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Heinz Schenk Ein Bembel vom Kultmoderator

Die Versteigerung von Heinz Schenks Nachlass nutzen viele Schaulustige, um zu sehen, wie der legendäre Macher des Blauen Bocks gelebt hat.

20.08.2016 19:14
Peter H. Eisenhuth
Der Inhaber der "Kartoffelküche" in Bad Homburg, Fiktet Ayhan (l), und der Architekt Michael Müller haben für die Neugestaltung des Restaurants Bembel, Fotos, einen Bambi und jede Menge andere Erinnerungsstücke ersteigert. Foto: dpa

Samstagmorgen, kurz vor zehn, Wiesbaden-Naurod. Seit einer Stunde ist das Haus in der Straße Am Holderstrauch 30 zur Besichtigung geöffnet, und seitdem schieben sich die Interessenten durch die Räume. Noch darf theoretisch jeder rein, um sich ein Bild davon zu machen, was nachher unter den Hammer kommen wird. Heinz Schenk hat hier mit seiner Frau Gerti gelebt und in seinem Nachlass festgelegt, das gesamte Inventar solle versteigert werden und der Erlös der von ihm gegründeten Heinz-Schenk-Stiftung zugunsten junger Künstler zugutekommen.

„Alles muss raus“, sagt Auktionator Stefan Niederauer, der jetzt noch im Flur steht wie ein Fels in der Brandung, Fragen beantwortet und den Besucherstrom in die bestmögliche Richtung kanalisiert. „Fangen Sie am besten im Erdgeschoss an, oben und unten ist es gerade ziemlich voll“, rät er einem Paar, dessen Systematik eher auf „von oben nach unten“ ausgerichtet ist. „Es is iwwerall voll“, knurrt ein älterer Herr, der mit seinem Schnauzbart und dem Krückstock aussieht, als hätte Heinz Schenk sich verkleidet und wollte noch mal kurz schauen, ob auch alles in geordneten Bahnen verläuft.

Voll ist relativ. „Wenn wir 400 Dünne im Haus haben, passt es“, sagt Niederauer, „bei 400 Dicken haben wir ein Problem.“ Momentan scheinen die Dicken zuzunehmen, doch auch, wenn es in den Zimmern und auf den Treppen bisweilen kuschelig eng zugeht, bleibt die Stimmung entspannt. Zwölf Mitarbeiter der Niederauer Consulting und ein Securityteam sollen dazu beitragen, dass dies bis zum Abend hält; im gesamten Haus installierte Videokameras sollen verhindern, dass einzelne Kleinode schon vor der Zeit den Besitzer wechseln.

Nicht jeder, der jetzt noch durchs Haus streift, möchte tatsächlich etwas ersteigern; wer nachher zuschlagen will, muss eine Bieterkarte erwerben – die zehn Euro Gebühr werden später auf den Kaufpreis angerechnet. Noch aber bahnen sich auch jene ihren Weg, die „einfach nur mal gucken wollen“, wie der frühere Moderatorenstar des Hessischen Rundfunks so gelebt hat. Cedric Wenz gehört nicht mal zu dieser Gruppe. Während ihn Heerscharen von Neugierigen umströmen, sitzt der junge Mann, vertieft in ein kulturgeschichtliches Lexikon, in einem Sessel im Erdgeschoss wie im Auge des Sturms.

Bembel aus diversen „Blauer Bock“-Sendungen

„Ich habe den Namen Heinz Schenk mal gehört, aber eigentlich sagt er mir nichts“, erzählt er. Klar, mit seinen 17 Jahren ist der Frankfurter viel zu jung, um zu wissen, dass Schenk einst quer durchs Hessenland im Namen des Bembels unterwegs war, viel zu jung, um zu wissen, dass die Rodgau Monotones den gebürtigen Mainzer als den hessischen David Bowie feierten. Was also treibt ihn her? „Ich bin mit meinem Onkel hier“, sagt Cedric Wenz. „Und der Pate der Schwester meines Onkels war der Schneider von Heinz Schenk.“ Wer sich an diesem Morgen im Haus Am Holderstrauch 30 umhört, stellt fest: Einen persönlicheren Bezug zu Schenk hatte hier offenbar kaum jemand.

Die Nostalgiker unter den Schaulustigen verweilen vor allem im Partykeller etwas länger. Meist in gesetzterem Alter, gehören sie der Generation von Eigenheimbesitzern an, in der eine solche Stube einfach dazugehörte – allerdings nicht so prächtig dekoriert wie im Hause Schenk. Die Theke zieren riesige Bembel aus diversen „Blauer Bock“-Sendungen, an den Wänden der Sitzecke hängen dutzendweise Autogramme von Stars vergangener Jahrzehnte. „Guck doch emol, die Dings, lebt die eischentlich noch?“, fragt ein älterer Herr seine Gattin. „Welche Dings?“, fragt die zurück. „Na, die eine von den Kessler-Zwillingen“, antwortet er und zeigt auf das signierte Foto von Marlène Charell. Aber ja, sie lebt noch, anders als beispielsweise der Volksschauspieler und TV-Star Günter Strack, der sein Autogramm dem „Meister der Pointe“ widmete, und dessen Foto gegenüberhängt.

Doch Schenk war nicht nur ein Spaßmacher, sondern auch ein vielseitig interessierter Sammler. Seine Bücherregale quellen über mit Literatur aller Sujets, in den Video- und DVD-Schränken finden sich die „Försterchristel“ und Shakespeare-Verfilmungen, ein Schuber „Der Alte“ und „Die Sopranos“. Und nebendran steht der legendäre Tisch, den Schenk einst in den USA geordert hatte. Einen original Spieltisch aus Las Vegas, wie er so lange glaubte, bis die Mainzer Fastnachtsikone Margit Sponheimer, mit der er manche Stunde an diesem Tisch verbrachte, einmal einen zu Boden gefallenen Chip aufhob und dabei an der Unterseite des Tisches die Aufschrift „Made in Italy“ entdeckte …

Kurz nach elf beendet Stefan Niederauer den ersten Teil der Veranstaltung. „Wer keine Bieterkarte hat, möchte jetzt bitte das Wohnhaus von Heinz Schenk verlassen“, sagt er durch. Für alle anderen geht es in einer halben Stunde weiter, auch für Karl-Martin Popp, der es für sein in Nordenstadt erworbenes Anwesen auf die Schenk’sche Sauna abgesehen hat. Ob dem 80-Jährigen jemand gesagt hat, dass er die im Erfolgsfall selbst ausbauen und abtransportieren muss – und das zwischen 18 und 20 Uhr? „Weiß ich alles“, sagt er, „ist aber kein Problem. Ich bin Architekt und handwerklich sehr begabt.“

Mehr als 100 Interessenten

Mehr als 100 Interessenten bleiben zur Auktion, viel zu viele fürs Wohnzimmer, glücklicherweise regnet es aber nicht allzu heftig, so dass ein großer Teil der potenziellen Bieter vor dem offenen Fenster auf dem Rasen stehen kann. HR-Moderator Holger Weinert tänzelt mit seinem Mikrofon durch den Raum, auf der Suche nach jemandem, der mit ihm ein zum Anlass passendes Heinz-Schenk-Stück singen kann: „Es ist alles nur geliehen“. Oder ersteigert. Weinert wird fündig, später bietet er auch mal mit. Wahrscheinlich meint er es ernst, ins Fernsehen kommt er ja sowieso.

Ein Senior aus dem Odenwald fürchtet, nicht groß genug zu sein, um den Auktionator mit seiner Nummernkarte auf sich aufmerksam zu machen. Dabei hat der passionierte Uhrensammler („Meinen Namen muss niemand wissen“) doch ein Auge auf drei, vier schöne Stücke („Aber nicht die Taschenuhren, das sind nur Gebrauchsuhren“) geworfen, deren Vorzüge er in einem viertelstündigen Kurzreferat zusammenfasst. „Sie können auch gerne ,Hier‘ rufen“, beruhigt Niederauer, der Schwabe, der kurzzeitig für Empörung sorgt, als er eine Schenk(!)kanne und Zinngeschirr mit den Worten anpreist, daraus habe Heinz Schenk seinen Ebbelwei getrunken. Aber Zinn geht nicht. Ob mit oder ohne Stöffche.

Bei den sieben englischen Playboy-Ausgaben aus den 1960er Jahren traut sich anscheinend niemand so recht, die Hand zu heben (dabei sind auch vier „Pardon“-Hefte im Karton), auf einer Käthe-Kollwitz-Radierung bleibt der Auktionator sitzen, die nächste geht für 900 Euro weg. Und einen ersten Höhepunkt erreicht die Versteigerung bei einem Essservice von Royal Copenhagen, Musselmalet, gerippt, mit weiß-blauem Strohblumendekor – 1000 Euro sind das Limit, für 2200 Euro geht das Geschirr an einen telefonischen Bieter aus Japan.

Für den Uhrenfreund aus dem Odenwald ist es kein guter Tag. „Die Gebote waren zu hoch“, sagt er enttäuscht, tröstet sich aber mit einem weiteren detailreichen Vortrag über die Rieflersche Schwerkrafthemmung bei Pendeluhren.

Die zehn Euro für die Bieterkarte sind dennoch nicht ganz verloren, beim kostenlosen Catering im Garten lässt sich das Geld spielend wieder reinholen. Apfelwein gibt es allerdings nicht – die Zinnbecher stehen ja noch im Haus.

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