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Hattersheim Mahnmal für Sinti

Ein Gedenkstein für die Okrifteler Sinti soll auf dem Kirchplatz des Hattersheimer Stadtteiles Okriftel aufgestellt werden. Der Gedenkstein erinnert an Folter und Tod im KZ.

Hattersheim
Karl Alexander Adam (links im Bild) beim Dreschen mit Freunden. Foto: Stadt Hattersheim

Den Sandstein mit roten und gelben Schlieren hat Kai Wolf schon ausgesucht. Der Block für das Mahnmal, das die AG Opfergedenken im kommenden Jahr für die Okrifteler Sinti auf dem Kirchplatz aufstellen lassen will, muss nur noch aus dem Steinbruch herausgeschnitten werden. Auch das Eisenrad, das den Gedenkstein für die Familie Keck-Adam und das Ehepaar Kreuz krönen wird, liegt bereit. Kai Wolf hat es in der ehemaligen Papierfabrik Phrix gefunden, wo er in seinem Atelier kinetische Kunstwerke herstellt.

Das Rad stamme von der Sackkarre für einen Schneidbrenner, der einst in der Okrifteler Cellulosefabrik Verwendung fand, erzählt der Künstler. Mit dem Wagenrad, das vielfach als Symbol für „Zigeuner“ gelte, habe es nichts zu tun. „Das wäre eine Missinterpretation“, sagt Wolf.

Aufgestellt werden soll der Gedenkstein für die Okrifteler Sinti auf dem Kirchplatz des Hattersheimer Stadtteiles. Dort, wo einst das Wohnhaus der Familie Keck-Adam stand und in unmittelbarer Nähe zur Papierfabrik Phrix, aus der das Eisenrad für das Mahnmal stammt. Barbara Adam, die 1944 in Auschwitz ums Leben kam, hatte in der Phrix gearbeitet.

Der frühere Hattersheimer Stadtarchivar Wilfried Schwarz und die Historikerin Anna Schmidt haben die Biografien aller 13 Mitglieder der Familie Keck-Adam erforscht. In dem 2014 erschienenen Buch „…man müsste einer späteren Generation Bericht geben“ sind die Schicksale nachzulesen. 1941 war die Sinti-Familie auf der Flucht vor den Nationalsozialisten zunächst nach Darmstadt gezogen, wurde dort aber aufgegriffen und ins Konzentrationslager deportiert. Nur Maria, Alwine-Susanne und Anna Adam überlebten den Holocaust. Alle anderen wurden in Auschwitz ermordet.

Die Sinti-Familie sei jahrzehntelang gut in Okriftel integriert gewesen, weiß Ulrike Milas-Quirin, Sprecherin der AG Opfergedenken. Die Kinder gingen am Ort zur Schule und in den Kommunionsunterricht, waren in Vereinen aktiv. Die Erwachsenen arbeiteten bei Opel in Rüsselsheim, bei den Darmstädter Gaswerken, in der Phrix, bei Sarotti oder in den Labors der Farbwerke Höchst. „Die Leute wussten, dass es Sinti sind, aber sie waren nicht stigmatisiert.“

Auf der Edelstahlplatte des Mahnmales werden auch die Namen von Emilie und Karl Kreuz stehen. Das Sinti-Ehepaar lebte nach dem Krieg zurückgezogen in einer kleinen Hütte am Okrifteler Baggersee. Karl Kreuz verdiente sich Geld mit Reparaturen, verkaufte Körbe und Musikalien. Im KZ Buchenwald war er schwer misshandelt und medizinischen Versuchen unterzogen worden. Emilie Kreuz hatten die Nazis ins Frauen-Konzentrationslager nach Ravensbrück deportiert. Ulrike Milas-Quirin hat für ihre Recherchen über das Sinti-Ehepaar die Entschädigungsakten im Wiesbadener Staatsarchiv ausgewertet. Bislang hatte dazu auch die AG Opfergedenken keine Informationen. „Jeder in Okriftel kannte Emilie und Karl Kreuz, aber keiner kannte ihr Schicksal“, sagt sie.

Der Gedenkstein für die Sinti, der 2018 und damit 70 Jahre nach der Reichspogromnacht aufgestellt werden soll, erinnere an einen wichtigen Teil der Okrifteler Geschichte, sagt Erster Stadtrat Karl Heinz Spengler, Vorsitzender der AG Opfergedenken. „Er soll eine Mahnung sein, wie schlimm die Zeit des Dritten Reiches war und welche Leiden die Menschen damals ertragen mussten.“

Auf Initiative der AG Opfergedenken wurden bereits 81 Stolpersteine für jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Hattersheim verlegt. Die Sinti hätten diese Form des Gedenkens nicht für ihre Opfer gewollt, sagt Karl Heinz Spengler.

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