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Göpferts Runde Auf der Bühne des Lebens

Der Maler, Graphiker und Entertainer Ferry Ahrlé feiert seinen 90. Geburtstag. Trotz seines hohen Alters arbeitet er noch jeden Tag. Gerade beschäftigt er sich mit einem Auftrag der Europäischen Union.

Der Künstler inmitten seiner Werke, Sakko passend zur Sofa-Garnitur. Foto: peter-juelich.com

Schmalbrüstige, efeuberankte Häuschen säumen die kleinen Straßen, die allesamt die Namen von Dichtern tragen. Lange Schatten in den Gärten, vibrierende Flecken von Sonne. Der Hausherr öffnet im eleganten lindgrünen Sakko, dessen Farbe wunderbar mit der Couchgarnitur harmoniert.

Wie stets beim Besuch von Ferry Ahrlé irritieren unzählige Sinneseindrücke, Farben, Formen, Gemälde, Skizzen das Auge. Das Haus des Malers, Zeichners und Autors ist längst zum Gesamtkunstwerk geworden, bis zum Atelier oben unterm Dach am Ende der Stiege ist es ausgefüllt mit den Zeugnissen einer langen künstlerischen Arbeit. Selbst die Decken schmücken noch farbige Arabesken. „Noch bin ich 89!“ ruft der Weißhaarige fröhlich, wuselt im Hintergrund irgendwo herum, trägt neueste Gemälde herbei, geradezu kubistische Strukturen, die gefiedertes Getier zeigen, „aus der Serie: Der Vogelschrei“.

Im Gespräch mit dem Künstler muss man sich behaupten, es entwickelt sich zum langen, mäandernden Fluss, der sich aufstaut zwischendurch an einem Punkt, um dann plötzlich wieder befreit zu strömen. Am 17. Juni feiert der Mann, der seit den 50er Jahren aus dem Stadtleben nicht wegzudenken ist, aus dem kollektiven Gedächtnis ganzer Nachkriegsgenerationen in Deutschland, seinen 90. Geburtstag. In den Fernsehserien der 70er bis 90er Jahre, die so schöne Titel trugen wie „Sehr ähnlich, wer solls denn sein?“, war er mit seinen Porträts Prominenter oder historischer Persönlichkeiten gleichsam in den Wohnzimmern präsent.

Aber er bleibt bis heute aktiv. „Sechs Stunden am Tag arbeite ich – Schreiben oder Malen“, verkündet er stolz. Gerade hat er einen Auftrag der Europäischen Union (EU) erhalten: Bilder von klassischen Thermalbädern auf dem ganzen Kontinent sollen in den nächsten Monaten entstehen, das bedeutet wieder Reisen, unterwegs sein, rast- und ruhelos, so wie er es liebt. Durch das Telefon, das immer wieder klingelt, mit der Welt verbunden.

„Mein Sohn ist Maler.“

Und doch gehen in diesen Tagen die Gedanken des alten Mannes zurück. Zu seinem Vater René Ahrlé, der zwischen den Weltkriegen einer der bekanntesten deutschen Grafiker war. „Ich habe viel gelernt von meinem Vater“, sagt der Sohn nachdenklich und wirkt plötzlich gar nicht mehr so aufgeräumt. Die Tage im April 1945 tauchen wieder auf vor seinem geistigen Auge, der blutige Endkampf um Berlin, als der junge Infanterist vom Bahnhof Schmargendorf aus mit 24 luxemburgischen Soldaten in die Innenstadt transportiert werden sollte, um dort die russischen Angreifer irgendwie aufzuhalten. Stattdessen schlägt er sich nach Hause zum Vater durch, der ihn ohrfeigt und anbrüllt: „Du ziehst die Lumpen aus!“ Gemeint ist die Wehrmachtsuniform. Ferry gehorcht und überlebt.

Und noch einmal greift der Vater entscheidend in sein Leben ein. Einige Jahre später, als der Sohn heimlich Unterricht beim späteren Burgschauspieler Albin Skoda genommen hat, von einem Leben beim Theater träumt, kurz vor der ersten Premiere steht. Doch der Vater ruft in Berlin den Direktor des Hauses an und sagt Ferrys Teilnahme ab mit den unvergessenen Worten: „Mein Sohn ist Maler.“

Und so sucht der Künstler eine andere Bühne. Ahrlé kramt in seinem Wohnzimmer buchstäblich in Erinnerungen. Ein gerade erschienenes Buch blendet zurück auf seinen ersten großen Auftrag 1945: Er zeichnet Porträts des ersten Magistrats in der sowjetisch besetzten Zone der befreiten Stadt Berlin, unter dem Titel: „Männer des Wiederaufbaus“. Später hängen diese Bilder in der DDR in allen Schulklassen. Er studiert an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Rasch wird systemübergreifend in der Millionenstadt und darüber hinaus sein Talent erkannt. Er arbeitet für die Programme der Berliner Philharmoniker ebenso wie für das literarische Kabarett „Die Stachelschweine“.

Auf dem Couchtisch liegen jetzt seine prall gefüllten Skizzenbücher, die er seit den späten 40er Jahren führt und die mittlerweile mehr als 8000 Porträts umfassen. Die, die er traf und zeichnete, spiegeln das kulturelle Leben Deutschlands und Europas: Von Karlheinz Böhm bis Yehudi Menuhin, von Erika Pluhar bis Marianne Hoppe.

„Ich hänge in vielen Häusern.“

Was verblüfft an Ahrlés Arbeit, ist, wie er sich die Stilrichtungen von Malerei und Grafik anverwandelt und daraus etwas Neues entstehen lässt. Als er Mitte der 50er Jahre nach Frankfurt kommt, gestaltet er als erstes geradezu expressionistische Plakate für avantgardistische Filme: Von Fellini, Bergman, Truffaut, Polanski.

Heute sagt er stolz: „Ich hänge in vielen Häusern.“ Und meint damit nicht nur die Museen. Im Römer ist sein Porträt des Oberbürgermeisters Walter Möller zu finden, im Schauspiel das des Intendanten Harry Buckwitz. In Frankfurt wird „der Ferry“ über die Jahrzehnte hinweg zum Original. Das sich einmischt. Das mitmischen will. Er freundet sich in den 70er Jahren mit dem Oberbürgermeister Rudi Arndt (SPD) an. Ahrlé fördert eine Zeichnung hervor, die verblüfft: Die Fachwerkhäuser der Römerberg-Ostzeile, 1971 von ihm entworfen: „Das hab ich damals der Stadt vorgeschlagen.“ Doch erst 1983, unter einem CDU-Magistrat mit OB Walter Wallmann, entstehen die Fachwerk-Nachbauten. Der Künstler steht hinter dem Projekt: „Weil es den Römerberg wieder zum Platz gemacht hat.“ Mit der Rekonstruktion der Altstadt dagegen, die jetzt gebaut wird, steht der Maler auf Kriegsfuß: „Ich kenne die originale Altstadt noch und verstehe nicht, dass man die Wohnverhältnisse des 19. Jahrhunderts mit dunklen und engen Gassen mit wenig Licht wieder auferstehen lässt.“

Draußen im Garten hinter dem Haus brütet die Hitze. Wir leeren große Gläser mit Mineralwasser. Wehmütig denkt der gebürtige Frankfurter an die 70er Jahre und die Kommunalpolitiker von damals zurück: „Das waren noch Typen, die Ideen hatten – die fehlen heute!“ An unzähligen „Künstlerabenden“ hockten die Leute aus der Kulturszene mit Politikern zusammen, der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) war dabei, mit dem Ahrlé heute noch befreundet ist, aber auch der linke Liedermacher Diether Dehm, heute Bundestagsabgeordneter der Linken. „Es gab große Streitereien und man beschimpfte sich schon mal als Trotzkist – dann trank man Bierchen zusammen.“ Der Künstler lacht.

1993 reichte es ihm: Angesichts des aus seiner Sicht maroden Zustands der Kommunalpolitik gründete er eine Partei, die „Bewegung Deutsche Mitte“ und trat als OB-Kandidat an. „Ich hab 300 Leute im Kolpinghaus mobilisiert – mehr als alle anderen.“ Am Ende kamen bei der OB-Wahl freilich gerade mal 8000 Stimmen zusammen…

Egal. Ahrlé hatte seinen Spass gehabt und es der Stadt gezeigt. Darauf kam es an. Noch heute hält er mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Er fordert von Künstlern vor allem eines: „Unbedingt Selbstdisziplin haben.“ Öffentliche Unterstützung für junge Künstler, wie etwa in der Städelschule in Frankfurt, sind ihm ein Gräuel: „Ich bin gegen Subventionen – wenn van Gogh subventioniert worden wäre, hätte er sich noch das zweite Ohr abgeschnitten!“ Der Entertainer lacht, ist zufrieden: Gut gegeben!

Feiern in Österreich

Nein, „das Rumgetrödel“ der jungen Künstler-Generation heute gefällt ihm nicht. Der Maler vermisst da die „klassische Ausbildung“, die er noch an der Akademie der Künste genossen habe. Etwa die Kenntnisse der Anatomie, Grundlage für Aktzeichnungen, „die hohe Schule jeden Künstlers“. Wenn er sich gelegentlich die Ausstellungen der Städelschul-Absolventen anschaut, „kommen mir die Tränen“.

So einer wie „der Ferry“ kann halt nicht die Klappe halten. Sprudelt noch immer über von Ideen und Plänen. Pünktlich zur WM in Brasilien hat er das Gedicht „Fußball“ von Joachim Ringelnatz mit Zeichnungen illustriert: „Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank.“

Das Telefon klingelt wieder. Die Anruferin wird abgewimmelt. Zum 90. Geburtstag wird er nicht in Frankfurt sein, sondern mit seiner Ehefrau in Österreich feiern, in einem kleinen Hotel, „das schon der Kaiser Franz Joseph gemocht hat“. Mehr wird nicht verraten.

Hinter dem grünen Sofa hängt ein Gemälde mit einer Stadtansicht, die fast düster wirkt. Ferry Ahrlé hat hier seinen Blick auf den Place de la Contrescarpe im 5. Arrondissement von Paris festgehalten, in dessen Nähe er in den 60er Jahren, in seiner Pariser Zeit, lebte. Gleichsam auf den Spuren des Dichters Paul Verlaine und des Schriftstellers Ernest Hemingway, die in den Häusern nahebei gewohnt hatten. Damals in Frankreich gewann der Graphiker und Zeichner Ahrlé Preise, etwa 1965 den Grand Prix International des Dessins in Deauville. Doch er kehrte nach Frankfurt zurück. Er brauchte die Atmosphäre der Stadt. Gewiss, er hat auch eine Wohnung in Berlin, „aber ich würde nie endgültig dorthin gehen“. Nur in Frankfurt ist er zu Hause.

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