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Hanau Schüler kämpfen für Referendarin

Zwei Schulklassen setzen sich in Hanau für ihre Referendarin ein, die wiederholt durch das zweite Staatsexamen gefallen ist.

Kimiya Shams
Kimiya Shams (mit Victoryzeichen) inmitten ihrer Schüler. Foto: Peter Hanack

Das hätte so ein schöner, unbeschwerter Nachmittag sein können. Die Noten vergeben, keine Hausaufgaben mehr, die Ferien vor Augen. Doch dieses Treffen von Kimiya Shams mit den Schülerinnen und Schülern ihrer beiden Klassen 9a und 9b auf dem Freiheitsplatz in Hanau hat einen ganz anderen Hintergrund. Es geht um Solidarität. Denn Kimiya Shams, Referendarin an der Hanauer Tümpelgartenschule, ist bereits zum zweiten Mal durch das zweite Staatsexamen gefallen. Und damit ist ihre Schullaufbahn eigentlich beendet. 

Doch das wollen die Jungen und Mädchen der 9a und 9b nicht einfach so hinnehmen. Seit Wochen schon kämpfen sie für „ihre“ Lehrerin, malen Plakate, beschriften T-Shirts, sammeln Unterschriften. Und erzählen an diesem Nachmittag der Frankfurter Rundschau, warum „Frau Shams“ unbedingt ihre Lehrerin bleiben müsse.

„Frau Shams hat mich in Deutsch viel stärker gemacht. Sie hat uns immer Hoffnung gegeben, wenn wir mal am Boden waren“, erzählt Burak (17). „Eigentlich mag ich Englisch nicht, aber bei Frau Shams habe ich mich sogar getraut, Englisch zu sprechen“, berichtet Aleyna (15). „Sie hat immer gesagt, dass wir es schaffen können.“ Yazan (18) ist erst vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. „Ich konnte gar kein Deutsch. Frau Shams hat mir ganz viel geholfen“, sagt er ohne hörbaren Akzent. „Ich bin stolz, dass sie meine Lehrerin war und hoffe, dass sie es bleibt.“

Und lange Zeit sah es auch wirklich gut aus. Das Erste Staatsexamen am Ende des Lehramtsstudiums hatte Shams mit der Note 2,2 bestanden, auch das Referendariat an der Tümpelgartenschule, einer verbundenen Haupt- und Realschule, lief gut. Nach Unterrichtsbesuchen gab es immer positive Rückmeldungen, die einzelnen Module während der Ausbildung wurden gut benotet. „Ich habe immer gedacht, ich kann das, Lehrerin sein“, sagt sie. „Ich fühle mich für diesen Beruf geboren.“

Referendarin besteht Prüfung nicht

Aber bei der Prüfung lief dann irgendetwas schief. Jedenfalls in den Augen der Prüfer. Zwei Unterrichtsstunden, eine in Deutsch und eine in Englisch, musste sie dafür halten.

Was genau dabei so schlecht war, dass es nicht genügte, um zu bestehen, das will Shams jetzt mit Hilfe von Anwälten herausfinden. Und erreichen, dass sie die Prüfung noch einmal wiederholen darf. „Gnadenprüfung“ heißt das im juristischen Jargon. 

„Eigentlich wollte ich schon aufgeben, aber meine Schülerinnen und Schüler haben mir wieder Mut gemacht und jetzt werde ich weiter kämpfen“, sagt Shams. Kurz nach der missglückten Prüfung haben sie im Klassenzimmer eine Überraschungsparty für sie organisiert und einen Pulli mit ihrer aller Namen bedrucken lassen. „Glaub an dein Ziel, sag niemals nie“, steht darauf. 

Die heute 28-Jährige ist in Köln geboren und in Maintal bei Frankfurt aufgewachsen. Ihre Eltern sind aus dem Iran nach Deutschland gekommen, das Abitur hat sie an der Klingerschule in Frankfurt abgelegt. Lehrerin an einer Hauptschule werden wollte sie, „weil ich damit Jugendlichen zeigen kann, dass man mit Migrationshintergrund etwas aus sich machen kann“, sagt sie. 

„Sprachen liegen mir, deshalb habe ich auch Englisch und Deutsch als Studienfächer gewählt“, erzählt sie. Und der Umgang mit Jugendlichen, der liege ihr auch. „Ich denke, ich verstehe ihre Sorgen und Ängste, ich komme damit gut klar.“ Wo Kolleginnen manchmal heulend aus der Hauptschulklasse liefen, da gehe sie lachend in die Pause. „Was diese Jugendlichen vor allem brauchen“, sagt sie, das sei jemand, der ihnen zuhöre, sie ernst nehme, dem sie vertrauen könnten und der ihnen zeige, warum lernen sich lohne. 

Wie es weiter geht

„Man kann ihr alles erzählen“, sagt Navid (16). „Ich habe bei ihr viel gelernt, und wenn wir mal ein bisschen schlapp waren, dann hat sie uns auch Feuer unterm Hintern gemacht.“ Helin (16) nickt. „Sie hat uns die Motivation gegeben, überhaupt mit der Schule weiterzumachen, und das mit Spaß.“

Jetzt sind erst einmal Ferien. Es kann einige Wochen dauern, bis die Anwälte das Protokoll der verunglückten Prüfung erhalten. Kimiya Shams ist jetzt erst einmal arbeitslos, bekommt Arbeitslosengeld II, da sie ja noch nicht allzu lange Geld verdient hat. Hartz IV hin oder her: An diesem Nachmittag gibt es trotzdem für alle noch ein Eis. „Und für mich drei Bällchen“, sagt Burak. 

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