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Gemeindefusion im Odenwald Aus vier mach eins

Die erste Gemeindefusion seit 40 Jahren lässt im Odenwald die Stadt Oberzent entstehen.

Kommunen im Odenwald
Die alten Ortsschilder von Beerfelden, Rothenberg, Sensbachtal und Hesseneck werden im neuen Jahr für „Oberzent“ weichen. A. HeinL/dpa (4) Foto: Alexander Heinl (dpa)

Der erste Schnee des Jahres liegt wie Puderzucker auf den Wiesen. Zum Skifahren auf 430 Metern Höhe reicht das zwar noch nicht. Doch rund um Beerfelden im Odenwald könnte jetzt die Winterruhe einkehren – dabei tut sich hier wirklich Großes.

Am 1. Januar entsteht auf den Odenwaldhöhen die nach Frankfurt und Wiesbaden drittgrößte Stadt Hessens – wenn auch nur der Fläche nach. Aus Beerfelden, Sensbachtal, Rothenberg und Hesseneck wird Oberzent. Mit ihren gut 10 000 Einwohnern wird auch die neue Kommune eher zu den kleinen im Lande gehören. Es ist dies die erste Gemeindefusion in Hessen seit der großen Gebietsreform in den 1970er Jahren.

Am Dienstagabend haben sie in der Alten Turnhalle von Beerfelden schon einmal gefeiert. Das Motto lautete „Willkommen Oberzent“. Innenminister Peter Beuth (CDU) war zu Gast, lobte die „Pionierarbeit“ und brachte die Gaben des Landes mit: für die vier beteiligten Bürgermeister den Verdienstorden am Bande. Und den Bescheid über einen Schuldenerlass in Höhe von 4,5 Millionen Euro. Damit die neue Kommune „unbelastet“ in die Zukunft gehen könne, sagte er.

Den Anschub kann Oberzent gebrauchen. Die Bevölkerungszahl nimmt ab, um 1100 in den vergangenen 25 Jahren. 2008 wurden hier noch 93 Jungen und Mädchen eingeschult, für 2021 rechnet man mit nur noch 53 neuen Erstklässlern. Zudem sind die Gemeinden notorisch klamm. Immerhin, die Schulden ist man erst mal los. Vielleicht gelingt es, so die Hoffnung, die Infrastruktur auf einem akzeptablen Niveau zu halten. Dabei geht es neben ordentlichen Straßen und dem Bürgerservice in der Verwaltung auch um den Erhalt der Schwimmbäder. Durch den Zusammenschluss können Verwaltungsaufgaben gemeinsam erledigt werden, es gibt rund 340 000 Euro mehr an Landeszuschüssen, die Ersparnis aus drei wegfallenden Bürgermeisterstellen summiert sich auf mehr als 300 000 Euro. Insgesamt würden jährlich rund 900 000 Euro gespart, hat Projektleiter Christian Kehrer ausgerechnet.

Steuern und Gebühren sollen niedrig bleiben

Die Steuern und Gebühren sollen niedrig bleiben, das Bauland günstig, die Kita-Plätze ausreichend. So will die neue Kommune gerade auch junge Familien nach Oberzent holen oder hier halten. „Wenn das Leben hier nicht so teuer ist, können sie sich auch den Zweitwagen leisten, damit beide Eltern zur Arbeit pendeln können“, sagt Egon Scheuermann (parteilos), Noch-Bürgermeister von Sensbachtal.

Noch nennen die alten Schilder an den Ortseingängen die Namen der vier Alt-Gemeinden mit ihren insgesamt 19 Ortsteilen. Die neuen Tafeln, auf denen groß Oberzent steht, lagern in der Straßenmeisterei. Gemeindearbeiter werden sie in der ersten Januarwoche aufstellen.

Warum eigentlich Oberzent? Ein Kunstname wie die 1979 am Widerstand der Bürger gescheiterte Stadt Lahn – der Zusammenschluss von Gießen und Wetzlar – ist das nicht. Die Oberzent war ein mittelalterlicher Gerichtsbezirk, insofern stützt sich die neue Kommune auf eine alte Tradition.

Doch bei geplanten Zusammenschlüssen hat auch das Scheitern Tradition. 2007 etwa bei den Odenwaldstädten Michelstadt und Erbach. Oder 2015 in Mittelhessen bei Steffenberg und Angelburg, wo die Bürger im etwas größeren Steffenberg die Angelburger wegen finanzieller Bedenken nicht an ihrer Seite haben wollten.

Warum also hat es in Oberzent geklappt? Zum einen war es sicher die Einsicht in die Notwendigkeit. Bevölkerungsschwund bei anhaltender Finanznot sind keine Zukunftsperspektive. Zum anderen haben die Befürworter eines Zusammenschlusses von Anfang an versucht, möglichst alle Bürger mitzunehmen und alle Funktionsträger etwa in den Vereinen einzubinden. „Wir haben sehr früh mit allen geredet“, sagt Projektleiter Kehrer. Am Ende haben 82,5 Prozent für den Zusammenschluss gestimmt.

20 Straßen mit 2000 Anwohnern werden umbenannt

Dafür mussten noch 20 Straßen mit 2000 Anwohnern wegen der Namensdoppelung umbenannt, die Gebühren angeglichen, neben dem Namen ein gemeinsames Wappen und Logo gefunden werden. Die Personalausweise bekommen neue Adressaufkleber, die Zulassungsbescheinigungen der Autos müssen nach und nach geändert werden. Immerhin: Die vier Rathäuser bleiben als Servicestationen erhalten.

Pünktlich mit Beginn des neuen Jahres wird Egon Scheuermann seine Rolle wechseln. Bis zum 31. Dezember 23.59 Uhr bleibt er Bürgermeister von Sensbachtal, um 0 Uhr und eine Sekunde wird er zum Staatsbeauftragten, der als kommissarischer Bürgermeister die neue Stadt Oberzent führt. Das bleibt er bis zur Wahl eines neuen Bürgermeisters am 29. April.

„Wehmut schwingt mit“, sagt Scheuermann, „man gibt etwas auf, das man sehr gut kennt.“ Die 950 Einwohner von Sensbachtal konnte er alle namentlich mit Handschlag begrüßen. Dennoch hat auch er dafür geworben, den Schritt ins Neue, noch Unbekannte zu wagen.

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