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Theater in Frankfurt Das Thema Grenzen jenseits der Tagespolitik

Das Theaterstück „Boundaries“ im Frankfurter Weltkulturen-Museum zoomt aus der aktuellen Tagespolitik raus und hinterfragt die heutige Zeit, in der Grenzen immer wichtiger werden.

„Boundaries“ im Frankfurter Weltkulturen-Museum
Was sagt ein Stück Stacheldraht über die heutige Menschheit aus? Foto: Anya Sukhova

Wir schreiben das Jahr 2130. Die Erde ist seit mehreren Dekaden für menschliches Leben unbewohnbar. Ein Teil der Menschheit hatte die finanziellen Mittel, auf den Mars zu emigrieren. Von dort aus blicken sie zurück und versuchen herauszufinden, was damals wohl geschehen ist auf jener blauen Murmel, die sich, umgeben von Kälte und Dunkelheit, noch immer mit 465 Metern pro Sekunde um sich selber dreht. Das ist der Ausgangspunkt für das Stück „Boundaries“ (auf Deutsch „Grenzen“), das vier Mal im Frankfurter Weltkulturen-Museum zu sehen ist.

Dabei sieht die Kulisse für das Theaterpublikum erst mal recht normal auf: Vitrinen. Für ein Museum nichts außergewöhnliches. Darin: ein Stück Stacheldraht, ein Mobiltelefon, die Feder eines Zugvogels. Für uns heute alltägliches. Doch für die Protagonisten – die Menschen auf dem Mars im Jahr 2130 – sind die Exponate archäologische Fundstücke, anhand derer Forscher unsere heutige Welt zu verstehen versuchen: eine Zeit, in der die Menschen verbundener waren als je zuvor in der Geschichte des Planeten Erde – und doch hauptsächlich damit beschäftigt, Mauern zu errichten. 

Und so werden plötzlich aus Ausstellungs- Theaterbesucher, aus Exponaten Requisiten und aus Vitrinen die Theaterkulissen eines fiktiven Vortrags. 

Die Künstlergruppe And-Partners-In-Crime will aus der aktuellen Tagespolitik herauszoomen, das Thema Grenzen aus einem noch größeren Kontext betrachten. Mit der Performance „Are You There“ hat die Gruppe im vergangenen Jahr im Theater Landungsbrücken bereits das Thema Flucht künstlerisch aufgegriffen. Hintergrund für dieses Stück war eine Reise der Frankfurter Theatermacher Eleonora Herder und Malte Scholz, die 2015 für zwei Monate am Stadttheater Teheran arbeiteten. Nach ihrer Rückkehr lernten sie über das Offene Haus der Kulturen Saeed Sedaghat kennen, der Ende 2015 aus dem Iran über die Balkanroute nach Frankfurt geflohen ist und nun in einer Flüchtlingsunterkunft auf dem Campus Bockenheim lebte. Beide Geschichten haben die drei Protagonisten zu einer Performance verwoben und selbst dargestellt.

„Boundaries“ wagt nun mit insgesamt sechs Darstellern einen noch größeren Blickwinkel auf das Thema. Mit dem „Archiv zukünftiger Fundstücke“ nimmt es quasi Geschichte vorweg. „Wir fragen danach, wie die Menschheit aus einer fiktiven Zukunft auf unsere Zeit und unseren Planeten zurückblicken würde. Was bleibt wohl von einer Zeit, in der die Menschen verbundener waren als je zuvor in der Geschichte des Planeten Erde und doch hauptsächlich damit beschäftigt, Mauern zu errichten“, fragt Dramaturg Tim Schuster. 

Die Performance führt zurück zu dem Zeitpunkt, an dem die Menschheit begonnen hatte, sich unumkehrbar in alle Kreisläufe der Erde einzuschreiben und den Planeten zugleich in immer stärker von einander getrennte Bereiche aufzuteilen. Es war das letzte krisenhafte Aufbäumen des „Homo Terminus“, einer Gattung aus der Familie der Menschen, die sich hauptsächlich über ihre Grenzen definierte.

Und so untersuchen die fiktiven Wissenschaftler Überreste aus jener Zeit, bevor der Planet sich für immer veränderte: Objekte, Bilder und Töne, Spuren von jenem kurzen Moment, als noch alles möglich schien. Anhand dieser Fundstücke versuchen sie, herauszufinden, was das war, die Erde. Nach und nach entsteht ein Archiv vergangener Zukünfte. Spuren von jenem kurzen Moment, als noch alles möglich schien.

„Die Wissenschaftler sind nicht nur Rollen in der Performance, sondern wir Darsteller verstehen uns auch gewissermaßen als Wissenschaftler unser heutiger Zeit“, sagt Tim Schuster. Es ist ein Versuch, unsere heutige Welt, in der Grenzen immer aktueller werden, aus der Distanz heraus zu verstehen – ehe es zu spät ist.

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