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Theater Willy Praml Frankfurt spielt New York

Das Theater Willy Praml probt aktuell für Kafkas „Amerika“ – auch hoch über den Dächern auf vier großen Dachterrasssen. Da wird die Frankfurter Skyline zur Kulisse.

Theater Willy Praml
Proben in arktischer Kälte hoch oben über den Dächern von Frankfurt. Foto: Monika Müller

Hoch über den Dächern von Frankfurt müsste man eigentlich einen atemberaubenden Blick auf die Skyline haben – doch an diesem Abend fällt eisiger Schneeregen, die Hochhäuser ahnt man in der Dämmerung nur. Theaterregisseur Willy Praml steht auf einer riesigen Dachterrasse neben seinem Theater im Ostend; mit ihm beobachten Techniker, Assistenten und Hausbewohner, was sich da auf der ebenfalls zugigen Dachterrasse des Nachbarhauses tut.

Eine Gruppe von Schauspielern in bunten, sehr luftigen Kostümen probt dort trotz der niedrigen Temperaturen in durchdringender Kälte eine Szene aus Pramls neuestem Stück „Kafka/Merika“ nach Franz Kafkas berühmtem Romanfragment „Amerika“. Und die von hier aus spektakuläre Frankfurter Skyline ist in Pramls Inszenierung das abendliche New York, das verheißungsvoll zu einem Landhaus in einem Vorort herüberscheint.

Allein diese Idee dürfte schon den Besuch der Inszenierung lohnen; die Dachterrasse des gemeinschaftlichen Mehr-Generationen-Wohnprojekts „Fundament“ ist sonst für Außenstehende nicht zugänglich, und dass die Hausbewohner sie nun für Theaterbesucher öffnen und ihr Projekt vorstellen, ist ein echter Coup und eine tolle Sache.

Die Zuschauer werden in dieser Szene Kopfhörer tragen, das verrät Praml schon, und die Festgesellschaft von Ferne beobachten. Die Premiere ist am 10. März, und bis dahin gibt es noch viel zu tun, viel zu proben und auszuprobieren – wenn’s sein muss, eben auch im Schneetreiben.

Das Licht zum Beispiel, es soll eigentlich über die Straßenschlucht fluten. „Ich will das hier so hell wie auf dem Fußballplatz!“, sagt Praml. Sein Techniker schüttelt den Kopf. Das ist hier ein Privathaus, da sind die Stromleitungen nicht stark genug für Riesenscheinwerfer. So muss improvisiert werden, mit zusätzlichen schwächeren Lichtern auf der Terrasse gegenüber, wie das eben so ist, wenn man die Stadt zur Bühne macht.

Die Frankfurter Skyline ist nicht die einzige originelle Kulisse, in der Praml seine Schauspieler agieren lässt. So wird das Foyer der Naxoshalle zum Ozeanriesen, in dessen Bauch der von den Eltern verstoßene Karl Roßmann mit der Hamburg-Amerika-Linie nach New York zu einem reichen Onkel reist. Wenn Regisseur Praml packend die Szene beschreibt, in der der 15 Jahre alte Auswanderer erstmals die Freiheitsstatue erblickt, dann kann man sich kaum einen geeigneteren Raum dafür vorstellen.

Als die riesige Fabrik des Onkels zeigt Praml seine Naxoshalle, eine beinahe schon authentische, jedenfalls großartige Kulisse. Auch ein echter US-Chevrolet, dazu Hamburger und Cola spielen als Requisiten mit. Das wirkt dann alles auch ein bisschen surreal oder eben kafkaesk. „Man sagt ja oft, etwas sei kafkaesk“, meint Praml. „Aber das stimmt meist gar nicht! Denn genau so ist doch die Wirklichkeit!“

Kafkas Roman, heute oft auch unter dem Titel „Der Verschollene“ publiziert, ist der dritte und letzte Teil einer Trilogie, mit der Praml „Amerika erklären“ will. Das erste Stück behandelte den eigensinnigen Dichter Walt Whitman, der im 19. Jahrhundert lebte und für den die Gründung der USA „das größte Experiment der Menschheitsgeschichte“ war, wie Praml erzählt. „Das haben wir wie in einem Rausch inszeniert“, sagt er.

Teil zwei von Pramls Trilogie ist die Inszenierung von Edward Albees „Zoogeschichte“, interessanterweise 1959 nicht in den USA, sondern in Deutschland uraufgeführt. In dem Drama entwickelt sich der Streit um eine Parkbank zum existenziellen Kampf zwischen einem kultivierten Herrn aus dem Mittelstand und einem gesellschaftlichen Verlierer.

Bei Kafka schließlich, der selbst nie in den USA war, wird der junge Auswanderer zum Spielball seiner Umgebung, wird herumgeschubst und ausgenutzt. Ob er überhaupt weiß, dass man dort ein verfassungsmäßiges Recht auf das Streben nach Glück hat? „Was ist mit Amerika eigentlich los?“, fragt sich Praml in seinen Inszenierungen – da ist er angesichts kafkaesker Nachrichten sicher nicht der Einzige.

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