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Helene-Lange-Schule „Wir haben Fehler gemacht“

Zwei Lehrerinnen der Helene-Lange-Schule über Missbrauch und die ehemalige Direktorin Enja Riegel. Ein Gastbeitrag.

11.01.2011 00:19
Die Diskussion über die Vergangenheit hält an: Blick auf den Hof der Helene-Lange-Schule. Foto: Renate Hoyer

Den sexuellen Missbrauch von Kindern mit zunehmender Präsenz in den Medien offenzulegen, wirkt für die Zukunft sicherlich positiv. Den Opfern fällt es leichter, sich zu äußern, sie werden nicht weiter vor Scham verstummen. Der öffentliche Umgang mit der zur Zeit des Missbrauchs an der Helene-Lange-Schule in Verantwortung stehenden Schulleiterin Enja Riegel hingegen wird den Tatsachen nicht gerecht.

Wir, die wir als Angehörige des Jahrgangsteams der Klassen 8 an den Diskussionen um die Missbrauchsvorgänge und an dem anschließendem Vorgehen beteiligt waren, stellen in zunächst chronologischer Reihenfolge fest:

Wir befanden uns im vierten Jahr der engagierten Arbeit hin zu einer Schule mit völlig neuem Lernen.

Eine Mitschülerin ist an den Klassenlehrer der betroffenen Schüler herangetreten und hat vom Missbrauch ihrer Mitschüler durch den Kunstlehrer berichtet.

Wir waren fassungslos ob der Tatsache, dass dieser Pädagoge und Fotograf, ein von uns bisher als hilfsbereiter, den Schülern zugewandter angesehener Kollege, Schüler missbraucht hatte.

Wir holten uns Rat bei dem Vater eines betroffenen Schülers, der von Beruf Psychologe war. Er warnte eindringlich davor, die geschädigten Jungen Verhören und Verhandlungen auszusetzen, die sie ein weiteres Mal zu Opfern machen würden.

Der Klassenlehrer der betroffenen Schüler und dieser Vater haben zusammen mit allen Eltern dieser Schüler über den Missbrauch gesprochen, ihnen ihre Rechte benannt und psychologische Hilfe angeboten.

Das Ergebnis dieser Gespräche war, dass alle Eltern eine Anzeige des Kollegen, der ihre Kinder missbraucht hatte, ablehnten.

Heute in anderem Licht

Aus denselben Erwägungen heraus wollten auch wir Kollegen keine Anzeige, wollten aber auch unsere Schüler vor zukünftigen Übergriffen geschützt wissen.

Wir meinten, dass mit der Verpflichtung zur Therapie und den Maßnahmen des Schulamts das Richtige getan sei.

Auf unseren wöchentlichen Teamsitzungen haben wir die Schullaufbahn der betroffenen Schüler verfolgt und sie pädagogisch begleitet. Niemand aus der gesamten Schulgemeinde hat Anzeige erstattet.

Aus heutiger Sicht stellt sich manches in einem anderen Licht dar: Der gerichtlich sensiblere Umgang mit Missbrauchsopfern von heute ist mit dem von damals nicht zu vergleichen. Der Glaube an die Therapierbarkeit der Täter ist widerlegt. Die Traumaforschung hat neue Erkenntnisse darüber gebracht, welche Folgen Missbrauch haben kann.

Wir haben damals nach ausführlichen Diskussionen so gehandelt, wie wir es für richtig gehalten haben. Dabei haben wir – so sehen wir es aus heutiger Sicht – auch Fehler gemacht. Mit den heutigen Erkenntnissen und Erfahrungen würden wir anders handeln.

Wir schreiben dies, weil wir es unerträglich finden, wie über die Person Enja Riegel, stellvertretend für alle damals involvierten Kollegen und Eltern, in unredlicher Weise der Stab gebrochen wird. Hier scheinen uns Motive am Werk, die mehr mit der Diskreditierung ihres Lebenswerkes, der Umgestaltung der Helene-Lange-Schule als integrierte Gesamt- und Reformschule, und der gesamten Reformschulbewegung zu tun haben als mit dem tatsächlichen Geschehen von vor mehr als 20 Jahren.

Die heutige Helene-Lange-Schule verdankt dieser visionären, unkonventionellen und mutigen Pädagogin Enja Riegel ihre Existenz. Dabei hat sie sich, unerschrocken ihre Ziele verfolgend, sicherlich nicht nur Freunde gemacht.

Diese Art der Darstellung in den Medien aber haben weder sie noch die heutige Helene-Lange-Schule verdient.

Birgit Staniewicz-Ostermann, Lehrerin an der Helene-Lange-Schule von 1986 bis 2008. Marianne Strasser, Lehrerin an der Helene-Lange-Schule von 1989 bis 2010.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist Teil einer umfangreichen Berichterstattung der Frankfurter Rundschau.

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