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Interview „Nicht vorbereitet“

Alexandra Cremer vom Netzwerk Inklusion über die schwierige Förderung.

Schülerin
Eine Schülerin verbindet die Bilder von Tieren mit dem passenden Anfangsbuchstaben. Foto: Rolf Oeser

Alexandra Cremer (49) stammt aus dem Rheinland und ist seit 20 Jahren im Rhein-Main-Gebiet zu Hause. Sie ist selbstständige Projektmanagerin und IT-Trainerin. Ihre Tochter Janika ist 13 und schwer körperlich behindert. Cremer engagiert sich im Netzwerk Inklusion. 

Frau Cremer, Inklusion ist wichtig, heißt es allenthalben. Und alle scheinen sich auch zu bemühen, dass sie gelingt. Das Land gibt Stellen, die Schulen zeigen sich offen für inklusive Klassen, die Lehrkräfte sind guten Willens. Warum funktioniert es dennoch so oft nicht?
Im Klassenraum stehen die Lehrkräfte und werden mit einer Vielfalt von Begabungen und Leistungsvermögen konfrontiert, auf die sie auch heute noch im Studium nicht vorbereitet werden. Unterstützung ist Glückssache. Und jene, die schon länger in dieser Mühle sind, neigen irgendwann zu Dienst nach Vorschrift, zumal es an Schulen noch immer eine Kultur gibt, die Engagement und Neuerungen nicht belohnt, sondern eher bremst.

Wie gehen die Lehrkräfte damit um?
Sie verheizen sich bei dem Versuch, hier noch fünf Minuten länger ein Kind zu fördern und dort ein anderes zu unterstützen, wo doch ohnehin auch diese fünf Minuten nicht genügen. Und sie merken, dass sie einfach nicht schaffen können, was sie vorhatten, nämlich jedem Kind gerecht zu werden.

Aber es gibt ja Förderstunden, die Kinder in inklusiven Klassen erhalten.
Ja, vor allem für Kinder mit Förderbedarf Geistige Entwicklung. Deshalb nehmen Schulen gern diese Kinder und nicht andere, für die es keine oder wenig Förderressourcen gibt, wie bei Autismus oder emotional-sozialen Themen. Und die Zahl der Kinder steigt, die sozusagen passend gemacht werden, damit es auf den gewünschten Förderbedarf hinausläuft und die notwendigen Stunden in die Schule spült.

Aber das wäre ja gemogelt. Man kann doch aber auch nicht noch viel mehr Töpfe nebeneinander aufmachen, um dem Missstand abzuhelfen, oder? Eine Forderung ist ja, die Förderressource nicht an die einzelnen Kinder zu binden, sondern sie den Schulen insgesamt zur Verfügung zu stellen.
Natürlich wäre schon allein so was wie politischer Wille zu einem solchen Schritt toll. Aber wenn der offenbar dauerhaft fehlt, muss man eben einen Work-around finden, also auf Umwegen die notwendige Förderung erhalten. Das ist sehr unschön, aber aktuell leider nötig. Systemische Zuweisung, also Ressourcen für die Schulen selbst, ist ein sinnvoller Schritt. Es würde allen Kindern zugute kommen, wenn mehr Personal im Unterricht wäre und das damit so etwas wie Bildung überhaupt erst möglich machte. Aber es ist noch viel mehr nötig.

Was meinen Sie damit?
Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind durch die Schulzeit zu kriegen. Wir sollten es tatsächlich einmal versuchen, dass alle, die mit dem Kind irgendwie zu tun haben, gemeinsam, offen und vor allem miteinander arbeiten. Ähnlich, wie man das in Schweden versucht.

Wie stellen Sie sich das vor?
Lehrer, Eltern, Erzieher, Therapeuten, die Sozialarbeit, sie alle verstehen sich als ein Team am Kind. Das aktuelle Hierarchiedenken bei uns lässt aber noch kein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe zu. Auch müssen Lehrer akzeptieren, dass sie nicht mehr Chefs von Kindern, sondern Teil eines Teams sind. Der Weg ist noch weit.

Interview: Peter Hanack

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Hessen

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