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Gut gebrüllt Liebesbriefe

Kultusminister Lorz empfiehlt handgeschriebene Koseworte. Die sind in der Politik selten. Die Kolumne aus dem Landtag.

Ich muss Dir schreiben, Lieber! Mein Herz hält das Schweigen gegen Dich länger nicht aus, nur noch einmal lass meine Empfindung sprechen vor Dir.

Dieser handgeschriebene Brief soll zusammengefaltet durch die Reihen des Landtags gereicht worden sein, heißt es. Leider sei die Anrede abgerissen. Man könne daher nicht mehr herausfinden, ob oben „Lieber Tarek“, „Lieber Volker“ oder „Lieber Thorsten“ stand.

Wir wissen nicht, ob die Geschichte stimmt. Wahrscheinlich nicht. Aber Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hat in dieser Woche dazu aufgefordert, Liebesbriefe per Hand zu schreiben. Der Brief sei „unschlagbar, wenn es um Wertschätzung und ganz Persönliches geht“, hieß es in seiner (nicht handgeschriebenen) Pressemitteilung. Eigentlich meinte er damit gar nicht seine Politikerkollegen. Der Aufruf richtete sich an Schülerinnen und Schüler, von denen sage und schreibe 7380 mitmachen wollten beim Liebesbrief-Schreiben, einer Aktion der „Stiftung Handschrift“.

Wenn es um hessische Politiker ginge, besäße der Grüne Tarek Al-Wazir beste Chancen auf freundliche Zeilen. Er ist jetzt in einer Umfrage zum beliebtesten Politiker gewählt worden, noch vor Ministerpräsident Volker Bouffier und dessen Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel.

Die Spitzenkandidaten sind in Zeiten des Wahlkampfs nicht für Liebeserklärungen zu haben, sondern eher für gegenseitige Beschimpfungen. Wobei – ein bisschen Liebe wird auch vor der Wahl erklärt. Allerdings nur den eigenen Leuten, um sie zu motivieren.

Der SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel etwa pries die SPD-Wahlkreiskandidaten beim Landesparteitag vor einer Woche mit den Worten, sie seien „nicht nur politisch eine ziemlich attraktive Mannschaft, sondern auch anders“. Nach Schäfer-Gümbels Rede fand Sitzungsleiterin Susanne Selbert liebevolle Worte für den Parteichef: „Er nimmt die Menschen ernst, begegnet ihnen auf Augenhöhe.“

Mal schauen, wie viel Liebe die CDU ihrem Vorsitzenden und Spitzenkandidaten Volker Bouffier beim Parteitag am heutigen Samstag mitgibt. Generalsekretär Manfred Pentz machte in dieser Woche den Anfang: „Wir haben einen tollen Spitzenkandidaten.“

Doch es wird wohl kein Parteimitglied ans Mikrophon treten und bekennen: „Lass meine Empfindung sprechen vor Dir!“ Es sind die Worte von Hölderlin, die er der „Diotima“ in den Mund legte, dem literarischen Pendant seiner geliebten Susette Gontard aus Frankfurt. Ein Stück schöne Dichtung. Aber nicht wahre Politik.

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