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Hessen Online Wikipedia lockt Politiker vor die Kamera

Die Helfer des Online-Lexikons fotografieren im Hessischen Landtag Abgeordnete und Regierungsmitglieder - denn beispielsweise von Landesvater Volker Bouffier (CDU) gibt es nur einen unvorteilhaften Schnappschuss. Die Begegnung zweier Welten.

01.03.2013 12:07
Volker Schmidt
Okay, DIESES Bild von Boris Rhein wird Wikipedia nicht verwenden wollen... Foto: dpa

Nein, ein Regierungsmitglied will partout kein neues Foto für seinen Wikipedia-Eintrag aufnehmen lassen. Begründung: „Zwischen dem vorhandenen Bild und jetzt liegen acht Kilo.“ Also lieber das nicht optimal fotografierte, aber schlankere Antlitz im Online-Lexikon belassen.

Wikipedia-Leute haben während dreier Sitzungstage des Landtages ein Fotostudio in Räumen neben dem Plenarsaal aufgebaut, um die 118 Abgeordneten und 22 Regierungsmitglieder neu abzulichten. Denn das kostenlose Internet-Nachschlagewerk hat hohe Maßstäbe an seine Abbildungen: Nicht nur soll die Qualität hoch sein, die Bilder sollen auch neutral sein, also zum Beispiel keine Parteilogos oder -slogans transportieren oder die Politiker in unvorteilhaften Straßen-Schnappschüssen zeigen.

Projektleiter Olaf Kosinsky hat vorab den Bestand geprüft. Ergebnis: Nur von 13 Abgeordneten liegen Bilder vor, die den Standards genügen. Von 28 gibt es Fotos, die aber nicht gut genug sind, und von 77 Parlamentariern liegt gar kein Bild vor. Noch schlechter ist die Ausbeute bei den Regierungsmitgliedern: Kein einziger der Minister und Staatssekretäre ist ordentlich abgelichtet.

Mikro vorm Mund

„Das liegt auch daran, dass alle denken, da gibt es doch bestimmt genug Bilder“, sagt Kosinsky. Deshalb greife selten ein Wikipedia wohlgesonnener Fotograf zur Kamera, um etwa bei einer Veranstaltung mit Volker Bouffier (CDU) auf den Auslöser zu drücken. Dabei gibt es gerade vom Ministerpräsidenten bisher nur einen Schnappschuss mit gerunzelter Stirn und einem Mikrofon vor der unteren Gesichtshälfte.

Außerdem ist da noch die Frage der Lizenz: Wikipedia veröffentlicht nur Bilder, die für die Weiternutzung (unter bestimmten Bedingungen) frei gegeben sind. Kosinsky, der das Wikipedia-Landtagsprojekt auch schon in anderen Parlamenten organisiert hat, erinnert sich an Fraktionen, die in ihrem Auftrag aufgenommene Bilder zur Verfügung stellen wollten. „Das dürfen die gar nicht“, sagt er, „weil sie mit Fraktionsmitteln bezahlt wurden, die nur für Parlamentsarbeit ausgegeben werden dürfen.“ Mal ganz abgesehen davon, dass die Fotografen gar nicht gefragt wurden.

Schminken, nee danke

Die Ausbeute im Landtag ist gut, die meisten Politiker lassen sich fotografieren. Den Schminktisch nutzen nur wenige, obwohl eigens eine Sichtblende aufgebaut ist. Dafür ergreift mancher die Gelegenheit, auch über den Wikipedia-Text zu seiner Person zu sprechen. „Einer hat uns gesagt: ‚Auf der Schule, die da steht, war ich nie‘“, erzählt Kosinsky. Solche Korrekturen könnten Abgeordnete oder ihre Fraktionen ruhig selber vornehmen, erklärt er. Manche fürchteten jedoch den Vorwurf der Manipulation, wenn sich Änderungen zum Beispiel zu einer Internet-Adresse im Landtag zurückverfolgen ließen.

Für die 19 Amateurfotografen und Helfer, die in ihrer Freizeit für Wikipedia in den Landtag gekommen sind, diene das Projekt auch als „Türöffner“, sagt Kosinsky: Sie bekamen Einladungen, etwa in der Staatskanzlei, in Kloster Eberbach und bei der Wasserschutzpolizei zu fotografieren. Und sie konnten darüber informieren, wie sie arbeiten, „der Wikipedia ein Gesicht geben“, sagt Kosinsky. Und den hessischen Politikern.

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