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Hanau Der Hund drückt die Notruftaste

Im Hundezentrum Main-Kinzig lernen Tiere, Hilfe zu holen, wenn der Mensch es selbst nicht mehr kann.

Hunde, die den Notrufknopf betätigen
Nur gestellt: Tobias Winter von den Hanauer Johannitern simuliert den Ernstfall, damit „Kitty“ den Hausnotruf betätigt. Foto: Rolf Oeser

Für den Beweis, dass Kitty richtig reagiert, legt sich Tobias Winter gern in den Dreck. Winter ist als Leiter des Bereichs Hausnotruf bei den Hanauer Johannitern tätig und Kitty ist ein Australian Cattledog. Sie ist darauf trainiert, bei einer gefallenen Person den Hausnotruf zu betätigen. Entweder zieht Kitty an einer Kordel oder knufft flott mit der Nase eine große grüne Taste.
Kitty gehört zum Hundezentrum Main-Kinzig, wo auch Assistenzhunde ausgebildet werden, die etwa ihren diabeteskranken Besitzer vor einer Über- oder Unterzuckerung warnen oder Traumapatienten begleiten. Nur mit dem Drücken des Hausnotrufs klappte es bislang nicht – aus technischen Gründen.

Der Alarmauslöser besteht in der Regel aus einem Kästchen zum Umhängen oder einem Armband mit einer roten Taste – beides ist kaum fürs Hundemaul geeignet, stellte Lisa Giesel fest, die mit Kerstin Köckert das Hundezentrum in einem Gewerbegebiet im Stadtteil Klein-Auheim betreibt. Eine Anfrage bei den Johannitern sollte die Lösung bringen. „Das Hausnotruf-Team hat sich daraufhin zusammengesetzt und innerhalb kurzer Zeit ein Trainingsgerät gebaut“, sagt Winter. Es hat etwas von der Statur einer Notrufsäule, an der die Vierbeiner das Kordelziehen und das Taste-Drücken üben können. Damit entstand die Kooperation von Hundezentrum und Johanniter.

„Wenn nur der Hausnotruf ausgelöst werden soll, eignet sich jeder Hund, aber nicht jeder eignet sich zum richtigen Assistenzhund“, sagt Lisa Giesel. Das habe aber weniger mit der Intelligenz des Tieres als mit seinen Talenten zu tun. Freundliches Wesen, Verspieltheit und hoher Arbeitswille lauten die wichtigsten. „Hütehunde bringen diese Eigenschaften im hohen Maß mit und sie nehmen ihren Job ernst“, sagt Giesel.

Auch allein schon den Hausnotruf zu betätigen, ist für die Hunde eine enorme Aufgabe. Ein Lernprozess, der nur als Spiel funktioniert, sagt Giesel. Das Trainingsprogramm sei sehr individuell und hänge davon ab, wie viele Aufgaben dem Tier beigebracht werden sollen – das geht bis hin zum Wecken bei Albträumen. Gleiches gelte für die Dauer, die zwischen mehreren Wochen und Monaten liegen könne. Im Hundezentrum kann ein ausgebildetes Tier erworben werden, das Giesel oder Köckert eigens für den Zweck aussuchen.

Das hat seinen Preis, der zwischen 4000 und 18 000 Euro liegt. Das Gros der Kosten steckt im qualifizierten Training. Giesel etwa hat einen Schein zur Assistenzhundeausbildung bei der IHK gemacht. Preiswerter ist es, einen vorhandenen Vierbeiner auf den neuen Job vorzubereiten, mit stundenweisem Training unter der Woche. So oder so, die Krankenkassen übernehmen die Ausgaben nicht, merkt Winter an.

„Der Hausnotruf wird bei uns nicht nur von älteren Menschen gebucht“, sagt Winter. Rund fünf Prozent der Kunden seien junge Personen, darunter etwa alleinstehende Schwangere oder Mountainbiker. Letzterer Risikopersonenkreis ist jedoch mit neun Teilnehmern im Vergleich zur Gesamtzahl von rund 500 Notruf-Kunden der Johanniter sehr gering. Die Zahl der altersbedingten Nutzer steige deutlich. Aus Sicht des Anbieters eine zufriedenstellende, gesellschaftlich eine eher unbehagliche Entwicklung. „Natürlich ist die Nachfrage eine Folge der Entfremdung. Es gab den Fall, dass eine Frau um Hilfe gerufen hat und der Nachbar nicht reagierte“, sagt Winter.

Die Technik bietet heute mehr als nur die Taste in der Wohnung. Mobile Systeme mit GPS-Ortung oder Sturzsensor können gebucht werden. Warum dann noch der Hausnotruf-Hund? „Es gibt Damen und Herren, die stürzen regelmäßig beim Putzen oder Gardinenaufhängen, ohne dass etwas passiert, aber der Sturzsensor löst den Notruf aus“, erläutert Winter. Der trainierte Hund reagiere erst, wenn die Person nicht mehr aufstehen kann. Unabhängig davon kann der Hund dazu ausgebildet werden, dabei zu helfen, leichter allein durch den Alltag zu kommen, indem er auf Zuruf Dinge reicht wie die Gehhilfe und Heruntergefallenes oder Türen öffnet.

Den Trainingserfolg muss der Hund in einer Prüfung beweisen. Erst dann erhält der Besitzer einen Ausweis, der es ermöglicht, den tierischen Begleiter überall mitzunehmen. In Deutschland ist das „überall“ noch sehr eingeschränkt und oft unklar geregelt. Im Februar forderte der Bundesrat in einem Beschluss die Regierung auf, zügig einen Gesetzentwurf vorzubereiten. „In den USA etwa ist die Mitnahme von Service Dogs besser und großzügiger geregelt“, sagt Giesel.

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