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West Side Theatre Theater machen

Marijke und Peter H. Jährling gründen ihr eigenes Spielhaus. Auf öffentliche Gelder dürfen sie nicht hoffen – und wollen es auch gar nicht. Da applaudiert auch unsere Autorin.

01.10.2012 18:14
Katharina Sperber
Proben zum Stück „Billies Blues", das zur Eröffnung uraufgeführt wird. Foto: Michael Schick

Solchen Mut möchte man haben. Marijke Jährling, 49, und Peter H. Jährling, 56, trauen sich was. Nicht das Ja vor dem Standesamt, das haben sie sich schon vor Jahren geben. Nein, jetzt laden sie ganz Rhein-Main ein, an ihrem neuen Lebensabschnitt teilzuhaben. Das Künstlerpaar ist unter die Impresarios gegangen und hat das funkelnagelneue West Side Theatre in der Landwehrstraße in Darmstadt gegründet. Vorhang auf!

Es ist ein Haus mit allem, was zu einem richtigen Theater gehört: Einem repräsentativen Foyer in dunklem Rot und sattem Gelb gehalten, beleuchtet von mondänen Lüstern. Die Bar ist noch ein einfacher Holztisch, aber das wird sich ändern, wenn die Zuschauer den Jährlings die Bude einrennen.

Und natürlich mit einer richtigen Bühne, 56,25 Quadratmeter groß, sagt Peter H. Jährling, und einem Schwingboden, auf den der Schauspieler besonders stolz ist. Daran werden die ehemaligen Tänzer des Darmstädter Staatstheaters Simone Deriu und Tatiana Marchini besonders viel Freude haben. Die beiden schlüpfen mit ihrer Tanztruppe Riu Dense Sense als Untermieter ins West Side. Zweiter Untermieter ist die Theatertruppe des Europäischen Raumfahrtüberwachungszentrums Esoc, die nach dem Abriss ihres bisherigen Domizils ohne Heimat waren.

Alle zusammen stellen einen Spielplan, der den 65 Zuschauern (bei Konzerten können 80 Gäste in der einstigen Kantine des Maschinenbauers Schenck, Platz finden) Vergnügliches, Ernsthaftes, aber vor allem Unterhaltsames bietet. Und darum geht es den Jährlings, Darmstädtern schon lange als Kopf und Herz der Companie Schattenvögel bekannt. Sie wollen nicht nur eine inspirierende Vernetzung der einzelnen Sparten – Dramatik, Tanz, Musik, Film – sie wollen Theater in der Tradition des Broadways in New York machen. „Das ist ja auch nichts Seichtes, sondern sehr ernst zu nehmen“, sagt die Schauspielerin Marijke Jährling. Kein Wunder, dass sie und ihr Mann US-amerikanische Autoren bevorzugen und Figuren aus deren Land in ihren eigenen Arbeiten zeigen.

Wie in dem Stück „Billies Blues“, mit dessen Uraufführung die Theatermacher ihr Haus am Donnerstag eröffnen werden. Geschrieben hat es Marijke Jährling, Regie führt ihr Mann. In szenisch-musikalischen Collagen wird der Überlebenskampf der schwarzen Jazz-Sängerin Billie Holiday erzählt.Die beiden Gründer wollen die Zuschauer bei den Gefühlen packen und nennen diese Methode „poetischen Realismus“. Vom verkopften Regietheater und von trockener Metaphorik halten sie nichts. „Der Text soll direkt in den Kopf der Zuschauer gehen, die Musik direkt in die Beine und beides zusammen direkt ins Herz“, erläutert Peter H. Jährling.

Aber wie um Himmels Willen wollen die Jährlings ihr Abenteuer finanzieren? In Zeiten wie diesen, in denen die Kommunen ihre Kultur-Etas zusammenstreichen und die große Zahl der freien Theater um das weniger werdende Geld hart konkurrieren. Manchmal kämpfen sie, wie das Beispiel Frankfurt zeigt, mit harten Bandagen und schrecken auch vor Unterstellungen und gegenseitigen Verwünschungen nicht zurück.

Rund 166000 Euro pro Jahr werde das West Side brauchen, haben die Jährlings errechnet. Auf öffentliche Gelder können sie nicht hoffen – und wollen es auch gar nicht. Weil ihnen Unabhängigkeit so wichtig ist. „Wir müssen wirtschaftlich arbeiten“, sagt die Chefin. Damit stellen sich die Jährlings gegen den Trend.

Jan Deck vom Hessischen Landesverband professionelle, freie, darstellende Künste sagt, in der freien Theaterszene sei es nicht mehr up-to-date, die „kleine Kopie eines Stadttheaters“ zu gründen. Der Trend gehe eher in Richtung Vernetzung, in der mehrere Gruppen einen Ort nutzen. Damit könne man das knapper werdende Geld in die Kunstförderung stecken und müsse sie nicht für Immobilienförderung verplempern.

Doch mit diesem Modell haben die Jährlings schlechte Erfahrung gemacht. Ihre 2007 gegründete Companie flog 2009 kurz vor einer Premiere aus dem Darmstädter Veranstaltungshaus „Goldene Krone“, in dem sie Unterschlupf gefunden hatten. Die Stadtteilbühne Hoffart-Theater bot Asyl. Das Vagabundieren bekam der Truppe nicht gut, sie zerstreute sich in alle Winde.

Ein Grund für die Jährlings, sich jetzt ihr eigenes Theater aufzubauen und mit „Leidenschaft und Leidensfähigkeit“ zu betreiben, sagen sie. Die Stadt gibt im Jahr 4000 Euro. Alles andere müssen die Künstler anders zusammenbekommen. So sind die Stühle im Zuschauerraum gebrauchte, die schönen Lüster aus dem Baumarkt. Das Paar gibt Schauspielunterricht im West Side Studio und hat wirkliche Freunde. Wie Heinz Runkel, einen pensionierten Maschinenbauingenieur, der ehrenamtlich auf und hinter der Bühne die Theaterwerkstatt fachkundig in festen Händen hält. Es gibt einen Förderverein, Geld von der Sparkassen Jubiläumsstiftung – und die Jährlings haben einen Privatkredit aufgenommen.

Jetzt hoffen sie auf ausverkaufte Vorstellungen. Applaus für solchen Mut.

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