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Henninger Turm Schweres Erbe

Die prachtvolle Villa des Direktors soll einmal zum Schmuckstück des Viertels auf dem früheren Brauereigelände in Sachsenhausen werden. Von Claus-Jürgen Göpfert

Vergangene Pracht: Die alte Henninger-Villa. Foto: Boeckheler/FR

Kaum ein Stäubchen liegt auf der polierten Platte des langen, schweren Eichentisches. Hier also trafen sie sich viele Jahrzehnte, die Direktoren des Traditions-Brauhauses Henninger. Der Gang durch die 1875 erbaute Villa am Wendelsweg im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen gerät zur Zeitreise: Das prachtvolle, mit Marmorreliefen und Säulen geschmückte Treppenhaus, die schweren Sofas und Sessel, die tiefen Teppiche: Jede Minute müssten nun Männer im Gehrock und mit Zylinder um die Ecke biegen.

Doch Henninger, das ist seit 2002 Unternehmens-Geschichte, nur noch ein Name, unter dem Bier vom einstigen Konkurrenten Binding verkauft wird. Die Räume im zweistöckigen, denkmalgeschützen Haus mit seinem prominenten Treppenturm wirken, als seien sie beim Erlöschen des Unternehmens vor mehr als sieben Jahren überstürzt verlassen worden. Gemälde stehen an die Wand gelehnt, ein Durcheinander von Aktenordnern auf dem Boden, eine Parade alter Bierflaschen auf einem Schrank.

"Es ist unser Schmuckstück", sagt Ludwig Marquart geradezu zärtlich, "und wir wollen es wieder schön herrichten". Er meint das 130 Jahre alte Gebäude. "Wunderschöne Wohnungen" etwa könnten hier entstehen - aber auch eine Botschafts-Residenz wäre für ihn denkbar. Der 75-jährige Marquart ist der engste Vertraute von Daniel Hopp - des 29-jährigen Sohns des Milliardärs und Mitbegründers des Software-Giganten SAP, Dietmar Hopp. Der Vater überließ vor drei Jahren seinem Nachfahren die Entwicklung des Henninger-Geländes.

Eine Flügeltür öffnet sich auf die Terrasse - und der Blick geht weit über eine 100 000 Quadratmeter große Brachfläche mit der signifikanten Silhouette des Henninger-Turms im Hintergrund. Wo heute Schotterberge und Erdhügel sich ausbreiten, lag früher die längst abgerissene Brauerei. Sanft steigt die Morgensonne über den Horizont und taucht das Gelände in ein silbriges Licht.

"Wir stehen seit Monaten Gewehr bei Fuß und warten auf die Entscheidung der Stadt", seufzt Marquart. 250 bis 300 Millionen Euro will die Familie Hopp hier investieren - für den Bau eines neuen Quartiers mit 700 Wohnungen. Mit weit ausholenden Armbewegungen beschreibt der Projektentwickler das künftige Viertel: "Läden für den täglichen Bedarf, ein Kindergarten, ein Friseur." Der Entwurf des Frankfurter Planers und Architekten Jochem Jourdan liegt seit langem vor. "Kleine Fuß- und Radwege werden durch das Quartier führen."

Am Freitag hat sich der Ortsbeirat 5 mit dem städtischen Bebauungsplan beschäftigt - im Frankfurter Rathaus freilich hat die schwarz-grüne Römer-Koalition den Satzungsbeschluss erneut verschoben. Am 28. Januar 2010 könnte das Stadtparlament endlich grünes Licht geben, meint Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU): "Aus unserer Sicht gibt es keine Probleme mehr."

Tatsächlich aber ist das neue Wohnviertel Opfer einer komplizierten politischen Gemengelage. Denn am Horizont, jenseits des Hainer Weges, blinken die Kühltürme der Binding-Brauerei in der Morgensonne. Und die Brauereigruppe Radeberger, zu der Binding gehört, sieht durch ein neues Wohnviertel die Existenz des Unternehmens gefährdet. Die Befürchtung: Die Bewohner könnten per Klage wegen Lärmbelästigung den Brauereibetrieb einschränken. Jochem Heumann, stellvertretender CDU-Fraktionschef im Römer, hält diese Kritik für gegenstandslos: "Wir geben Binding und dem Wohnen eine sichere Zukunft - dieser Bebauungsplan ist völlig in Ordnung!"

Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) sieht das ganz anders. Er legt Wert auf den Bau eines neuen Häuserriegels mit Büros an der Grundstücksgrenze zu Binding, der nicht ins Wohnviertel Sachsenhäuser Berg passt: Länger als 100 Meter, sieben Geschosse hoch.

Im Bebauungsplan-Verfahren hatte Radeberger Bedenken gegen das Wohnviertel geäußert - sie waren von der Stadt aber abschlägig beschieden worden. Daraufhin hatte Radeberger den Neubau einer Brauerei in Bad Vilbel angekündigt - und diese Ankündigung dann kürzlich widerrufen: Kein Geld mehr für den Neubau, Folge der Krise.

500 Binding-Arbeitsplätze bleiben also in Sachsenhausen. Und damit sind die alten Einwände der Brauerei gegen das Wohnen wieder aktuell. Seitdem gibt es vertrauliche Gespräche zwischen Unternehmen und Frank - das Motto des Wirtschaftsdezernenten: "Wir wollen, dass unsere Binding-Brauerei dauerhaft Tag und Nacht ihr gutes Bier brauen kann." Deshalb sei in dem Gebäuderiegel "noch eine kleine Lücke zu schließen". Frank fordert von den Hopps: "Erst der Riegelbau, dann die Wohnungen!" Es gebe auch noch andere offene Fragen. Von Binding ist auf Anfrage der FR keine Stellungnahme zu erhalten.

Ludwig Marquart, der Mann der Hopps, versichert: "Wir wollen alle Probleme einvernehmlich lösen". Das ist auch nötig: Mit Binding sei eine "Wohlverhaltensklausel" vereinbart. Beide Seiten versprachen, "sich nicht gegenseitig zu behindern".

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