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Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrates "Lager verhindern Integration"

Der Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrates, Timmo Scherenberg, kritisiert im Interview mit der Frankfurter Rundschau die Massenunterkünfte für Flüchtlinge in Hessen und erklärt, warum er in ihnen ein Hemmnis für Integration sieht.

06.03.2011 16:13
Timmo Scherenberg.

Herr Scherenberg, Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lehnt die Aufnahme von Flüchtlingen aus Nordafrika ab. Gibt es keinen Platz für sie?

Wir hatten vor etwa drei Jahren mit rund 1500 neu angekommenen Flüchtlingen in Hessen den historischen Tiefstand nachdem die Zahlen innerhalb von zehn Jahren um 80 Prozent zurückgegangen waren. Jetzt steigen die Zahlen wieder etwas. Das Problem ist, dass in den letzten Jahren viele Kapazitäten abgebaut wurden. Man war vorschnell.

Wie sind die Unterbringungen?

Einige bringen die Flüchtlinge zunächst in Wohnheimen unter und ermöglichen ihnen danach in Wohnungen umzuziehen. Andere Landkreise setzen sehr stark auf Lager, zum Teil sehr heruntergekommene. Es gibt keine genauen Vorgaben. Der Flüchtlingsrat fordert mit den Wohlfahrtsverbänden seit langem Mindeststandards für die Unterbringung.

Benennen Sie üble Lager.

Das schlechteste steht in Oberursel, mit etwa 150 bis 200 Flüchtlingen gleichzeitig Hessens größtes. Mehrere Flüchtlinge müssen sich einen Container teilen. Im reichsten Landkreis Hessens ist die Lagerquote sehr hoch ist, dort stehen die schlechtesten Lager, obwohl der Hochtaunuskreis Modell-Kreis für Integration ist.

Was fordern Sie?

Nach spätestens einem Jahr sollten die Leute in eigene Wohnungen umziehen können. Das Recht auf Wohnung ist ein elementares Menschenrecht.

Wie beeinflusst die Unterbringung die Integration?

Es ist völlig unverständlich, wie eine Gesellschaft auf die Idee kommen kann, Kinder, Frauen, Männer über Jahre, zum Teil Jahrzehnte, in Lagern leben zu lassen, wo sie systematisch desintegriert werden. Und dann wird von mangelnder Integration gesprochen.

Der Soziologe Walter Siebel sagt, Einwanderer aus dem selben Herkunftsland bilden häufig informelle Netzwerke, die zur Integration beitragen. Ist das kein Widerspruch?

Nein. Aber wenn Menschen, die weder verwandt noch befreundet sind, in einen engen Container zusammengesteckt werden, unter sehr fragwürdigen hygienischen Zuständen und ohne jegliche Gemeinschaftsräume, dann ist das sowohl menschenrechtlich, als auch integrationspolitisch äußerst fragwürdig.

Der Flüchtlingsrat unterstützt die Solidaritäts-Tournee von Heinz Ratz. Warum?

Ratz will Brücken bauen, im Besonderen zu den Ausgegrenzten in der Gesellschaft. Er möchte auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam machen, die er auch in ihren Unterkünften besucht.

Interview: Clemens Dörrenberg

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