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Hausärzte Stipendien gegen den Ärztemangel

Studenten verpflichten sich mancherorts zur Niederlassung. Ein anderes Projekt setzt auf intensive Betreuung.

Arzt
Ein Arzt. (Symbolfoto) Foto: Patrick Seeger (dpa)

Im Oktober hat es Anna Maria Wicker geschafft. Nach zwei Jahre im fernen Ungarn kann sie ihr Medizinstudium in Deutschland fortsetzen. Und nicht nur das: Sie bekommt sogar Geld dafür: Die 22-Jährige ist die dritte Stipendiatin des Vogelbergkreises, der damit angehende Ärzte an sich binden möchte. Vom fünften Semester bis Ende des Studiums erhalten sie jeweils 400 Euro im Monat. Im Gegenzug verpflichten sie sich, ihre Facharztausbildung zum Allgemeinarzt im Vogelsbergkreis zu absolvieren und sich dort mindestens drei Jahre niederzulassen. Auch andernorts werden Studenten so umworben.

Noch zeigt das Netz an Ärzten in Hessen zwar wenige Löcher. Viele Regionen gelten sogar als überversorgt – auch der Vogelsbergkreis. Andererseits sind bereits 154 Hausarzt-Sitze vakant, die Ärzteschaft ist überaltert. Viele haben demnächst das Ruhestandsalter erreicht. Und bei den potenziellen jungen Nachfolgern nimmt Teilzeitbeschäftigung zu – auch weil immer mehr Frauen den Beruf ergreifen.

„Der Ärztemangel ist in Hessen angekommen“, sagt Petra Bendrich von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. Die drohenden oder schon existenten Engpässe betreffen nicht nur die ländlichen Räume, sondern auch das Rhein-Main-Gebiet. Eine Entwicklung, die nicht nur Landkreise umtreibt. Auch Krankenhäuser locken Studenten mit finanzielle Anreizen.

Etwa Vitos: „Die zukünftigen Ärzte liegen uns schon heute am Herzen, denn unsere Patienten brauchen auch in Zukunft gut ausgebildete Mediziner“, sagt Konzernsprecherin Martina Garg. Zehn Studenten hätten sich in den vergangenen vier Jahren erfolgreich ab dem sechsten Semester um ein Stipendium beworben.

Das Konzept sehe vor, dass sie sich dazu verpflichten, nach Abschluss des Studiums mindestens drei Jahre als Assistenzarzt für den Konzern zu arbeiten. Diese Verpflichtung sei jedoch nicht in Stein gemeißelt, sagt Garg: „Gleichwohl steht es den Vitos-Gesellschaften frei, darauf zu verzichten.“ Ein weiteres Beispiel ist die Frankfurter Krankenhauskette Agaplesion. Die unterstützt mit ihrer Förderstiftung Studenten im Praktischen Jahr, die in ihren Einrichtungen beschäftigt sind. Bis zu 300 Euro erhalten sie, heißt es auf Anfrage.

Was die Hausärzte betrifft, hat sich nicht alleine der Vogelsbergkreis für diese Fördermöglichkeit entschieden. Auch der Landkreis Fulda bietet nach Auskunft von KV-Sprecherin Bendrich ein Programm.

Mit dem Hochtaunus und der Bergstraße gehört Fulda zu den drei Landkreisen, die sich an dem Programm Landpartie 2.0 des Instituts für Allgemeinmedizin an der Frankfurter Goethe-Universität beteiligen. Es soll die Begeisterung für den Landarztberuf wecken, sagt Institutsdirektor Ferdinand M. Gerlach: „Mit einem attraktiven Programm und intensiver Betreuung werden die Studierenden gelockt.“ Die finanziellen Anreize seien relativ gering. Sollte die große Koalition in Berlin Realität werden, würden solche Modelle bundesweit gefördert und deren Wirkungen wissenschaftlich untersucht. So stehe es im Koalitionsvertrag.

Wie Gerlach weiter berichtet, haben Länder wie Kanada, Norwegen oder die USA schon jahrzehntelang Erfahrung mit Programmen für unterversorgte Regionen. Ihre Erfahrung zeige, dass entscheidend für das Bleiben die Herkunft vom Land sei. „Aus Berlin-Kreuzberg fühlt sich selten jemand dort auf Dauer wohl.“

Der Vogelsbergkreis könnte somit Erfolg haben. Denn Bedingung für das Stipendium ist eine Bezug zu der Region. Den hat Anna Maria Wicker, die aus Antrifttal-Ohmes bei Alsfeld stammt. Hier lebt ihre Familie, hier hat sie die Ausbildung zur Rettungssanitäterin gemacht. Die Famulatur absolviert sie derzeit im Krankenhaus Alsfeld, hat auch schon in Arztpraxen in der Nähe hineingeschnuppert.

Die Arbeit der Hausärztin, sagt sie, hat ihr besonders gut gefallen: „Da hat man einen besonderen Kontakt zu den Menschen.“ Und das Leben im Vogelsberg entspreche ihrem Naturell: „Ich finde die Ruhe unglaublich gut“, sagt die 22-Jährige. „Im Alltag habe ich genug Action.“ Zudem seien die nächsten Städte nicht weit entfernt. Nach Frankfurt oder Kassel sind es rund 100 Kilometer. In Gießen oder Marburg sei sie noch schneller.

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