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Gedenken an den Holocaust Der kleine Albert

823 neue Namensblöcke ermordeter Juden ergänzen den Fries der Frankfurter Gedenkstätte Neuer Börneplatz. Und die Arbeit geht weiter. Von Astrid Ludwig

26.01.2010 00:01
Astrid Ludwig
Neue Namensschilder ergänzen den Fries der Frankfurter Gedenkstätte für die deportierten und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt.. Foto: FR/Boeckheler

Unaufhaltsam rieseln an diesem Morgen die Flocken. Der Schnee stapelt sich zu winzigen, weißen Häufchen auf den kleinen Edelstahlblöcken, die in die Außenmauer des alten jüdischen Friedhofes eingearbeitet sind. Ganz so, als habe diesmal der Winter auf dem Namensfries der Gedenkstätte Neuer Börneplatz einen Gruß hinterlegt, wo sonst Besucher und Angehörige Steinchen als Zeichen ihrer Anwesenheit zurücklassen.

Dort, am Platanenhain, in der Reihung der Grabsteinschildchen, hat nun auch Albert Gustav Kadaschewitz einen Platz erhalten. Gerade einmal sieben Jahre alt ist er geworden, der Sohn von Samuel Kadaschewitz. Im September 1941 erhielt der Vater das letzte Lebenszeichen von ihm und seiner Frau. Danach verliert sich ihre Spur in einem der Vernichtungslager. Das Tragische: Vater und Tochter war 1940 die Flucht in die USA geglückt. Mutter Amelie und der kleine Albert besaßen ebenfalls Ausreisepapiere, doch mit der Emigration wollten sie warten, bis ihr Mann im Exil eine neue Existenz aufgebaut hätte.

Albert Kadaschewitz ist einer von 823 neuen Namen ermordeter Frankfurter Juden, die den Fries mit den bisher schon 11.134 biografischen Daten ergänzen. Kulturdezernent Felix Semmelroth übergab am Montag den neuen Abschnitt der Gedenkstätte und sprach von der "Unabschließbarkeit der Auseinandersetzung mit der Geschichte".

In der Gedenkstätte hat das Forscherteam "Zeitsprung" die Daten von rund 12.800 Menschen zusammengetragen, die in Frankfurt geboren oder gelebt haben. Seit der Eröffnung 1996 sind allein 1700 Namen in die Datenbank aufgenommen worden, die vorher unbekannt waren. Darunter die nun ausgewählten 823. Semmelroth und der Direktor des jüdischen Museums, Raphael Gross, lobten die "unglaubliche Rechercheleistung".

Ein Projekt, das nie abgeschlossen wird

Bei den ergänzten Namen handelt es sich vor allem um Opfer, die 1938 nach Polen abgeschoben und von dort aus deportiert wurden und um Frankfurter, die in den Benelux-Staaten oder Frankreich ein solches Schicksal ereilte. Aufgrund ähnlicher Projekte im Ausland, berichteten Jutta Zwilling und Heike Drummer von "Zeitsprung", hätten sich weitere Biografien recherchieren lassen.

Namen und Lebensdaten zu erfahren, gestaltet sich schwer, da die meisten Unterlagen der jüdischen Gemeinden, NS-Behörden oder Stadt im Krieg zerstört wurden. Die Forscher müssen sich auf Überlieferungen, andere Gedenkstätten, Initiativen, Archive oder Angehörige stützen. Immer wieder tauchen neue Namen auf, müssen Daten korrigiert werden. Ein Erinnerungsprojekt, das nie abgeschlossen ist.

Auf die Ergänzung, sagte Architekt Nikolaus Hirsch, sei die Gedenkstätte ausgelegt. Die 823 neuen Edelstahlblöcke finden sich in einem alphabetisch geordneten Anhang des Namensfries´. Die Datenbank der Forscher soll bald auch online gehen. Aus Gründen der Sorgfalt müssen die 12.000 Daten zuvor mit dem Bundesarchiv abgeglichen werden. "Das kann noch zwei Jahren dauern", sagt Museums-Direktor Gross.

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