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Heimkinder in Hessen Vernachlässigt, geschlagen, ruhiggestellt

Die Aufarbeitung der Heimerziehung in Hessen bekommt momentan durch einen Film im Auftrag der Kirche neuen Schub.

Abschlussbericht des Runden Tisch zum Thema Heimerziehung
Im Jahr 2011 präsentierte der Runde Tisch seinen Abschlussbericht zum Thema Heimerziehung im Jakob-Kaiser-Haus in Berlin. Foto: imago

Kinder wurden vernachlässigt, geschlagen, mit Tabletten ruhiggestellt. Es gab sexuellen Missbrauch, Medikamententests und Operationen zu Forschungszwecken. Seit einigen Jahren ist verstärkt an die Öffentlichkeit gedrungen, wie schlimm der Alltag in Kinder- und Jugendheimen in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik war. Auch wenn das schon Jahrzehnte zurückliegt, gibt es noch erheblichen Nachholbedarf bei der Aufklärung.

Sie begann erst richtig mit einer Anhörung von Betroffenen im Deutschen Bundestag im Dezember 2006. Dort berichteten ehemalige Heimkinder über Missstände in den Einrichtungen, persönliches Leid und die Folgen, mit denen sie zu kämpfen haben. In der Folge setzte der Bundestag einen Runden Tisch unter Leitung der früheren Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) ein, der 2011 seinen Abschlussbericht übergab. Eingerichtet wurde ein Fonds für Opfer.

Der Hessische Landtag lud 50 Heimkinder im Jahr 2009 zu einer Anhörung ein. „Wir haben in Abgründe menschlichen Daseins geblickt“, resümierte der damalige Vorsitzende des Sozialausschusses, Andreas Jürgens (Grüne). „Worte können nicht ausdrücken, was wir empfunden haben.“ Es folgte eine Entschuldigung des Landtags.

Doch manche Themen hatten noch nicht das Augenmerk der Politik gefunden – etwa die Medikamententests an Heimkindern. Sie wurden 2016 durch einen Bericht der Frankfurter Rundschau über Forschungsergebnisse der Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner bekannt. Vor einem Jahr veranstaltete der Landtag hierzu eine Anhörung mit Betroffenen, Vertretern der Heimträger, der Pharmaindustrie und der Forschung.

Auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) war dort vertreten, die sich seit Jahren der Aufklärung verschrieben. Die Historikerin Anette Neff bemüht sich im Auftrag der EKHN darum, das Thema „Heime und Heimkinder 1945–1975“ zu ergründen und die Ergebnisse an die Öffentlichkeit zu bringen. Bei der Frühjahrssynode der Kirche Ende April und einer Fachtagung im Juni sollen pädagogische Materialien und eine Wanderausstellung vorgestellt werden und das Filmprojekt, das jetzt mit neuen Erkenntnissen über Operationen zu Forschungszwecken aufwartet. Zu sehen ist der Film ab Ende Juni.

„Alle am Projekt seit 2013 Beteiligten haben in dessen Verlauf erkannt, wie existenziell bedeutsam es für die Betroffenen ist, dass sie – wenn auch oft mit jahrzehntelanger Verspätung – einen Weg finden, die weit verbreitete Sprachlosigkeit zu überwinden“, sagt Neff. Dabei rechnet sie nicht nur die betreuten Menschen zu den Betroffenen, sondern auch Angehörige und Erziehungspersonal.

Bei der EKHN-Tagung im Juni soll der Film „Kopf Herz Tisch3“ der Wiesbadener Filmemacherin Sonja Toepfer erstmals gezeigt werden. Es ist der dritte Teil ihrer Filmreihe über Heimerziehung. Nach der Uraufführung soll er an vielen Orten in Hessen gezeigt werden, in Anwesenheit von betroffenen Menschen.

„Der Film ist als eigenständiger Teil der ,Kopf Herz Tisch‘-Reihe zu sehen, wo in bisher zwei Filmen Betroffene der Fürsorgeerziehung der 50er bis 70er Jahre am Tisch saßen und darüber gesprochen haben, wie sie diese Zeit bewältigt haben“, berichtet Toepfer. Darin kommen zwei ehemalige Heimkinder aus zwei hessischen Kinderheimen zu Wort, aus der evangelischen Hephata-Anstalt im nordhessischen Treysa und aus dem Kalmenhof in Idstein, der dem Landeswohlfahrtsverband untersteht. Auch etliche frühere Mitarbeiter der Einrichtungen sowie Pharma- und Medizinexperten werden von Toepfer interviewt.

Sie geben erschütternde Einblicke in den Heimalltag. Eine Psychologin, die früher am Kalmenhof arbeitete, sagt: „Die Pädagogik bestand im wesentlichen darin, dass man straft.“ Prügel, Isolation und Demütigung seien an der Tagesordnung gewesen. 

sonjatoepfer.com/filme/kopfherztisch

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