem dieser Kinder etwas Liebes gesagt habe“, erzählt Schubert-Laux. „Dabei bin ich mal Lehrerin geworden, weil ich Freude vermitteln wollte am Lernen.“ Die knappe Aufmerksamkeit, sie wird absorbiert von jenen, die so viel mehr an Unterstützung brauchen, um zu lernen.

Und dann das Gebäude: Fenster, die nicht schließen oder einem entgegenfallen, wenn man sie öffnen will. Ein Computerraum, bei dem die Sicherungen durchbrennen, wenn mehr als zehn Geräte auf einmal laufen. Klassenzimmer, die keinen Raum lassen für die Arbeit in kleinen Gruppen. „Wir versuchen, es irgendwie am Laufen zu halten,“ sagt Opiolka. Sie ist überzeugt, dass viele Grundschulen überhaupt nur noch funktionieren, weil da vor allem Frauen arbeiten. „Nur die halten diese Dauerbelastung aus“, sagt sie.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Hessen

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