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Gießen/Wetzlar Auflösung der Lahn-Stadt vor 30 Jahren

Die Städte Gießen und Wetzlar und kleinere Orte in der Umgebung werden zur Großstadt fusioniert. Doch das künstliche Gebilde hält nicht lange. Der damalige OB der Stadt Lahn, Hans Görnert, erinnert sich.

30.07.2009 11:07
In der Nacht zum 1. August 1979 läuteten im Dom zu Wetzlar die Glocken. Die Bürger der mittelhessischen Stadt hätten damals "große Volksfeste" gefeiert, sagt der damalige Bürgermeister. Foto: ddp

Gießen/Wetzlar. In der Nacht zum 1. August 1979 läuteten im Dom zu Wetzlar die Glocken. Die Bürger der mittelhessischen Stadt hätten damals "große Volksfeste" gefeiert, erinnert sich Hans Görnert. Der heute 75-Jährige war zu der Zeit Oberbürgermeister der Stadt Lahn, einem Verwaltungsgebilde, das am 31. Juli 1979 nach nur 31 Monaten wieder aufgelöst wurde.

Die neue Großstadt sollte ein Gegengewicht zu den Zentren im Rhein-Main-Gebiet (Frankfurt) und Nordhessen (Kassel) bilden. Darin eingemeindet waren die Städte Gießen und Wetzlar und kleinere Orte in der Umgebung. Vor allem in Wetzlar feierten die Bürger das Ende der ungeliebten Kunststadt.

Görnert sagt: "Die Lahn-Stadt war eine Kopfgeburt. Sie wurde am Reißbrett entworfen von Politikern, die den Kontakt zur Bevölkerung verloren hatten." Die Bemerkung ist eine Spitze gegen die damals in Mittelhessen seit Jahrzehnten unangefochten regierende SPD.

Hans Görnert saß von 1977 bis 1986 für die CDU auf dem OB-Sessel der Lahn-Stadt und nach deren Auflösung von Gießen. Er lehnte die zum 1. Januar 1977 auf Initiative des damaligen Ministerpräsidenten Albert Osswald (SPD) und gegen den Willen der CDU neu aufgestellte Großgemeinde ab. "In Wetzlar liefen die Leute Sturm dagegen. Ich empfand das Vorgehen der Landesregierung als undemokratisch", sagt Görnert.

"Überraschender Erdrutschsieg"

Ganz demokratisch verschafften die Bürger bei der Kommunalwahl 1977 in der Lahn-Stadt der CDU einen laut Görnert "überraschenden Erdrutschsieg". In der Folge wurde er, bislang Landgerichtsdirektor in Gießen, zunächst Erster Bürgermeister und bald, nach dem plötzlichen Tod des OB-Kandidaten Wilhelm Runtsch, Oberbürgermeister.

Görnert bezeichnet es als "etwas schizophren", dass er einer Stadt vorstand, die er ablehnte. Entsprechend habe seine Regierung "sich bemüht, die Vereinheitlichung aufzuschieben".Über jenen CDU-Mann Wilhelm Runtsch, den die breite Ablehnung der Lahn-Stadt in der Bevölkerung zum Wahlsieg im SPD-Stammgebiet trug, berichtet die Wetzlarer Stadtarchivarin Irene Jung, von ihm sei zuerst die Idee einer Großstadt in Mittelhessen mit rund 156 000 Einwohnern als Gegengewicht zu Frankfurt und Kassel geäußert worden.

Das war 1968. Runtsch habe jedoch "schneller gemerkt als andere, dass die Idee bei den Bürgern nicht gut ankam", sagt Jung.Zum 30. Jahrestag der Auflösung der Stadt Lahn erinnert die Stadtarchivarin an die Protestaktionen der Bürger. Sie ließen Aufkleber drucken mit der Aufschrift "Wenn ich Lahn seh, krieg ich Zahnweh". Einmal trugen sie die Stadt Wetzlar in einem Sarg symbolisch zu Grabe, worüber sogar das Magazin "Stern" berichtete.Die Spalten der "Wetzlarer Neuen Zeitung" waren voll mit kritischen Artikeln: Ein Redakteur war aktiv in der Bürgerinitiative gegen die Lahn-Stadt.

Gießen und Wetzlar verloren uralte Städte-Namen

Hans Görnert berichtet, die Wetzlarer hätten "mit Recht Angst gehabt, dass ihre Stadt ein Industrievorort von Gießen wird". Noch schwerer wiegt für ihn das "Identitätsproblem": "Gießen und Wetzlar verloren als uralte Städte ihren Namen. Doch damit identifizieren sich die Leute."

Das neue Verwaltungskonstrukt sollte zunächst Gießen-Wetzlar heißen. Man entschied sich dann nach dem Fluss, der beide Städte verbindet, für den Namen Lahn. Das war für die Post in ihren Stempeln leichter zu verarbeiten und erlaubte den kleineren Orten, ihren Namen anzuhängen, etwa Lahn-Heuchelheim.

Der damalige Bürgermeister von Wetzlar, Otto Malfeld (SPD), hält solche Argumente für "emotional". Der heute 88-Jährige warb für die Lahn-Stadt, indem er auf "sachliche Vorteile" hinwies: Die Stadt war an ihre Grenzen gekommen. Man habe nicht gewusst, ob man noch in Wetzlar oder schon in Steinbach sei.

Von den Einkommensteuereinnahmen der angrenzenden Gemeinden habe Wetzlar nichts gehabt, wohl aber für kulturelle Einrichtungen bezahlen müssen, sagt Malfeld. Schließlich hätten sich die Industriestadt Wetzlar und die Universitätsstadt Gießen "gut ergänzt" und mit einer Zusammenlegung eine schlankere Verwaltung bekommen. Die Mehrheit aber blieb emotional in der Lahn-Stadt-Frage.

Die Kunststadt fand ihr Ende am 31. Juli 1979, dem Tag, als im Wetzlarer Dom die Glocken läuteten. Später knallten im Rathaus vielleicht Sektkorken: Einige der Nachbarorte wurden durch die erneute Gebietsreform nach Wetzlar eingemeindet, die Stadt hatte fortan mehr als 50.000 Einwohner, durfte einen Oberbürgermeister stellen und mehr Zuschüsse vom Land kassieren. Die Episode der Lahn-Stadt hat sich für Wetzlar doch rentiert. (ddp)

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