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Gesundheit in Hessen Ärzte halten wenig von Terminservicestellen

Die neuen Terminservicestellen, die für kürzere Wartezeiten auf Facharzttermine sorgen sollen, starten auch in Hessen. Kassenärzte halten es allerdings für fragwürdig, ob das neue System eine deutliche Verbesserung für die Patienten bringt.

Auch das Verhalten mancher Patienten trägt nach Beobachtung der Kassenärztlichen Vereinigung zu Engpässen in den Praxen bei. Knapp zehn Prozent würden ihre Termine sehr kurzfristig absagen oder überhaupt nicht erscheinen. Foto: dpa

Hessens Kassenärzte halten das Ganze für „Unsinn“. Und auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz ist skeptisch, dass mit den Terminservicestellen eine deutliche Verbesserung eintritt: Der Auftrag des Gesetzgebers, sagt Vorstand Eugen Brysch, werde in jedem Bundesland unterschiedlich umgesetzt. „Von Schmalspurangeboten mit ganz kurzen Öffnungszeiten wochentags bis zu vernünftigen Angeboten.“ Und die Probleme der Menschen in Pflegeheimen blieben nach wie vor ungelöst. „Da sehe ich keine Entwicklung, dass sie eine bessere Facharztversorgung bekommen.“

Rund 20.000 Termine hat die Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen bei ihren Mitgliedern in den vergangenen Wochen eingesammelt. Ein ausreichendes Polster für den Start am Montag, meint Sprecher Karl Roth. „Das sieht gut aus.“ Die Selbstverwaltung der hessischen Kassenärzte setzt auf das Prinzip Freiwilligkeit: Schon im Oktober hat sie erstmals ihre Mitglieder schriftlich gebeten, vom 25. Januar an mindestens zwei freie Termine pro Woche und Arzt für jene Patienten freizuhalten, die die Servicestelle vermittelt. Von Zwang hält die KV nichts. Und wie es aussieht, ist der auch nicht nötig. Die Ärzte haben ein finanzielles Interesse daran, dass das System funktioniert. Denn nach vier Wochen Wartezeit hat der Patient das Recht, sich in einer Klinik behandeln zu lassen. Bezahlt würde dies aus dem budgetierten Topf der jeweiligen Facharztgruppe, das heißt, der Kuchen würde für sie kleiner.

Ein Affront für die Niedergelassenen: „Die Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung schreitet voran“, schimpft KV-Vorstandsvorsitzender Frank Dastych. Er hält überhaupt nichts von den Terminservicestellen. Er hat nach eigenen Angaben in vielen Gesprächen mit Politikern vergeblich versucht, die „zusätzliche Bürokratie“ zu verhindern. Zwischen einer halben Million und 1,4 Millionen Euro, so die Schätzungen, werde die Hessen die Lösung eines angeblichen Problems kosten, das flächendeckend überhaupt nicht existiere. Schon seit Jahren sei es üblich, dass ein Arzt einen Kollegen anrufe, um – wenn erforderlich – seinem Patienten zeitnah einen Termin zu organisieren. Gleichwohl geht die KV von bis zu rund 25 000 Terminen aus, die sie jetzt pro Monat vermitteln muss.

Der Protest bleibt verbal. Sich dem Gesetzgeber einfach zu verweigern – so weit geht die Empörung nun doch nicht. Die KV hat brav alles organisiert, damit die neue Servicestelle zum 25. Januar in Betrieb gehen kann: Zehn neue Mitarbeiter sind eingestellt, weitere zehn können einspringen, sollten die Drähte der Telefone im KV-Domizil im Westen Frankfurts heißlaufen. Erreichbar ist die hessische Servicestelle zunächst lediglich telefonisch. Patienten können auch nur werktags zu festen Öffnungszeiten anrufen. Zur Jahresmitte soll die Terminvermittlung dann auch online funktionieren.

Nicht allein aus Zweifel an der Notwendigkeit lehnt die KV Hessen die Neuerung ab. Der Vorstand befürchtet, dass Patienten in den Praxen Druck ausüben, um an die begehrte Überweisung zu gelangen. Und: Wer den Weg über die Servicestelle wähle, gebe sein Recht auf freie Arztwahl auf, müsse sich auf längere Wege einstellen, sagt Dastych und stellt klar: Ein vermittelter Termin dürfe nur ein Mal abgelehnt werden, und zwar zeitnah. „Das ist kein Wunschkonzert.“

Nach Beobachtung der KV trägt auch das Verhalten mancher Patienten an gelegentlichen Engpässen in den Praxen bei. Knapp zehn Prozent sagten ihre Termine sehr kurzfristig ab oder erschienen überhaupt nicht: „Für manche Praxen ist das ein großes Problem.“ Patientenschützer Brysch wehrt sich gegen solche Vorwürfe, die jüngst auch der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung geäußert hat: „Den Schwarzen Peter an die Patienten abzugeben, ist eine Unverschämtheit.“

Die Techniker Krankenkasse (TK) betreibt seit 2014 einen bundesweiten Terminservice für ihre 9,5 Millionen Versicherte. Nach Auskunft einer Sprecherin kamen von den 55 100 Anfragen im vergangenen Jahr 7000 aus Hessen. Bundesweit hätten knapp drei Viertel vorab selbst erfolglos versucht, einen Termin bei einem Arzt zu ergattern, 63 Prozent mit akuten Beschwerden.

Betrachtet man die Zahlen der Krankenkasse, dürfte den Kassenärztlichen Vereinigungen die vom Gesetzgeber angesetzte Vierwochenfrist keinerlei Problem bereiten: Bei Dermatologen lag demnach die durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin bei 18 Tagen, beim Radiologen waren es 20 Tage, beim Neurologen 22 Tage, beim Orthopäden 12 und beim Augenarzt 19 Tage.

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