Lade Inhalte...

Gesundheit Schwarze Schafe in der Pflege

Ermittler haben es schwer, Betrügern im Gesundheitswesen auf die Spur zu kommen. Auch Apotheker und Ärzte sind darunter.

Abrechnungsbetrug in 64 Fällen mit einem Gesamtschaden in Höhe von 64.900 Euro legt die AOK Hessen einem ambulanten Pflegedienst zur Last. Er soll der Pflegeversicherung Leistungen in Rechnung gestellt haben, die er nie erbracht hatte; etwa Körperwäsche, Hausbesuche, Hilfen bei Toilettengängen oder der Nahrungsaufnahme. Aufgeflogen waren die Machenschaften durch eine Beschwerde. Bei der Kontrolle stieß der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) auf abgerechnete Leistungen, die mit der niedrigen Pflegestufe der Patientin nicht zusammenpassten.

Der Fall stammt aus dem Jahr 2014. Erst jetzt hat er Eingang in den aktuellen Zwei-Jahres-Bericht der AOK Hessen gefunden. Das zeigt, wie schwierig es ist, Mauscheleien oder systematische Kriminalität aufzudecken. Bei der ambulanten Pflege sei das besonders schwer, sagt Alexander Badle, Oberstaatsanwalt und Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung von Vermögensstraftaten und Korruption im Gesundheitswesen in Frankfurt. Die händische Dokumentation mache es nahezu unmöglich, schwarzen Schafen auf die Schliche zu kommen. Gegen eine elektronische Dokumentation wehrte sich die Pflegedienst-Lobby seit Jahren mit Erfolg. Badle hat die Konsequenz gezogen und die Verantwortung für die Pflegedienste zurück an die Staatsanwaltschaften vor Ort abgegeben. Auch weil er und seine Kollegin, demnächst unterstützt von einer zusätzlichen Person, genug zu tun haben mit anderen Fällen aus ganz Hessen, die hauptsächlich die AOK liefert. Der Gesetzgeber hat zwar alle Krankenkassen dazu verpflichtet, Spezialabteilungen einzurichten. Doch das neunköpfige Ermittlerteam der AOK sei hessenweit spitze, sagt Badle.

840 Hinweise zu möglichem Fehlverhalten hat die AOK Hessen in den Jahren 2016 und 2017 bearbeitet. Das sind 25 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum. Die Schwerpunkte lagen bei Luftleistungen, Rezeptfälschungen und Doppelabrechnungen. Knapp 3,3 Millionen Euro konnten gesichert eingefordert werden. Nicht alle Hinweise stellten sich als begründet heraus. Bearbeitet wurden in den beiden Jahren 448 Fälle, davon 296 Neufälle. „In 117 Fällen mussten wir die Staatsanwaltschaft unterrichten“, sagt Heike Degenhardt-Reinmold, Leiterin der Stabsstelle. Die Hinweise bekommen die Experten hauptsächlich von Kollegen oder Patienten, die sich auch anonym online an das Team in Eschborn wenden können.

Das kam unter anderem dem illegalen Handel mit Norditropin Flex Pro auf die Schliche – einem Wachstumshormon-Präparat für Kinder, das wegen seiner muskelbildenden Eigenschaften bei Sportlern beliebt ist. Knapp 5000 Euro kostet eine Packung. Die Täter bedienten sich Blankovordrucken aus Arztpraxen, die sie 2016 in hessischen Apotheken einlösten, 2017 dann auch in angrenzenden Bundesländern. Sie nutzten die Not- oder Nachtdienste, wenn der Apotheker keine Rücksprache mit dem verordnenden Arzt halten kann. Gesamtschaden: 280.000 Euro.

Oft sind aber auch die Apotheken selbst am Betrug beteiligt, sagt Badle. Mit „Luftrezepten“ versuchten sie, sich zu bereichern. „Wir haben gerade ein Verfahren in der Endbearbeitung mit zwei Millionen Euro Schaden.“ Der Beschuldigte sei ein Apotheker aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Ein weiteres Schwerpunktthema seien niedergelassene Ärzte, die zur Entlastung einen Kollegen anstellen, ihn aber nicht bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) anmelden. Den Patienten entsteht so kein Schaden, wohl aber den Kassen. Wird der Praxisinhaber erwischt, muss er das Geld für die bei der KV abgerechneten Leistungen seines Angestellten zurückzahlen. „Wenn das zehn Jahre geht, kann das ruinös sein“, warnt der Staatsanwalt.

Auch die Regeln des vor zwei Jahren in Kraft getretenen Antikorruptionsgesetzes seien in der Ärzteschaft offenkundig noch nicht überall bekannt oder würden ignoriert. Der Klassiker sei der Orthopäde, der mit dem Sanitätshausbetreiber kooperiert. Und das sogar auf seiner Homepage anpreist: „Das ist ein Fall von Verstoß gegen Bestechlichkeit.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen