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Landtagswahl Hessen Faktencheck Was die Parteien für die Landwirtschaft tun wollen

Am Rande des Vogelsbergs schafft ein Demeter-Betrieb Arbeitsplätze und bietet Stadtkindern Anschauungsunterricht. Zur Landtagswahl in Hessen fragen wir die Parteien, was sie für ihn und andere Bauern tun wollen.

Biobauer
Das Grünfutter hat Biobauer Koch am Morgen vom Acker um die Ecke geholt. Doch es wächst nicht so gut wegen der Trockenheit. Foto: Monika Müller

Zwei Ziegen im Stall, der Hahn thront auf dem Berg von Grünfutter, an dem sich die Kühe bedienen. Eine junge Katze döst auf der Kupplung eines Hängers. Die Szene im Hof von Wolfgang Koch hat viel von ländlicher Idylle. Von heiler Welt, von Einklang mit der Natur. Von einem Lebensentwurf, der so wenig passt in die Zeit der hochtechnisierten Landwirtschaft, in der in vielen Betrieben Masse das einzige und alleinige Kriterium darstellt. Der 62-Jährige geht den anderen Weg. Den des „Klein, aber fein und nachhaltig“. Den des Wirtschaftens mit sozialer Verantwortung.

Im Jahr 1984 hat er ihn eingeschlagen, als er die Hofreite im Ortskern von Nidda-Wallernhausen übernahm, die unter seinem Großvater zu der heute stattlichen Größe wuchs. Der Vater zog mit, als der Sohn den Hof im östlichen Wetteraukreis auf Öko umstellte, sich dem Anbauverband Bioland anschloss. Der Senior fand es gut, nicht so viel Geld für Dünger hinauszuschmeißen. „Nur das Geschwätz der Leute hat ihn gestört“, erinnert sich der Chef des Betriebs am Rande des Vogelsbergs, der acht Menschen ein Einkommen bietet und seit zwei Jahren nach Demeter-Kriterien arbeitet.

Damals war er ein Exot. Heute gewinnt man den Eindruck, dass der Mann in Latzhose und kariertem Hemd ein Trendsetter war. Die Zeiten, in denen Naturschutz und Landwirtschaft sich ausschlossen, sind passé. „Mittlerweile bin ich kein Außenseiter mehr.“ Immer mehr Menschen entdeckten ihr Herz für Bienen, Pferde, Schafe, für Streuobstwiesen, Käseherstellung. „Es tut sich eine neue kleinbäuerliche Kultur auf“, sagt der Wetterauer.

Von der hessischen Landesregierung, die am 28. Oktober gewählt wird, wünscht er sich, dass sie den Trend zum kleinteiligen Wirtschaften für den regionalen Bedarf fördert. Etwa mit einem Programm für Hühnermobile. „Viele kleine, fahrbare Ställe machen die Megaställe überflüssig.“ Landbewohnern mit Wiese eröffneten sie eine Einkommensquelle, und Städter bekämen lebendigen Anschauungsunterricht. Eine Idee, von der alle profitieren könnten. Und davon hat der 62-Jährige viele. Leider fehle der politische Wille, sie zu realisieren: „Selbst bei den Grünen ist der Fundamentalismus nicht mehr da.“ Als Koalitionspartner der CDU sei von der einstigen Ökopartei nicht viel übrig geblieben: „Die geben den Schwarzen nur ein grünes Mäntelchen.“

Priska Hinz sieht das anders. Hessens Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz reklamiert die Zunahme ökologisch bewirtschafteter Flächen als Erfolg ihrer Arbeit. Mit einem Anteil von 13,5 Prozent an der landwirtschaftlichen Fläche sei Hessen schon jetzt bundesweit mit an der Spitze. Zu den Lieblingsprojekten der Ministerin gehören die „Ökomodellregionen“, die es inzwischen in zwölf der 21 Landkreise gibt. Zu den Pionieren gehörte die Wetterau, die mit einer Fläche von fünf Prozent biologischem Anbau noch immer schwer hinterherhinkt.

Kein schlechter Ansatz, meinen Koch und seine Lebensgefährtin Ulrike Fleischer (46), die sich vor allem um das Kinderhotel in der Hofreite kümmert. Die 32 Schlafplätze werden gerade von Jungen und Mädchen aus Frankfurt-Bornheim bezogen. In Teams kämpfen sie mit störrischen Matratzen und Bettlaken.

Als Modellregion erhält der Wetteraukreis Geld für die Stelle von Claudia Zohner im Fachdienst Landwirtschaft. Zu ihren Aufgaben zählt die Vernetzung und Unterstützung der Betriebe. „Man bekommt gute Impulse und Ideen“, sagt Ulrike Fleischer. Die jährliche Biowoche, diesmal Mitte August, bringe Bevölkerung und Betriebe zusammen. Und beim Grüne-Soße-Festival in Frankfurt war Fleischer mit am Stand der Wetterau.

Wenn es im Winter etwas ruhiger wird, will Claudia Zohner helfen, das Fleisch besser zu vermarkten. Derzeit kaufen vor allem die 75 Mitglieder der Solawi die Würste und anderen Produkte aus dem Demeter-Betrieb. Im dritten Jahr hat Wolfgang Koch der „Solidarischen Landwirtschaft“ sein bestes Stück Acker verpachtet. 75 Mitglieder zählt der Verein. Als Ausgabestelle für die wöchentlichen Rationen dient der alte Pferdestall. Dass das Paar selbst auch zwei Solawi-Anteile besitzt, versteht sich von selbst. Der vom Verein angestellte Gärtner Frank Lusche und Saisonkraft Aaron McBride wässern auf dem Feld derzeit ständig Tomaten und Melonen, Auberginen und Salat. Der 24 Jahre alte McBride ist hier, um zu lernen. „Wir wollen im nächsten Jahr in Büdingen selbst eine Solawi aufbauen“, sagt der 24-Jährige, der in seinem früheren Leben die Elektronik von Airbussen reparierte.

Das ist die Entwicklung, die Koch meint. Menschen machen sich auf den Weg, um mit ihren eigenen Händen Lebensmittel zu produzieren. „Es ist keine Schande, die Hacke in die Hand zu nehmen.“ Das schaffe Arbeitsplätze – nicht die von Ministerin Hinz gepriesene Digitalisierung. Letztendlich garantiere sein Weg die Versorgung in Zeiten, in denen nicht alles so reibungslos funktioniert. „Die Kühe haben auch im Zweiten Weltkrieg Milch gegeben.“ Das heutige Turbovieh schwächele schon beim geringsten Stress. „Sicherheit wird durch Effizienz ersetzt.“ Die Gesellschaft mache sich abhängig von einer winzigen Gruppe, die wiederum abhängig von der Technik sei.

Selbstverständlich hat Koch einen Trecker und einen Melkstand für seine 40 Kühe. Die drei Hühner und der Hahn sind Hobby. So wie die zwei Ziegen, die freilaufenden Gänse. Auch er muss Geld verdienen mit seinen 70 Stück Vieh und seinen 115 Hektar Land, auf denen zur Hälfte Grünfutter für die Tiere wächst. Auf dem Rest baut er Getreide und Sonderkulturen an. Weizen, Roggen. Dinkel für den Ökobäcker war lange das Hauptgeschäft. Daneben experimentiert Koch mit anderen Pflanzen: Koriander und Fenchel als Gewürze, Lupinen als Zusatz fürs Brot, Spitzwegerich als Saatgut. Eine Herausforderung, auch um die Routine aufzubrechen. Die Bienen sind wild auf die gelben Fenchelblüten. Ein Imker aus Rosbach hat seine Stöcke am Feld aufgestellt.

Die Kinder haben ihre Betten bezogen und dürfen jetzt raus in den Stall. Der Nachwuchs soll wissen, woher das Essen auf seinem Teller kommt. „Da kann Schule noch viel mehr machen“, sinniert Ulrike Fleischer. Auch das ein Wunsch an die Landespolitik. Und dass der boomende Wohnungsbau nicht die Landwirte überrollt. In den Gärten hinter der Hofreite soll ein Neubaugebiet entstehen. „Auf bestem Boden.“ Um die Anwohner nicht zu stören, müsste der Bullenstall geschlossen, die Getreidetrocknung verlegt werden. Das Paar sorgt sich um seine Existenz. Wegen des Lärmschutzes wurde gefragt, wann der Traktor ein- und ausfährt. „Die Arbeit wird gemacht, wenn man Zeit hat“, sagt Fleischer. Es gebe nun mal kein Schaffen nach Stechuhr in der Landwirtschaft. „Das hier ist ein lebendiger Organismus.“

Gästehaus-Biobauernhof Nidda-Wallernhausen, Telefon 06043 / 8728, www.kinderhotel-im-alten-hof.de

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