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Gesamtschulen in Hessen „Kinder waren schon immer sehr verschieden“

Gesamtschulverbands-Chef Gerd-Ulrich Franz spricht im FR-Interview über zunehmende Klagen von Lehrkräften und die eine Schule für alle.

Namensschilder
Ziemlich bunt sind die Namensschilder in dieser Frankfurter Schule. Manchem Lehrer wird es ob der Vielfalt sogar zu bunt. Foto: Andreas Arnold

Ist die integrierte Gesamtschule die Lösung für die Schwierigkeiten, die eine immer vielfältiger werdende Gesellschaft mit der Bildung und dem sozialen Zusammenhalt hat? Der Gesamtschulverband lädt für diese Woche zur Tagung und Diskussion nach Frankfurt ein. Wir haben mit dem Bundesvorsitzenden gesprochen und ihn gefragt, wie berechtigt die Klagen vieler Lehrkräfte über eine zu hohe Arbeitsbelastung tatsächlich sind.

Herr Franz, haben Sie Verständnis für die Klagen von Lehrkräften über eine immer größer werdende Heterogenität im Klassenzimmer?
Ja, wenn diese sich auf die ungenügend ausgestattete, nicht allen Schulen gleichermaßen verordnete Inklusion bezieht. Neben den Ressourcen mangelt es vor allem an Anerkennung der Inklusion als zentrale gesellschaftliche Aufgabe.

Und sonst?
Nein, wenn eine fehlende Homogenität der Lerngruppen beklagt wird. Kinder waren schon immer sehr verschieden, wurden und werden dennoch in Schulformen und Lerngruppen eingeordnet und einheitlichen Anforderungen unterworfen. Vielleicht war dies früher etwas einfacher zu handhaben als heute.

Warum ist das schwieriger geworden?
Zum einen sind für die Kinder die Lebensverhältnisse vielfältiger und auch schwieriger geworden, Konsumverhalten und Eigennutz schwappen in die Schule. Noten und das Ziel, unbedingt Abitur zu machen, behindern das Lernen.

Die Verschiedenheit scheint ja tatsächlicher größer geworden zu sein. Es gibt viele Kinder, die ohne ausreichende Deutschkenntnisse in die Schulen kommen, Kinder mit Behinderungen sollen im Regelunterricht integriert werden. Da muss es doch nicht verwundern, dass sich Lehrkräfte überfordert fühlen.
Nein, es verwundert uns gar nicht. Der Übergang vom gemeinsamen Unterricht, wie er in Frankfurt üblich war, zur inklusiven Beschulung führte zu geringerer Unterstützung. Das hat bei den Lehrkräften den Eindruck erweckt, dass sie dies nun unter schlechteren Bedingungen leisten sollen. Das gilt auch für die Lehrkräfte an Gesamtschulen, deren inklusive Arbeit schon lange für die Reparatur von Mängeln des gegliederten Schulsystems ausgenutzt wird. Die Lehrkräfte sagen zu Recht, so geht es nicht weiter.

Sie stehen für eine Schulform, die für alle Schüler da sein soll, die integrierte Gesamtschule. Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit das gelingen kann?
Der ursprüngliche Auftrag an die Gesamtschulen, als Ersatz für das ganze Schulsystem zu dienen, muss endlich gesellschaftlich anerkannt werden. Die Inklusion sollte man als Chance für eine erneuerte Sicht auf die Gesellschaft nutzen. Die integrierten Gesamtschulen sind seit bald 50 Jahren die einzigen inklusiv arbeitenden Schulen in der Sekundarstufe. Diese Schulen brauchen die Lehrkräfte für Teams mit verschiedenen Professionen, um die Vielfalt aller Kinder wahrnehmen und deren verschiedene Fähigkeiten befördern zu können. Zeitweilige Doppelbesetzungen, deutlich geringere Klassengrößen, rhythmisierte Lernzeiten in ganztägigem Betrieb gehören dazu ebenso wie die Schulsozialarbeit.

Fehlen in vielen Schulen diese Voraussetzungen? Elf der 15 Frankfurter integrierten Gesamtschulen haben ja gerade erst Überlastungsanzeigen beim Kultusministerium gestellt.
Offensichtlich fehlen Ressourcen. Die Kollegien fühlen sich alleingelassen und die Schulen stellen zu Recht Überlastungsanzeigen, wenn ihre Arbeit nicht hinreichend unterstützt wird.

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