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Voll das Leben Wiese im Topf

Von wegen Hasenfutter: Wilde Kräuter erweitern schmackhaft den Speisezettel. Unsere Autorin hat Spitzwegerich, Nessel & Co. auf einer Wanderung gesammelt. Das macht viel Spaß – und zu lernen gibt es auch ganz viel über alte Bräuche im Frühjahr.

Schnell was Leckeres stibitzt. Foto: FR/Schick

Wenn Sie auf alte Bräuche halten und Gründonnerstag und Grüne Soße für Sie so selbstverständlich zusammengehen wie Ostern und Eier, dann sollten Sie einmal etwas richtig Traditionelles ausprobieren. Etwas, das sich bis heute in dem Ausruf: „Ach du grüne Neune“ erhalten hat: Eine grüne Suppe aus neun wilden Kräutern, die schon den Altvorderen im Frühjahr heilig war. Und wenn Ihnen beim Thema Wildpflanzen auch nach hartnäckigstem Nachdenken nur Löwenzahn einfällt, und Sie auf sich allein gestellt mit einer Wiese nichts anfangen können, als sich hineinzulegen, dann könnten Sie an einem schönen Frühlingstag mit einer Kräuterfrau hinaus in die Natur gehen und lernen, Ihren Speisezettel ganz ohne Supermarkt zu erweitern.

Weit müssen Sie nicht gehen: Auch im Rhein-Main-Gebiet gibt es Plätze, wo eine Fülle schmackhafter und gesunder Kräuter gedeiht. Wo, das weiß zum Beispiel Regine Ebert. Mit der Kräuterkundigen sind wir am Dottenfelderhof bei Bad Vilbel unterwegs. Denn nahe des Biobauernhofs findet sich, was wir Pflanzensammler brauchen: Eine ungedüngte Wiese. Auf dem Weg dahin begegnen uns bereits die ersten wichtigen Pflanzen: Brennnessel, Taubnessel, Spitzwegerich.

Die Brennnessel ausgerechnet: Schön ist sie nicht, aber bissig. Duftet nicht, aber wehrt sich vehement gegen Annäherungsversuche. Dazu hat sie auch allen Grund: Sähe man sofort, wie gesund sie ist, dann wäre die raubeinige Pflanze wohl schon längst ausgerottet. Die Brennnessel habe „die Kraft, den Winter aus den Knochen zu treiben“, wie es die Alten ausdrückten, erzählt Regine Ebert. Viel Gutes ist darin enthalten, etwa jede Menge Vitamin C – die ideale Pflanze für eine Frühjahrskur. Wie gut, dass sie auch als Gemüse schmeckt. Und dass Regine Ebert den Trick kennt, wie man die wehrhafte Nessel zähmt, die Triebe pflückt, ohne „gebissen“ zu werden.

Weg vom Wegesrand

Falls es dennoch mal passiert, ist Hilfe oft nicht weit: Ein Spitzwegerichblatt zerrieben und aufgelegt, nimmt das Brennen, erklärt die Kräuterfrau. Und die unscheinbare Pflanze schmeckt! Aber dazu später, denn: „Besser nicht am Wegesrand pflücken“, rät Regine Ebert. Wo vielleicht Autos und Traktoren fahren oder Hunde ausgeführt werden, ist kein guter Sammelplatz. Der liegt kurz darauf vor uns, goldgetupft von unzähligen Löwenzähnen.

Aber bevor wir nun richtig loslegen – was hat es denn nun eigentlich mit der grünen Neune auf sich? Regine Ebert erzählt: Schon die Kelten und Germanen pflückten im Frühling neun Kräuter, um daraus eine Speise zu machen, „um sich mit den Naturkräften zu verbinden“. Auch ohne unser Wissen über Vitamine und Mineralstoffe erkannten die Alten schon, wie gut die Pflanzen ihnen taten, so wohltuend waren sie, dass sie zur Kultspeise wurden. Neun Kräuter mussten es sein, drei mal die Drei, eine heilige Zahl bei vielen Völkern.

Um auf neun zu kommen, fehlen uns noch einige. Regine Ebert pflückt und erklärt; im Mini-Dschungel zu unseren Füßen findet sich viel mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Da ist der köstlich frische Sauerampfer, die Schafgarbe mit den vielfiedrigen Blättchen, der kleine Wiesenknopf (als Pimpinelle aus der Grünen Soße bekannt) und das hübsch blühende Wiesenschaumkraut, das so süß duftet und so kräftig nach Senf und Kresse schmeckt.

Es wird gepflückt und probiert – mit Begeisterung die goldgelben Blüten des Löwenzahns verspeist: Blumen essen – einfach märchenhaft. Die Gruppe ist nicht mehr zu halten: „Ist das der ... was Sie uns eben gezeigt haben, was nach Möhren schmeckt?“ Nein, das ist nicht der Wiesenkerbel, es ist ein Hahnenfuß, eine Butterblume, und die darf nicht gegessen werden, sie ist giftig. Überhaupt: Bedenkenlos alles in den Mund stecken, was sich so findet, sollte man natürlich nicht. Es gibt durchaus sehr giftige Pflanzen bei uns – etwa den Schierling, warnt die Pflanzenkundige. Nur, was man wirklich kennt, sollte man sammeln, und „bei Unsicherheit stehenlassen“, schärft sie den Teilnehmern ein. Genau hinschauen muss man lernen, oft liegt der Unterschied zwischen köstlich und krankmachend in kleinen Details.

Sammelwut in Grün

Der Wiesenbärenklau mit den kuschelweichen Blättern und das knackige Wiesenlabkraut machen die neun voll. Alle sind jetzt von Sammelwut erfasst, die Wiese wird durchstöbert, Spaß macht’s, sein Essen selbst zu suchen.

Schließlich haben wir genug beisammen und es geht zum zweiten Teil: Jetzt kommt die Wiese in den Topf. Zurück auf dem Hof, werden die Pflanzen sortiert – wie schön die Vielfalt an Formen, Grüntönen und Blüten aussieht! Regine Ebert hat ein kritisches Auge auf die Sammlungen, damit auch nichts Unbekömmliches dabei ist, dann werden die Zutaten gemeinsam zerkleinert, Wasser aufgesetzt, vorbereitete Bärlauchbrötchen zur Backstube gebracht. Derweil serviert die Kräuterfrau Minze- und Holundersirup sowie Kräutertee – alles selbst gemacht.

Rasch sammeln wir hinterm Haus noch Giersch. Giersch? Der Gärtnerschreck? Mancher wird ihn kennen, den grünen Überlebenskünstler, der gerne versucht, die Herrschaft im Garten zu übernehmen. „Aber den reiße ich ja immer raus“, ruft jemand. Ab heute wird nicht mehr gemeckert, sondern Salat daraus gemacht. „Bei uns haben den immer die Hasen bekommen“, wispert mir eine zu – verblüfft, dass das Hasenfutter nun auch auf den eigenen Teller kommt.

In der Küche brodelt es in zwei großen Töpfen, wie die Suppe wohl riecht? Wie Wiese im Frühling. „Das schmeckt schon wieder anders“, lacht Regine Ebert – keine Grünkräutersuppe gleiche der anderen, immer kann variiert werden, mal von diesem mehr, mal von jenem – und schließlich stehen ja auch nicht nur neun Kräuter zur Wahl. (Ich sage nur: Gänseblümchen, Bärlauch, Knoblauchsrauke ...)

Ein letztes Abschmecken, der Tisch ist gedeckt, die warmen Brötchen warten – die Stimmung ist erwartungsvoll. Die grüne Suppe kommt auf die Teller, darüber gelbe, weiße und lilafarbene Blüten. Und? „Herrlich!“, „Das schmeckt ja toll!“, „Wunderbar“ – das Experiment ist geglückt, die Tafelrunde ist zufrieden und fröhlich. Einfach zauberhaft, so eine grüne Kraftspeise.

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