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Heimkinder in Hessen Zu Forschungszwecken gequält

Hephata-Chefarzt Enke missbrauchte Heimkinder für unnötige Gehirnuntersuchungen. Der Vorstand bittet dafür um Entschuldigung.

Hephata-Denkmal in Schwalmstadt-Treysa
Denkmal für die Opfer aus den Behindertenanstalten Hephata, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Foto: epd

Der Neurologe Willi Enke hat in den Nachkriegsjahren als Chefarzt der evangelischen Hephata in Nordhessen ohne jede medizinische Notwendigkeit äußerst schmerzhafte und gefährliche Eingriffe an Kindern und Jugendlichen vorgenommen. Enke habe an Patienten die sogenannte Pneumoencephalografie, eine Untersuchung des Gehirns, teilweise zu reinen Forschungszwecken vorgenommen.

Zu diesem Ergebnis kommt der Medizinhistoriker Volker Roelcke aus Gießen, der dieses Kapitel der Geschichte der Hephata Diakonie in deren eigenem Auftrag erforscht. 

„Die Vorgehensweise von Enke ist in hohem Maß verwerflich und mit dem Menschenbild der Hephata Diakonie in keiner Weise vereinbar“, sagt dazu Vorstandssprecher Maik Dietrich-Gibhardt. „Ich bitte im Namen des gesamten Hephata-Vorstands um Entschuldigung für das menschenunwürdige Vorgehen des damaligen Chefarztes“, teilte Dietrich-Gibhardt am Montag mit.

„Es ist eindeutig nachweisbar, dass Enke eine größere Zahl von Pneumoencephalografien jenseits der zeitgenössisch üblichen Indikationen durchgeführt hat“, berichtet Roelcke. Ziel sei gewesen, organische Grundlagen von Verhaltensauffälligkeiten, Schwererziehbarkeit oder Verwahrlosung nachzuweisen.

Enke hatte zu diesem Zweck mit einer langen Nadel das Gehirnwasser abgesaugt und stattdessen Luft eingelassen. Für die Patienten war dies mit großen Schmerzen verbunden. Bereits 1957 hatte der Bundesgerichtshof erklärt, die Pneumoencephalografie dürfe nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden.

In Gang gesetzt hatte die Aufarbeitung die Filmemacherin Sonja Toepfer. Sie erforschte im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau die Rolle der Medizin in den Heimen der Nachkriegszeit. Sie hatte in der FR über Enkes Forschung an Heimkindern berichtet.

Bis alle noch vorhandenen Akten durchgesehen sind, werden noch einige Wochen vergehen, teilte Dietirch-Gibhardt mit. Roelckes Abschlussbericht mit genauen Zahlen und allen Details solle im Herbst erscheinen.

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