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Interview Annette Wippermann „Land hat viele Stellschrauben gegen prekäre Beschäftigung“

Annette Wippermann, Referentin für Grundsatzfragen und Arbeitsmarktpolitik beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen, im Interview über Konzepte gegen Armut.

Obst
Lebensmittel für Bedürftige. Foto: Christoph Boeckheler

Frau Wippermann, die Armutsquote in Hessen ist in den letzten Jahren spürbar gestiegen, obwohl die wirtschaftliche Lage gut ist. Wie kann das sein?
Erst einmal haben wir in Hessen bei der Armutsgefährdungsquote eine große Spreizung. In Nordhessen liegt sie bei bis zu 17,3 Prozent, im Rhein-Main-Gebiet bei nur 12,7 Prozent. Und da sind wir schon bei einem der wichtigsten Faktoren beim Thema Armut, nämlich den Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit. Wobei überall in Hessen prekäre Beschäftigung und Niedriglohnsektor gewachsen sind. Wirtschaftlicher Boom bedeutet nicht, dass die Menschen armutssicher beschäftigt sind. Und die Menschen, die im Niedriglohnbereich arbeiten, werden später keine armutssichere Rente beziehen. Das kommt alles noch auf uns zu.

Im bundesweiten Vergleich steht Hessen hinter Bayern und Baden-Württemberg an dritter Stelle, was die Armutsquote angeht. Die Lage ist also nicht unbedingt dramatisch, oder?
Das stimmt, wobei die Lebenssituation der Betroffenen schon dramatisch ist. Wenn ich alleinerziehend bin und von Hartz IV leben muss, ist das sogar eine sehr dramatische Lage.

Hartz IV und Rente sind bundespolitische Themen. Was müsste die nächste Landesregierung in Hessen tun?
Über den Bundesrat kann die nächste Landesregierung durchaus bundespolitischen Einfluss nehmen. Das Land kann aber auch selbst tätig werden. Erst einmal müsste man sich die Gruppen ansehen, die ein besonders hohes Armutsrisiko haben, zum Beispiel Alleinerziehende. Da wäre es wichtig, wieder ein Landesprogramm aufzusetzen, um diese Gruppe ganz gezielt zu unterstützen, etwa durch die Möglichkeit, eine Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren.

Gilt das auch für andere gefährdete Gruppen, also kinderreiche Familien, Geringqualifizierte und Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund?
Ja. Alle diese Menschen haben zum Beispiel Schwierigkeiten, Wohnraum zu finden. In Hessen fehlt Wohnraum, in fast allen Städten geben die Haushalte mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus. Da wurde 20 Jahre geschlafen oder in die falsche Richtung gesteuert, indem man etwa die kommunalen Wohnungsunternehmen renditeorientiert ausgerichtet hat. Da müsste Hessen massiv umsteuern und wieder möglichst viel landeseigenen Wohnungsbestand schaffen, um günstigen Wohnraum zu erhalten.

Wo müsste in Hessen noch gehandelt werden?
Die prekäre Beschäftigung müsste dringend eingedämmt werden. Da könnte etwa der öffentliche Dienst mit gutem Beispiel vorangehen. Bei öffentlichen Ausschreibungen könnte das Land auch darauf achten, nur an Firmen zu vergeben, die tarifgerecht bezahlen. Das Land hat sehr viele Stellschrauben.

Warum hat dieses Thema eigentlich nicht einen viel höheren politischen Stellenwert?
Das Thema Wohnen steht im Wahlkampf schon ziemlich weit oben. Ansonsten sind arme Menschen einfach sehr individualisiert und schämen sich auch oft. Sie gehen kaum organisiert in die Öffentlichkeit. Deshalb ist es ja Aufgabe von uns Wohlfahrtsverbänden, politische Lobbyarbeit für diese Gruppen zu machen.

Interview: Hanning Voigts

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