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Gerhard Trabert im Porträt Wer arm ist, stirbt eher

...an diesem Zustand will der Arzt Gerhard Trabert etwas ändern und hilft deswegen in der reichen Bundesrepublik benachteiligten Menschen. Von Michael Grabenströer

14.12.2009 00:12
Michael Grabenströer

Gerhard Trabert ist gerade in der Eifel auf der Fahrt zu einer Tagung nach Luxemburg. Armut das Thema - Armut und Gesundheit genauer. "Ja", sagt Trabert, 53 Jahre, "ich bin so etwas wie ein Reisender in Sachen Armut." Manchmal auch ein Prediger, ein Warner.

Trabert hat in seinem sozial bewegten Leben viele Formen der Armut und der medizinischen Versorgungslücken kennengelernt. Vom Lepra-Hospital in Indien bis zum medizinischen Zentrum für Wohnsitzlose in New York. Trabert war in den Slums von Bangladesch, in den Kriegsländern Afghanistan, Angola, Liberia oder Sri Lanka als Arzt.

"Irgendwann", sagt der jugendlich wirkende Dynamiker, " hatte ich die Entscheidung zu treffen: Dauerhaftes Engagement in einem Entwicklungsland oder Hilfe hier vor Ort in Deutschland, wo Armut und die Folgen gern übersehen werden." Trabert entschied sich für Deutschland. In Mainz engagiert er sich seit anderthalb Jahrzehnten für niedrigschwellige medizinische Versorgungseinrichtungen für wohnungslose Menschen.

Markenzeichen: Obdachlosenbus

Wenn es so etwas wie sein Markenzeichen gibt, dann ist es der Obdachlosenbus. Denn Trabert wartet nicht erst, bis die Menschen, die auf der Straße leben, einen Arzt aufsuchen. Trabert und sein Bus steuern regelmäßig die Orte an, an denen sich Wohnsitzlose treffen. Hier bietet er medizinische Versorgung. Dabei kommt zuerst der Mensch. Die Wunde, das offene Bein, die triefende Nase, der Bluthochdruck, die Impfkontrolle "Ja, ich impfe auch gegen die Schweinegrippe, um das Leben der Leute, die auf der Straße leben, einen Hauch sicherer zu machen".

Und dann ficht er den Kampf mit den Kassen aus. Häufig sind Versichertenkarte oder Kassennummer Fehlanzeige. Beitragszahlungen ebenso. Trabert ist Sozialmediziner - jemand der sich in Medizin und Sozialhilfe spezialisiert hat. Er ist kein Theoretiker des Rezeptblocks , sondern ein Praktiker der Hilfe. Wenn nichts hilft, gründet er wieder einen Verein. "Armut und Gesundheit" heißt einer, der die Zusammenhänge zwischen Sterblichkeit und geringfügigem Einkommen beleuchtet. Das neustes Projekt ist ein "Street Jumper". Nachdem eine Siedlung für Wohnsitzlose in Mainz aufgelöst wurde, fährt das Mobil den Familien und Kindern, die einst dort wohnten, hinterher. Als aufsuchende Sozialarbeit könnte man es auch bezeichnen - mit Küche, Sitzecke, Bücherecke und Sportmaterialien, um die Kinder in Bewegung zu bringen.

Ganz nebenbei hat Trabert auch ein Kochbuch herausgegeben. Sternköche stellten Rezepte zusammen - fünf Euro das Mahl, teurer durfte es nicht sein. Und da sind auch die Lafers, die Fernsehgeschmacksverstärker, dabei. Der Erlös geht an den Verein Armut und Gesundheit. Dennoch ist Trabert weit von einer regelmäßigen Förderung entfernt.

Konferenz in Luxemburg, Tagung in Berlin, Vortrag an einer Uni, Lehre an der Rhein-Main-Hochschule in Wiesbaden. Seit Anfang des Jahres hat er dort einen Lehrstuhl für Sozialmedizin im Fachbereich Sozialwesen inne. Ein Professor, ein Mediziner, Facharzt für Notfallmedizin, ein Sozialarbeiter - ein Mann mit einem natürlichen Helfer-Syndrom. Und mit einem Gespür dafür, wie wichtig es ist, in der Öffentlichkeit präsent zu sein - bei Kongressen und Auftritten, in der Presse.

Vor kurzem erhielt er den Kinderschutzpreis des Deutschen Kinderschutzbundes in Rheinland-Pfalz. Den Preis bekam er, weil er mit seinen Studenten den Verein "Flüsterpost" gegründet hatte. Darin lernen Kinder den Umgang mit den Krebserkrankungen ihrer Eltern.

Wer arm ist, stirbt eher - auch in der reichen Bundesrepublik. Trabert, der Professor mit einer Mission, will etwas daran ändern.

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