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Grüne Flucht Friedhöfe - Eine Serie Ausspannen am Schindacker

Friedhöfe in den Stadtteilen: Bockenheims altes Gräberfeld fällt dem Vergessen anheim. Dabei ist dort allerlei Geschichte daheim. Von Kim Behrend

16.07.2009 15:07
Kim Behrend
Der alte Bockenheimer Friedhof. Foto: FR/Boeckheler

Auf den Rücken ist er gekippt. Nun liegt er kaum eine Handbreit vom Weg im Gestrüpp, gut geschützt unter einem Dach aus Robinienzweigen. Der Efeu hat ihn halb zugedeckt und so ist er auf den ersten Blick kaum mehr auszumachen. Auf den zweiten Blick entziffert man die ersten Zeilen der Gravur: "Hier ruht in Gott Hilarius Hahn".

Wer sich also die Mühe macht und näher tritt, der mag jenem Toten, wohl aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gedenken. Be Hilarius Hahns Gegenüber fällt das schwerer. Ebenfalls im Dickicht des längst zur kleinen Parkanlage umfunktionierten alten Bockenheimer Friedhofs versteckt, hat sich jener Grabstein auf den Bauch gelegt. Wer dort zur letzten Ruhe gebettet wurde? Das wird wohl niemand mehr erfahren.

Dieses Verborgene gilt auch für den ganzen Friedhof an der Solmsstraße westlich der Regionalbahngleise in und aus der Wetterau. Wenig ist vom Gefühl der Pietät übriggeblieben.

"Die meisten der Grabsteine liegen mitten im Gebüsch", bestätigt Friedhelm Buchholz von den "Freunden Bockenheims". Unter anderem deswegen offenbare sich diese Stätte der letzten Ruhe zunächst als einfache Grünanlage, die heute von Passanten vor allem als Abkürzung genutzt wird.

Sein Hauptweg durchschneidet den Mini-Park als Diagonale von der Ecke Kreuznacher und Solmsstraße zu einer kurzen kleinen Freitreppe hinab zur Pfingstbrunnenstraße. Rechts davon breitet sich eine kleine kreisrunde Wiese aus, eine schmaler weg um sie herum. Bänke stehen dort. Von jenen, die in der umgebenden City-West, jenem ehemaligen Industrie-Areal, das als Hotel- und Büroquartier ins 21. Jahrhundert katapultiert wurde. Wenige die heute dort arbeiten, nutzen das kleine Grün zum Ausspannen in der Mittagspause. Das der alte Friedhof in seiner heutigen Gestalt bedeutungslos wird, das liegt, vermutet Buchholz, wohl auch daran, dass die City-West "gefühlt nicht mehr zu Bockenheim gehört". Umso trauriger, als das Feld gegenüber den Produktionshallen des Fernsehsenders RTL stadtgeschichtlich einen unbestreitbaren Wert besitzt.

Drei Tote von 1870/71

Rechts vom Hauptweg erinnert ein hoher, massiver Obelisk an jene drei Gefallenen, die Bockenheim während des Krieges gegen Frankreich 1870/71 zu beklagen hatte - so gedachte man einst toter Soldaten. Und das Familiengrab der Rohmers ist mit derart großen Steinen verziert, dass die Robinien drum herum doch noch etwas wachsen müssen, um die Gruft irgendwann mal allen Blicken zu entziehen.

Johann Conrad Rohmer, Bürger und Handelsmann der Stadt Frankfurt, zählt, wie das Buch der Freunde Bockenheims "Bockenheimer Straßen erzählen von gestern, heute und morgen" zu berichten weiß, zu einem der bedeutendsten Protagonisten Bocken- heims. Unter anderem stiftete er der Stadt jenen Grund am späteren Rohmerplatz, auf dem heute das Sozialrathaus steht.

Und auch dem Friedhof an der Solmsstraße half er einst auf die Sprünge. Der entstand 1825 an der Stelle eines alten Schindackers, auf dem Bockenheims Bauern ihr verendetes Vieh begruben. Neben Kühen und Ochsen wollten sich die braven Bockenheimer Bürger nun nicht gerade zur letzte Ruhe betten lassen - bis eben Rohmer mit gutem Beispiel voranging. Nun liegen dort auch der Maler, Kartograph und Kupferstecher Friedrich Wilhelm Delkeskamp sowie der einstige Kapellmeister des Frankfurter Staatstheaters, Karl Guhr. Ihre Grabsteine allerdings muss man, ein bisschen wie Ostereier, im Gebüsch suchen. Nur dass sich die Suche im Dickicht aus Stechpalme, Robinie und Efeu nicht ganz so erfreulich gestaltet.

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