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Gisela Stang in Hofheim „Ich kann jetzt freier und pointierter auftreten“

Die Hofheimer Bürgermeisterin Gisela Stang über ihren Rückzug aus der Stadtpolitik, das harte Ringen mit sich selbst und Themen, die sie als SPD-Landtagsabgeordnete anpacken möchte.

Interview mit Gisela Stang (SPD, Bürgermeisterin der Stadt Hofheim), Rathaus, Hofheim, Bild x von 11
Gisela Stang Foto: Michael Schick (Michael Schick)

Schon kurz nachdem Gisela Stang ihre Kandidatur für den Hessischen Landtag bekanntgegeben hat, meldeten sich zwei SPD-Bewerber, die der Hofheimer Bürgermeisterin im Amt nachfolgen wollen. Die CDU hat mit Christian Vogt ihren Bürgermeisterkandidaten bereits gekürt. Die Linke schickt Barbara Grassel ins Rennen. Die Grünen wollen ebenfalls einen Kandidaten für die Wahl nominieren.

Frau Stang, man könnte den Eindruck gewinnen, die Hofheimer Kommunalpolitik habe nur auf Ihren Abgang gewartet.
Den Eindruck habe ich nicht. 2019 wären ohnehin Neuwahlen gewesen, und die Parteien mussten überlegen, wen sie aufstellen. Ich habe da immer davon geschwärmt, wie toll mein Job als Bürgermeisterin ist, wie viel man auf der kommunalen Ebene verwirklichen kann. Deshalb freut es mich, wenn es vor allem bei der SPD gleich mehrere gute Leute gibt, die gerne kandidieren wollen. Als Bürgermeisterin ist man auf Zeit gewählt, und damit reiht man sich in den Lauf der lokalen Geschichte ein. Niemand muss eine „Trauerzeit“ einhalten, wenn die Amtsinhaberin sagt, dass sie aufhört.

In Amerika würde man einen amtierenden Präsidenten, der nicht zur Wiederwahl antritt, als „lame duck“ bezeichnen, als „lahme Ente“, die nicht mehr handlungsfähig ist. Fühlen Sie sich so?
Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Ich habe vor, die nächsten Monate meine Kraft weiterhin voll und ganz in die Arbeit hier im Rathaus zu stecken. Ich werde aber deutlich freier und pointierter auftreten. Das ist eine neue Freiheit, die ich sehr genieße.

Welches sind die Projekte, die Ihnen noch am Herzen liegen?
Das ist zum einen der Neubau der Stadtbücherei. Da sind wir auf einem sehr guten Weg. Ich werde aber auch noch den nächsten Haushalt im Parlament einbringen. Wir arbeiten weiter am Kindergartenentwicklungsplan. Die Rahmenplanung für das Neubaugebiet Marxheim II muss vergeben werden, und es wird eine erste zunächst verwaltungsinterne Veranstaltung für die Fortschreibung des Hofheimer Stadtentwicklungsplans geben.

Das hört sich nach interessanten Projekten und viel Arbeit an. Warum zieht es Sie trotzdem in den Landtag?
Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, und ich habe im vergangenen Jahr schwer mit mir gerungen. Schließlich ist es für mich nach wie vor ein Geschenk, in meiner Heimatstadt Bürgermeisterin sein zu dürfen. Am Ende stand für mich aber fest, dass ich noch einmal etwas Neues anfangen möchte. Dabei wollte ich den Zeitpunkt aber selbst bestimmen und nicht andere darüber entscheiden lassen, wann ich aufhöre.

Ihrer Partei, der SPD, geben Sie damit allerdings eine schwere Nuss zu knacken. Womöglich geht das Bürgermeisteramt in Hofheim jetzt für die Sozialdemokraten verloren. Haben Sie nicht auch ein bisschen schlechtes Gewissen?
Nein. Wenn ich meine Entscheidung vom Machterhalt abhängig gemacht hätte, wäre das ein falsches Amtsverständnis. Ich bin 2001 ein hohes Risiko eingegangen, als SPD-Kandidatin anzutreten. Niemand hätte damals in Hofheim einen Sieg für die Sozialdemokraten und schon gar nicht für eine Frau für möglich gehalten. Mein Sieg kam für alle unerwartet. Auch bei meinen beiden Wiederwahlen habe ich das scheinbar „Unmögliche“ wiederholt und gewonnen. Ich denke, damit habe ich der Partei doch etwas von dem zurückgegeben, was ich ihr verdanke.

Blicken wir noch mal auf die vergangenen 17 Jahre. Worauf sind Sie besonders stolz?
Auf die Innenstadtgestaltung mit Chinoncenter, Kellereiplatz, Altem Wasserschloss und Kellereigebäude. Das war ein intensiver Prozess, der auch kontrovers gelaufen ist, aber das war gut so. Ich bin stolz auf die Vielfalt in der Kinderbetreuung in Hofheim, auf das Vertrauen und die Wertschätzung, die entstanden sind; auf die Seniorenarbeit, die neu konzipiert wurde. Und ich freue mich, dass wir es nach langen Diskussionen hingekriegt haben, dass jetzt Spatenstich für die neue Ländcheshalle war und auch der TV Wallau mit der Lösung zufrieden ist.

In den letzten Jahren hatten Sie politisch in Hofheim immer eine politische Mehrheit im Rücken. Das wird sich im Landtag womöglich ändern. Dort sitzt die SPD zurzeit auf der Oppositionsbank.

Klar, das wird für mich eine Umstellung. Jetzt bin ich im Rathaus Chefin von 380 Mitarbeitern, verwalte einen 90-Millionen-Euro-Etat, das Managen steht im Vordergrund. Politisch gesehen gibt es in Hofheim keine starre Blockbildung. Ich weiß, dass im Landtag anders agiert wird, dass die Fronten verhärtet sind. Ich habe mich aber auch in Zeiten der schwarz-gelben Koalition als Bürgermeisterin nie zurückgelehnt, sondern immer versucht, Mehrheiten für meine Projekte zu finden. Darauf hoffe ich auch in der Landespolitik.

Welche Themen wollen Sie als Landtagsabgeordnete anpacken?
Das Thema Wohnungsbau vor allem, das die ganze Region beschäftigt und bei dem wir in Hofheim mit der Stärkung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Und die Sozialpolitik. Ich habe schon von einigen Trägern gehört, dass sie sich freuen, dass ich in die Landespolitik gehe, weil sie damit jemanden als Ansprechpartner haben, der sich in der Praxis auskennt.

Die Sozialdemokraten im Main-Taunus-Kreis haben Sie bereits einstimmig als Kandidatin für den westlichen Wahlkreis nominiert. Sie brauchen aber auf der Landesliste der Hessen-SPD einen Platz weit vorne, damit Sie sicher in den Landtag einziehen. Wann wird darüber entschieden?
Die Entscheidung fällt im Juni auf dem Landesparteitag. Das ist ein demokratischer Prozess, den ich abwarten muss. Die Rückmeldungen, die ich bisher bekommen habe, stimmen mich optimistisch, dass das klappt. Sicher ist aber natürlich nichts im politischen Geschäft.

Wenn es nicht klappt mit einem Landtagsmandat, was ist die Alternative? Bleiben Sie dann doch Bürgermeisterin in Hofheim?
Nein, ich werde nicht noch einmal zur Wahl antreten, das steht fest. Und ich strebe auch kein Abgeordnetenmandat im Stadtparlament an. Ich will da einen klaren Schnitt machen. Ich würde dann die hauptamtliche Politik sein lassen, mich eventuell in der Entwicklungsarbeit engagieren oder in die Wirtschaft gehen.

Was trauen Sie der SPD bei der Landtagswahl im Oktober zu?
Dass wir in die Regierung gehen und den nächsten Ministerpräsidenten stellen. Es geht in Hessen immer deutlicher in Richtung Wechselstimmung. Und man hat bei der Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt gesehen, was eine Partei wie die SPD auf die Beine stellen kann, wenn sie intensiv Wahlkampf macht und geschlossen auftritt. Zumal die CDU keine Antworten auf die Fragen von heute hat.

Interview: Andrea Rost

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