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Giftmüll in Hessen Der giftigste Ort der Welt

Ein stillgelegtes Salzbergwerk in Nordhessen schluckt alljährlich 40.000 Tonnen Giftmüll. Es ist die größte Untertagedeponie der Welt. Über der 300 Meter dicken, gasdichten Salzschicht liegen hundert Meter wasserdichter Ton.

Gefährliche Rückstände: Im Lager nahe Heringen liegen sie 700 Meter tief unter einer Salzschicht begraben. Foto: dpa/uwe zucchi

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte jemand einen Stadtplan von Mannheim oder Manhattan mit Buntstiften ausgemalt. Grelles Grün, Orange oder Gelb füllt das Schachbrettmuster. Doch was sich da in exakten rechten Winkeln auf der Karte ausbreitet, sind keine Straßen und Häuserblöcke, sondern Gänge und Pfeiler – rund 700 Meter unter der Erde, im Kali-Revier an der Werra. Und die Farben stehen für Giftmüll.

Gerold Jahn ist der Herr dieses Plans. „Meine ganze Familie hat schon im Bergbau gearbeitet“, erzählt der 52-Jährige. Doch lange schon holt der gelernte Bergmann und studierte Bergbauingenieur nichts mehr aus der Erde. Im Gegenteil: Er bringt es hinein. Seit fast 40 Jahren werden stillgelegte Teile des Salzbergwerks rund um Heringen mit hochtoxischen Abfällen aufgefüllt. Und Jahn ist der Chef.

Jetzt steht er vor der bunten Skizze der Untertagedeponie und erklärt. Das Orange etwa, das Gang um Gang bedeckt, bedeutet: Arsen. Allein davon lagert mittlerweile so viel in den Tiefen unter der grünen nordhessischen Hügellandschaft, dass sich die gesamte Menschheit damit ausrotten ließe. Fünf solcher unterirdischer Aufnahmelager für die gefährlichen Rückstände des Fortschritts gibt es in Deutschland. Doch nirgends auf der Welt liegt mehr Giftmüll begraben als hier, in der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode.

„Wir haben Kunden von Island bis Griechenland“, sagt UTD-Leiter Jahn nicht ohne Stolz und steigt in den Förderkorb, mit dem im Laufe der Jahre schon 2,75 Millionen Tonnen Abfälle den Bergwerksschacht hinabgereist sind: Filterstäube aus Verbrennungsanlagen, cyanid- und quecksilberhaltige Chemiealtlasten, mit Dioxin oder PCB belastete Böden. Zum Beispiel.

Klappernd rast der Aufzug in die Tiefe. Nach einer Minute zugiger Fahrt entlässt er Jahn und seine Begleiter mitten im Salz. Es ist eine andere Welt. Grau, schummrig und scheinbar unendlich weit entfernt von dem heißen Sommertag 700 Meter weiter oben. Auf den breiten Straßen mit ihren niedrigen Decken, die der Kali-Abbau hinterlassen hat, flitzen Lastwagen hin und her und bringen Fässer und Kunststoffsäcke an ihren Lagerort.

Immer wieder passieren die Tieflader auf ihrer Berg- und Talfahrt durch den Salzflöz akkurate Ziegelmauern: Hinter jeder von ihnen verbirgt sich tonnenweise Giftmüll, eingemauert bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Und jedes Jahr kommen bis zu 40.000 Tonnen hinzu. Zwei Deponiefelder sind bereits fast voll, ein drittes wurde kürzlich eröffnet. Und auch das wird nicht das letzte sein – der Stauraum unter Tage reicht noch für Jahrzehnte.

Es riecht nach Chemie

In der Luft liegt ein leichter chemischer Geruch. Kein Wunder, meint Volker Lukas und schnuppert. „Es sind eben Abfälle.“ Der 49-Jährige, wie sein Kollege Jahn unterwegs in der weißen Kluft des Kali-Bergmanns, ist beim Kasseler Bergbauunternehmen K+S für die Entsorgungssparte und damit auch für Herfa-Neurode zuständig. Nachweisbar, erklärt er, sei aber nicht, was da die Nase kitzelt. „Wir messen nichts.“

Und gemessen, geprüft, analysiert wird nicht eben wenig. Von jeder Lieferung werden Proben genommen und untersucht. Denn die Regeln für die Annahme sind streng: Weder radioaktiv noch explosiv, nicht biologisch abbaubar, infektiös oder flüssig, ja nicht einmal „geruchsbelästigend“ darf sein, was hier unter die Erde kommt.

Und außerdem soll niemand schummeln können. „Wer Giftmüll verschieben will, fragt bei uns gar nicht erst an“, ist sich Deponiechef Jahn sicher. Vormals verschobene Abfälle allerdings haben in Nordhessen sehr wohl ihre letzte Ruhestätte gefunden: Pestizide beispielsweise, die illegal von Deutschland nach Rumänien gebracht worden waren und nur dank einer hartnäckigen Greenpeace-Kampagne von der Bundesrepublik zurückgeholt wurden.

Am 16. Juni 1993 kamen sie unter Polizeischutz in Herfa-Neurode an. Das Datum ist auf einer kleinen Glasflasche mit einer Probe des grell rosafarbenen Pulvers exakt vermerkt. „Probenfläschchen lügen nie“, sagt Jahn.

Von jedem Gift, das die Deponie geschluckt hat, gibt es solche Proben. In eigenen Räumen unter Tage füllen sie Regal um Regal: 70000 Fläschchen für jedes volle Deponiefeld. Ein Archiv zum Gruseln, das von vielen Sünden erzählt. Von der Umweltzerstörung in der DDR, im Chemiekombinat Bitterfeld. Oder vom Skandal um das dioxinverseuchte „Kieselrot“, das jahrzehntelang als Belag von Sportplätzen diente.

Der sicherste Ort für Giftmüll

Ist Herfa-Neurode der giftigste Ort der Welt? Davon will der K+S-Entsorgungsexperte Lukas lieber nicht sprechen. Er bevorzugt einen anderen Superlativ: „Es ist der sicherste Ort, um giftige Abfälle für Ewigkeiten unterzubringen“, sagt der promovierte Geologe. „Langzeitsicher und nachsorgefrei.“

Über der 300 Meter dicken, gasdichten Salzschicht liegen hundert Meter wasserdichter Ton. Zusammen mit künstlichen Barrieren soll das garantieren, dass der eingelagerte Müll für alle Zeiten unter sich bleibt. Streng isoliert von der oberirdischen Welt und gefeit vor jeglichen Wassereinbrüchen.

Selbst die Gefahr von Erdbeben oder Meteoriteneinschlägen sei für den sogenannten Langzeitsicherheitsnachweis geprüft worden, sagt Lukas. „Wir haben geologisch eine besonders günstige Situation.“

Viel besser etwa als in der Asse, jenem skandalumwitterten ehemaligen Salzbergwerk in Niedersachsen, in dem trotz Undichtigkeit Atommüll eingelagert wurde. „Das kann man nicht mit uns vergleichen“, sagt Lukas. „Wir sind ein aufgeräumtes Lagerhaus.“ In die Suche nach einem geeigneten Endlager für atomare Abfälle aber möchten sich die K+S-Leute trotz der geradezu ideal scheinenden geologischen Bedingungen im Heringer Kali-Revier nicht einmischen. Schmallippig verweisen sie

unisono auf das Verbot von radioaktivem Müll in ihrer Deponie. „Diese unternehmerische Entscheidung hat Bestand“, sagt Unternehmenssprecher Ulrich Göbel. „Wir wollen nicht in die politische Diskussion.“

Über Tage, im Rathaus von Heringen, hört man das gerne. Bürgermeister Hans Ries, Gewerkschafter und parteiloser Ex-Grüner, der die Ökopartei wegen ihrer Zustimmung zum Kosovo-Krieg 1999 verlassen hat, nennt sich einen Atomkraftgegner der ersten Stunde. Gegen ein Endlager in seiner Region, sagt er, würde er alles tun. „Da bleibe ich noch hundert Jahre Bürgermeister, um das zu verhindern.“ Auch die Umweltbelastungen durch die Kali-Industrie, dem seit Generationen wichtigsten Arbeitgeber in der Kleinstadt, machen Ries Sorgen – obwohl sich, wie er meint, schon viel verbessert habe.

Das Gift unter der Erde aber beunruhigt den Rathauschef mit seiner „nach wie vor tiefgrünen Seele“ nicht. Irgendwo müssten die Überreste der Industrieproduktion ja bleiben, erklärt er. „Und da unten liegen sie einfach sicherer.“

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