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Gelnhausen Unzugängliche Kunst

In Gelnhausen greift die Bauaufsicht durch - und sperrt die begehbaren Gedanken weg. Der Künstler ist sauer: Hätte er das geahnt, hätte er das Werk nach Amerika verkauft.

21.07.2010 21:44
Ute Vetter
Möglicherweise ist ja wenigstens der Künstler ein Befugter: Claus Bury und sein "Gewächshaus für Gedanken". Foto: FR / Sascha Rheker

Die Gedanken sind frei? Sicher. Nicht frei ist aber das „Gewächshaus für Gedanken“ des international renommierten Bildhauers Claus Bury – jedenfalls nicht in seiner Geburtsstadt Gelnhausen, dem Städtchen im Main-Kinzig-Kreis. Hier degradiert ein schnöder Verwaltungsakt der Kreisbauaufsicht die begehbare Großskulptur zum Gegenstand einer Provinzposse.

Das bizarre Schauspiel um Kunst im öffentlichen Raum verdient den Titel „Betreten verboten“. Sein trauriger Schluss: Das Kunstwerk, derzeit umzingelt von einem Bauzaun, wird demnächst „richtig“ eingezäunt und abgeschlossen, Zutritt nur möglich unter Aufsicht. Denn: Die Brüstung einer Sitzstufe in 2,50 Metern Höhe sei zu niedrig und damit gefährlich, so die Bauaufsicht. Bury ist bedient: „Hätte ich das gewusst, hätte ich das Werk nach Amerika verkauft“, macht er seinem Ärger Luft.

Claus Bury, 1946 im Gelnhäuser Stadtteil Meerholz geboren, vermachte der Stadt 1996 zum Hessentag die Großskulptur „Wir sitzen alle in einem Boot“. Wie viele seiner Arbeiten, war auch dieses 30 Meter hohe Kunstwerk aus Holz. Es verrottete – ein vom Künstler gewollter Verfall. Beeindruckt vom Rettungs-Engagement einiger kunstsinniger Gelnhäuser Bürger, entschied sich der in Frankfurt lebende und an der Universität Nürnberg als Professor für Bildhauerei lehrende Bury im Frühjahr 2010, seiner Heimatstadt die Großskulptur „Gewächshaus für Gedanken“ zu verkaufen. Seit Mitte Juni steht sie nun auf der Müllerwiese neben dem Kinzigwehr an der Burgstraße. Seit rund zwei Wochen ist sie amtlich eingezäunt und „Unbefugten“ der Zutritt untersagt.

Die hölzerne, fünf Meter hohe, zehn Meter lange und acht Meter breite Skulptur von 2005 stand bis vor Kurzem im Neuen Museum in Nürnberg. Ein Kunstsammler in den Vereinigten Staaten wollte das Werk erwerben. „Hätte ich das getan, stünde es jetzt im Storm King Art Center, dem größten privaten Skulpturenpark der USA“, bedauert Bury.

Den Pressesprecher des Main-Kinzig-Kreises ficht das nicht an. Kühl teilt er mit: Die Stadt Gelnhausen müsse das Kunstwerk mit einem „optisch ansprechenden Zaun“ und einem Schließsystem versehen, „so dass es die Stadtführer und andere instruierte Personen bei Führungen und kulturellen Veranstaltungen betreten können“. Diesen Konsens habe die Bauaufsicht mit der Stadt und dem Künstler erzielt.

Bury zeigt zu diesem „Konsens“ Galgenhumor: „Hauptsache, es wird kein Jägerzaun“. Er werde jedenfalls „einen Teufel tun und gestalterische Hilfe leisten“. Ihn ödet die Posse an. Schließlich stehen rund 70 seiner Großskulpturen allein in Deutschland, sie werden erklettert und erstiegen, ja sogar mit Fahrrädern befahren und zu Wahrzeichen von Regionen. „Vielleicht kommt die hiesige Bauaufsicht mit einem Radius von 50 Kilometern damit nicht zurecht?“, fragt er sich.

Selbst der Standort am Kinzigwehr ist inzwischen der Lächerlichkeit anheimgegeben: Die Deutsche Bahn baut in unmittelbarer Nähe eine Unterführung. Das Grundwasser wird über eine Wasseraufbereitungsanlage in die Kinzig gepumpt. Das gewaltige Rechteck, abgedeckt mit Vlies und Schotter und etwa 50 Zentimeter hoch, liegt nur wenige Meter neben dem „Gewächshaus für Gedanken“. Das soll so bleiben für zweieinhalb Jahre. Dem Künstler sagte davon niemand etwas.

Wie heißt es doch auf der Homepage des Main-Kinzig-Kreises: „Bei allem Willen zur Vereinfachung bleibt das Baurecht ein sehr umfassendes Gebiet, und nach wie vor steckt der Teufel oftmals im Detail“. Also: Der Teufel war’s – wie immer beim Kasperletheater.

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