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Gustl Müller-Dechent Mit dem Fahrrad in den Krieg

Gustl Müller-Dechent feiert seinen 100. Geburtstag und blickt auf ein spannendes Leben zurück: Als junger Mann tritt er den Nationalsozialisten entgegen, nach dem Krieg wird er Journalist und sorgt in der Adenauer-Zeit als FR-Ressortleiter oft auch für Ärger.

02.06.2015 19:40
Von seinem Volontär a. D. Rainer Holbe
Ein Ständchen für die Gäste: Gustl Müller-Dechent spielt am liebsten auf dem Akkordeon. Foto: Archiv Holbe

Gustl sitzt an diesen frühen Sommertagen am liebsten auf der Terrasse, genießt die milde Sonne und die Stille in dieser abseits von Salzgitter gelegenen Welt. Möglich, dass er bisweilen dem freundlichen Bernhardiner „Samson“ aus seinem Leben erzählt. 100 Jahre alt wird Gustl Müller-Dechent in diesen Tagen. Gustl, der eigentlich August heißt und in München geboren ist. Dort wird aus dem August schnell der „Gustl“. In den bayerischen Amtsstuben hängt noch ein Bild von Kaiser Wilhelm II., und in Europa tobt der Erste Weltkrieg.

Wer hundert wird, dem tut sich ein gewaltiges Panoptikum auf. Eigene Erinnerungen verweben sich mit großer Geschichte. Gustl wird nicht verschont von den Zeitläuften, registriert früh, dass etwas nicht stimmen kann in diesem Deutschland. Er beschließt, den braunen Horden entgegenzutreten, wird Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterjugend für München-Süd.

Aufruf zum Widerstand

Ab 1933 sammelt er Freunde um sich zum Widerstand gegen den Faschismus. „Wegen politischer Vergehen“ wird er inhaftiert, anschließend wird er Soldat. Die Fotografien aus dieser Zeit sind verblasst, schemenhaft nur erkennt man den Fahrradmelder, als der er in den letzten Kriegsmonaten in Jugoslawien eingesetzt war. Den Krieg mit dem Fahrrad gewinnen, welch ein Hohn!

Die Amerikaner gestatten den befreiten Deutschen wieder die Herausgabe von Zeitungen. In München ist es die „Süddeutsche“, die anfangs noch unregelmäßig erscheint. Gustl sieht seine Chancen und wird Reporter. Später auch von Radio München. Als Lokalredakteur der „Main-Post“ zieht es ihn nach Würzburg, er erfindet dort die legendäre Marktbärbl, eine Figur, hinter der er seine satirischen Kolumnen versteckt. Nach einem Gastspiel beim „Main-Echo“ in Aschaffenburg folgt er dem Ruf von Karl Gerold und wird Ressortleiter der „Frankfurter Rundschau“ und damit Chef der Hessenredaktion. Dort redigiert, schreibt, gestaltet er bereits einige Jahre ein Blatt, das ob seiner linksliberalen Position für Nachdenklichkeit, oft auch für Ärger in der konservativ geprägten Ära der Adenauer-Zeit sorgt.

Am 1. April 1961 kreuzen sich unsere Wege. Nachdem ich schon als Zwölfjähriger für die Kinderseite der FR geschrieben und dort eine Lehre als Verlagskaufmann absolviert hatte, waren mir die Zeitungsgötter gewogen. Genauer gesagt: Gottvater Karl Gerold, der mir huldvoll eine Volontärstelle anbietet. Mein Ausbilder und Chef wird Gustl Müller-Dechent. Damals hing in der Eingangshalle des Zeitungshauses eine Tafel mit den „zehn Geboten des Journalismus“. Die Aufzählung begann mit der Präambel: „Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert. Und mehr als das Blei in der Flinte das Blei im Setzkasten.“

Junge Kollegen können dem nicht ganz folgen. Heute gibt es weder Setzmaschinen noch den täglichen Umbruch in der Mettage oder die blauen Matern, in denen die Fotos gepresst wurden. Journalismus war damals auch ein Handwerk. Und Gustl Müller-Dechent hat es mir beigebracht. Von ihm lernte ich, eine Meldung von einer Reportage zu unterscheiden, eine Kolumne von einer Glosse. Der Chef hatte Courage, auch vor Königsthronen. Manch einen Minister aus Wiesbaden ließ er mit seiner Attacke abblitzen, manch einen Bundestagsabgeordneten – ich denke da an einen aus Vockenhausen – ließ er im Regen stehen, wenn er sich über unsere Berichterstattung lauthals beschwerte. Auch gegen manchen Wutanfall aus dem Büro der Chefredaktion nahm uns „gmd“ – so sein Kürzel als Autor – in Schutz. Und manchen Kollegen vor sich selbst. Als mein Schreibtischnachbar dem Teufel Alkohol verfallen war, verordnete ihm der Chef radikale Entziehungsmaßnahmen und nahm ihn in dieser schwierigen Zeit als Gast in seiner Familie auf.

„Zwischen Himmel und Erde“

Nach seiner Pensionierung zog Gustl Müller-Dechent in den Norden, ins Haus von Sohn Stefan und Schwiegertochter Heike. Und natürlich zu „Samson“, dem Bernhardiner. Von dort schrieb er bisweilen noch Artikel über sein Hobby, die Schmalfilmerei. Und verfasste Bücher wie „Zwischen Himmel und Erde – Die Gedanken sind frei“, in denen er seine Altersgenossen zu mehr Lebensfreude animierte, zu einem Leben in Achtsamkeit und Gelassenheit, so wie er es selbst führt. Damit ging er in Krankenhäuser und Seniorenheime. „Wir müssen uns gegenseitig beeinflussen, indem wir auf die Kraft unserer Gedanken und Seelenkräfte vertrauen“, sagt er. „Jeder muss Angst überwinden, damit sie aus der Welt gebannt wird.“

Dort habe ich ihn einmal besucht. Ich war ein wenig verlegen, als er mir damals das „Du“ anbot. Noch immer war er für mich der Chef, aber auch der Förderer, der mir nach Absprache mit Karl Gerold nach nur einem Volontärjahr einen Posten als Redakteur anbot. An jenem Tag war ich mächtig stolz auf meinen gewählten Beruf, und auch heute noch halte ich ihn für den besten der Welt. Meinem einstigen Ressortleiter Gustl Müller-Dechent danke ich für seine journalistische Geradlinigkeit und seinen durch nichts zu erschütternden Humor.

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