Lade Inhalte...

Türkischer Film Reise in den Tod

Der Filmemacher Güçlü Yaman dokumentiert, wie unmenschlich die deutsche Abschiebepraxis ist. Dank des türkischen Filmfestivals in Frankfurt könnte sein Film auch hierzulande bekannter werden.

01.11.2011 17:05
Timur Tinç
Der Filmemacher Güçlü Yaman geht beim Türkischen Filmfestival mit einem Kurzfilm an den Start. Foto: Andreas Arnold

Der Filmemacher Güçlü Yaman dokumentiert, wie unmenschlich die deutsche Abschiebepraxis ist. Dank des türkischen Filmfestivals in Frankfurt könnte sein Film auch hierzulande bekannter werden.

Gedankenversunken blickt Güçlü Yaman in die Ferne, ehe er antwortet. Einen Moment lang muss der 41-Jährige überlegen, warum er eigentlich mit Filmemachen angefangen hat. „Ich mache Filme, weil ich auf soziale Probleme aufmerksam machen will“, sagt er schließlich. „Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurt Flughafen“, heißt sein Film, der nächsten Mittwoch, 9. November, im Rahmen des 11. türkischen Filmfestivals in Frankfurt gezeigt wird.

Yaman – der einzige Frankfurter, der am Festival teilnimmt – erzählt in seinem Kurzfilm die Geschichte von Aamir Ageeb, der eines Tages zur Polizei geht, um Anzeige zu erstatten, weil seine Jacke gestohlen wurde. Die Polizisten glauben ihm nicht. Sie sagen ihm, er sei illegal in Deutschland, und Ageeb landet im Gefängnis.

„Ich will nicht in den Sudan, ich will hierbleiben“, schreit Ageeb (Aljoscha Zinflou) im Flugzeug, das ihn wieder in sein Geburtsland zurückbringen soll. Ageeb trägt einen roten Motorradhelm und wird von drei Beamten des Bundesgrenzschutzes nach unten gedrückt, bekommt ein Kissen vor den Mund gehalten. Die Passagiere blicken Ageeb an, keiner unternimmt etwas. Bei der Abschiebung stirbt Ageeb, weil ihn drei Beamte durch „massives Niederdrücken erstickt haben“. So steht es im Gerichtsurteil.

Er drehte Reportagen für den Offenen Kanal

„Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit“, erzählt Yaman. Nachdenklich rührt er in seiner Tasse schwarzem Tee. Den Filmemacher bewegen die Ereignisse noch heute. Die Doku hat er aus den Protokollen der Gerichtsverhandlung rekonstruiert. Die drei Beamten sind schließlich zu neun Monaten mit Bewährung verurteilt worden. Damit blieb der Richter unter dem Mindesturteil, das ein Jahr Freiheitsstrafe bedeutet hätte.

Eigentlich ist Yaman Softwareentwickler, vor mehr als zehn Jahren kam er aus Istanbul nach Deutschland. „Reise ohne Rückkehr“ ist erst seine zweite Produktion. Seinen ersten Film, „Der Test“, drehte Yaman 2007. Dort legte er die Absurditäten des Einbürgerungstests offen. Das Filmen hat er sich bei Reportagen für den Offenen Kanal und Videos für die Videoplattform Youtube angeeignet. Schon da hat er sich mit Themen wie Hartz IV beschäftigt. In „Reise ohne Rückkehr“ ging es ihm darum, Problematiken der Globalisierung darzustellen.

Aamir Ageeb sei leider kein Einzelfall. „Es gibt so viele Beispiele“, sagt Yaman. Meistens treffe es Afrikaner im europäischen Raum, die bei Abschiebungen ums Leben kämen. „Sie kommen aus Kriegsgebieten in wohlhabendere Länder, um ein Leben in Sicherheit zu leben. Letztlich haben sie es aber noch schlimmer.“ Solche Fälle ereigneten sich überall auf der Welt.

„Ich wusste, dass diese Art von Film von vielen nicht mit Wohlwollen gesehen wird“, sagt Yaman. Die Justizministerien in Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben ihm für die Dreharbeiten in ihren Gefängnissen keine Genehmigung erteilt. Drei Monate habe er versucht in Frankfurt und Umgebung einen Drehort zu finden, erzählt Yaman. Als das nicht gelang, entschied er sich für Berlin. „Dort war es möglich, auch ohne staatliche Einrichtungen zu fragen.“

Finanziell unterstützt wurde Yaman von der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz und der Aktion Mensch. Von der hessischen Filmförderung wurde er nicht gefördert. „Den größten Teil musste ich aber aus der eigenen Tasche zahlen“, sagt er. Die Schauspieler und Mitarbeiter des Films haben keine Gage bekommen. „Ihnen lag das Projekt am Herzen.“ Andernfalls, so Yaman, hätte er den 25-minütigen Kurzfilm nicht drehen können.

Im vergangenen Jahr gewann „Reise ohne Rückkehr“ den Deutschen Menschenrechtsfilmpreis beim Festival in Nürnberg. Zwölf internationale Auszeichnungen folgten. Unter anderem für den besten Kurzfilm in Mailand. Darüber hinaus wurde der Film beim prestigeträchtigen Telluride Filmfestival in den USA gezeigt.

Trotz all dieser Auszeichnungen schaffte es der Film nicht auf andere Festivals in Deutschland. Dabei habe er den Film bei verschiedensten deutschen Jurys eingeschickt, berichtet Yaman. Eine Reaktion bekam er nicht. Yaman enttäuscht das, bewerben mag er sich nun nicht mehr. „Es ist schon komisch“, bemerkt er, „ich habe erst neulich aus Australien eine Anfrage bekommen, ob sie meinen Film zeigen können, ohne dass ich ihnen eine Bewerbung geschickt habe. Aber in Deutschland will den Film keiner haben.“ Dabei sei es viel schwerer auf internationalen Festivals gezeigt zu werden. „Die Chance liegt manchmal bei nur einem Prozent“, betont der Frankfurter. Trotzdem ist sein Film schon in Mexiko, Japan, Spanien, Chile, Tansania oder Island – insgesamt bei mehr als 50 internationalen Filmfestivals – gelaufen.

„Ich hatte mit einer Blockadehaltung gerechnet und dass es Probleme geben könnte, aber dass sie meinen Film so blockieren, hätte ich nicht gedacht“, sagt Yaman. Vielleicht trägt das türkische Filmfestival dazu bei, dass „Reise ohne Rückkehr“ größere Beachtung findet. Am kommenden Mittwoch wird der Regisseur persönlich vor Ort sein, auf die Reaktionen zu seinen Film ist er gespannt.

Angesprochen auf den deutsch-türkischen Film, sagt Yaman, dass zu wenige Probleme der Türken in der hiesigen Gesellschaft angesprochen werden. „Meistens wird nur die türkische Gesellschaft kritisiert und die deutsche außen vor gelassen“, urteilt er. Ob er sich in seinem nächsten Film dieser Thematik widmen wolle, lässt er offen. „Es gibt sehr viele Probleme, die man aufgreifen kann.“

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum