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Hessen "Lehrer verdienen mehr Wertschätzung"

Kinder soll Schule Spaß machen, sagt Beate Heraeus im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Mit ihrer Bildungsstiftung will sie den Unterricht verbessern. Dafür werden Lehrer trainiert.

04.06.2010 00:06
Beate Heraeus will Lehrern den Alltag erleichtern. Foto: Rolf Oeser

Was haben ein Schulkind und seine Eltern von der Bildungsstiftung, der Sie vorstehen, Frau Heraeus?

Dass es fröhlicher und motivierter dem Unterricht folgen mag, dass es sagt, "es macht Spaß und ich lerne in fast jeder Stunde was".

Geschieht das heute nicht?

Sicher gibt es das auch. Aber sehen Sie: Inzwischen besuchen bereits meine Enkel die Schule, und da ist immer noch derselbe Stoff zu lernen wie vor zig Jahren, als ich in die Schule gegangen bin. Da muss entrümpelt werden. Denn Schule kann heute unmöglich das bisherige Wissen und sämtliche neuen Erkenntnisse vermitteln, noch können Schüler all das lernen.

Welche Aufgabe hat Schulunterricht dann?

Schule muss künftig ganz wesentlich den Zugang zu Wissen verschaffen und vermitteln, wie man Wissen selektiert und bewertet. Sonst ertrinken Lehrer und Schüler in der Informationsflut. Thema in der Stiftung ist es also vor allem, den Lehrer selbst zu entlasten, indem wir ihm vermitteln, wie er mit den Herausforderungen umgeht.

Sie haben fünf Töchter. Welche Erfahrungen haben Sie als Mutter schulpflichtiger Kinder gemacht?

Zwei Beispiele: Als meine Tochter in der siebten Klasse war, gab es dort Drogenprobleme. Die Lehrer konnten damit gar nicht umgehen, konnten das nicht einschätzen, sind im Unterricht einfach darüber hinweggegangen, als wäre nichts. Das geht nicht, zumal ja das Problem das Lernen der Kinder in der Klasse stört. Da muss ein Lehrer erfahren, dass er Rückhalt bekommt, wenn er sich mit dem Problem auseinandersetzt, und dass er nicht allein ist.

Und das zweite Beispiel?

Die Katze einer Lehrerin meiner Tochter wurde überfahren, kurz bevor die Lehrerin morgens in der Schule unterrichten musste. Sie kam dann in die Klasse, erzählte von ihrer Trauer, weinte sogar. Die meisten Lehrer glauben, immer perfekt sein zu müssen und trauen sich nicht, auch mal eine Schwäche zu zeigen. Bei der Angelegenheit mit der Katze hat das aber sehr gut funktioniert, die Klasse hat die Lehrerin verstanden und respektiert.

Was wollen Sie den Lehrern beibringen?

Sie sollen sich damit auseinandersetzen können, wie sie sich selbst sehen, was sie vielleicht daran hindert, besser zu sein in ihrem Beruf.

Was bieten Sie dazu an?

Wir bieten Coachings, immer in der Gruppe mit anderen, in denen es darum geht, was passiert, wenn man einen Klassenraum betritt, wie man Eltern begegnet, einen Elternabend vorbereitet.

Was gehört dazu?

Dass man dort etwa mit Stehtischen eine Atmosphäre schafft, wo man gemeinsam auf Augenhöhe miteinander reden kann und vermeidet, dass der Abend wie Frontalunterricht abläuft. Der Lehrer kann in unseren Seminaren auch sagen, wo er sich schwach fühlt, was er nicht kann, ohne Angst zu haben, dafür schlecht bewertet zu werden.

Gehört das nicht ohnehin zur Ausbildung eines Lehrers?

Das würde ich mir wünschen. Aber da ist das eben doch oft Theorie, und auch nicht alles, was im Beruf wichtig wird, kann schon in der Ausbildung behandelt werden. Das geht auch in einem Wirtschaftsunternehmen nicht. Wir wünschen uns, dass jemand mit seinen aktuellen Pro- blemen bei uns eine Hilfe findet.

Lehrer sollen guten Fachunterricht bieten, Schüler motivieren, Eltern ansprechen, mit Lehrerkollegen zusammenarbeiten und sich an der Schulentwicklung beteiligen. Zudem sind die sozialen Probleme gewachsen, die in die Schule hineinspielen. Muss das nicht die allermeisten überfordern?

Es kann nicht darum gehen, alles selbst zu lösen und zu schaffen. Entlastung würde es schaffen, wenn der Lehrer der Vorstellung folgt, nicht jede Frage beantworten zu können. Das wollen wir vermitteln.

Braucht ein Lehrer da nicht Unterstützung?

Helfen könnte sicher, wenn es ein Unterstützungssystem von Assistenten, Psychologen, Sozialarbeitern und anderen geben würde, bei denen sich Lehrer Hilfe holen könnten, sofern sie dafür Bedarf sehen. Vieles davon bieten die Schulämter. Aber jeder, der Lehrer werden will, sollte wissen, dass neben dem möglichst kreativen Unterricht auch Aufgaben auf ihn zukommen wie das Führen von Akten oder andere Dinge, die man vielleicht nicht so mag. Dann ist man auch nicht zu unzufrieden, wenn das zu erledigen ist.

Wo sehen Sie da Ihre Rolle?

Als Stiftung geht es uns nicht um Strukturänderungen, sondern um Erleichterung des Alltags, eine andere Mentalität, eine Professionalisierung bei der Arbeit. Etwa dann, wenn es darum geht, wie man mit Schülern und Kollegen gut arbeitet, zu denen man vielleicht persönlich nicht leicht Zugang findet.

Sie haben sich einen neuen Namenszusatz für die Stiftung gegeben, sie heißt jetzt Bildungsstiftung. Bedeutet das auch eine Neuausrichtung der Arbeit?

Wir konzentrieren uns auf drei Bereiche: die Person des Lehrers selbst, seine Zusammenarbeit mit Kollegen und Schulleitern und seine Vernetzung mit anderen Bereichen, etwa Wirtschaft und Naturwissenschaft. Lehrer haben mehr Wertschätzung verdient, als ihnen oft entgegengebracht wird. Wir wollen sie motivieren, ihre Arbeit beschwingter zu tun. Vieles andere, was nicht zu diesen Kernaufgaben gehört, werden wir möglichst an andere Partner abgeben, etwa die Begleitung des Wettbewerbs "Chemie - mach´ mit!", bei dem es direkt um den Kontakt mit Schülern geht. Und wir wollen unsere Arbeit über Hessen hinaus ausdehnen, weil wir glauben, mit unseren zehn Jahren Erfahrung etwas zur Verbesserung von Schule beitragen zu können.

Interview: Peter Hanack

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