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Theaterfotografie Warten auf den richtigen Moment

Die Bilder der Theaterfotografin Barbara Aumüller zieren Programme, Plakate und Foyers. Die Frankfurterin selbst bleibt stets im Dunkel des Theaters.

Theaterfotografie in Frankfurt
„Die Bilder entstehen im Kopf“, sagt die Theaterfotografin Barbara Aumüller. Foto: Michael Schick

Da ist sie! Diese eine Millisekunde, in der alles passt: das Licht, die Gestik und der Blick des Sängers, der Hintergrund. Genau diesen Moment auf der Bühne passt Barbara Aumüller ab und drückt dann auf den Auslöser. Denn der freien Theaterfotografin bietet sich jede Chance nur einmal. Eingreifen, anhalten oder gar eine Szene wiederholen – das geht nicht. 

Wer mal in Darmstadt, Wiesbaden oder Frankfurt im Theater war, hat Barbara Aumüllers Momentaufnahmen schon betrachtet: klein im Programmheft, größer auf Plakaten oder sehr groß bis riesig an den Wänden der Foyers. Denn unter anderem für diese Häuser ist die freie Fotografin seit 30 Jahren tätig.

Aus dem Verborgenen, aus der tiefen Dunkelheit schafft Barbara Aumüller Kunstwerke des Lichts, fängt aus dem Schwarz des Zuschauerraums Farben und Stimmungen auf der Bühne ein. Während wenige Tage vor der Premiere die Klavierhauptprobe einer neuen Opernproduktion läuft, bewegt sie sich ganz leise, besonnen und trotzdem flink zwischen den Sitzreihen. Drei Kameras hängen um ihren Hals und an ihrer Schulter. 

Quasi blind bedient sie die Knöpfe und Rädchen, wartet dann kurz, bis sie das nächste Fotomotiv wittert und die Kamera wieder zückt. „Du musst die Kameratechnik von Grund auf beherrschen, aber dann wieder vergessen“, sagt Barbara Aumüller. Ihre Finger arbeiten von alleine, ohne dass der Kopf groß drüber nachdenkt, was zu tun ist. 

Neben der Technik, die sie als ausgebildete klassische Fotojournalistin sowohl analog als auch digital perfekt beherrscht, bringt Barbara Aumüller eine weitere Zutat zu einem gelungenen Foto mit: Verständnis und Interesse am Geschehen auf der Bühne. Vor der Hauptprobe setzt sie sich mit dem Werk auseinander, steigt inhaltlich tief in die Materie ein. Denn als Fotografin wird sie – wie auch die Zuschauer später – mit ihren Bildern zu einer Interpretin des Stücks. 

Um die Konzeption der Inszenierung zu durchdringen, spricht sie vorher mit dem Dramaturgen, manchmal auch mit den Beleuchtern. Wer mit ihr durch die Frankfurter Oper läuft, merkt schnell, dass die ruhige Frau mit dem sehr wachen, manchmal etwas verschmitzten Blick gut vernetzt ist.

Zudem hat Aumüller eine große Leidenschaft für Musik. „Ich gehe mit der Musik, mit dem Gesang richtig mit. Ich atme quasi mit den Darstellern“, sagt sie.

Den analogen Zeiten bleibt sie trotz Digitalkameras zumindest in einer Hinsicht treu: „Die Bildkomposition findet beim Fotografieren statt, nicht zu Hause am Computer“, sagt sie. Nachbearbeitungen gibt es bei ihr kaum, höchstens mal, wenn ein Haarteil verrutscht ist. „Die Bilder entstehen schon beim Fotografieren im Kopf“, sagt sie.

Spät am Abend kehrt Barbara Aumüller nach Sachsenhausen zurück, packt den schweren Rucksack mit Stativen und Objektiven aus, setzt sich an den Rechner und sichtet ihre Werke. Bei 1200 bis 2000 Bildern, die sie während der Hauptprobe gemacht hat, gar nicht so einfach. Jetzt muss es schnell gehen: Programmhefte, Plakate und Pressemitteilungen warten schon auf die Bilder. 

Knapp ein Zehntel schafft es in die engere Auswahl, die Aumüller dann Regisseur, Bühnenbildner, Kostümbildner und Dramaturg präsentiert. Zusammen suchen sie dann einige wenige Favoriten aus.

Besonders favoritenträchtig sind Bilder, die gleichermaßen für die Inszenierung als auch für sich stehen. „Mein Anspruch ist es, nicht nur das reine Geschehen, auf der Bühne abzubilden. Sonst wären die Bilder so erwartbar“, sagt sie. So wird aus Bildern Kunst. Sie legt großen Wert darauf, dass ihre Bilder nicht „opernhaft“ wirken. „Keiner will Sänger mit aufgerissenen Mündern sehen“, sagt sie. Stattdessen bildet sie die Millisekunden des Nachklingens, des Nachspürens ab. Der Titel der Ausstellung, die lange Zeit im Holzfoyer der Oper Frankfurt zu sehen war, kommt daher nicht von ungefähr: „Der Augenblick dauert an“.

Vor allem das Wechselspiel von Stillstand und Bewegung haben es Barbara Aumüller angetan. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die oben abgebildete Szene aus „La Sonnambula“ eines ihrer Lieblingsfotos ist. Im Vordergrund: Brenda Rae als Amina, die schlafwandlerisch in ihre eigene Welt versinkt. Im Hintergrund: Der schnellen Schrittes abgehende Chor, quasi das Volk, das Amina verlässt. Die Unschärfe der Bewegung bildet das passende Pendant zu den klaren Konturen der Starre. 

Wenn Aumüller über die „Temperatur der Inszenierung“, von „Energie in verschiedenen Aggregatzuständen“ oder von „grafischen Linien“ spricht, leuchten ihre Augen. Nur eines mag Barbara Aumüller gar nicht: selbst vor der Linse einer Kamera stehen. Trotzdem leuchten ihre Augen weiter. Kaum ist das Foto im Kasten und das Interview vorbei, schnappt sie sich ihre Handtasche – selbstverständlich mit kleiner Kamera drin. Ihren freien Nachmittag will sie im Museum verbringen.

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