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Selbstverteidigung Schlagen statt denken

Acht Stunden brutaler Ganzkörpereinsatz: Die Selbstverteidigungstechnik Krav Maga beruht auf Reflexen – beim Training für Einsteiger bleibt aber kein T-Shirt trocken.

05.06.2011 18:04
Jana Schulze
Keine Pause: Beate und Oliver Bechmann mit zwei Krav-Maga-Schülern. Foto: Chris Hartung

Acht Stunden brutaler Ganzkörpereinsatz: Die Selbstverteidigungstechnik Krav Maga beruht auf Reflexen – beim Training für Einsteiger bleibt aber kein T-Shirt trocken.

Bislang habe ich mich immer verbal verteidigt. Worte austeilen – eine Kleinigkeit für mich. Nun aber soll ich zuhauen, schlagen, boxen und so oft wie möglich ins männliche Weichteil treten. Das Ganze nennt sich Krav Maga (KM). Das ist Hebräisch und heißt übersetzt ins Deutsche „Nahkampf“. Hier geht es um Schnelligkeit und gezielt eingesetzte Kraft, um intelligente Schläge und gute Deckung.

Es ist Samstagmorgen gegen zehn. Noch ist die Luft gut im Krav-Maga-Center Frankfurt/Rhein-Main, das seinen Sitz in Offenbach hat. Vor mir liegen acht Stunden brutaler Ganzkörpereinsatz.

Oliver Bechmann und seine Frau Beate bringen hier Sicherheitsleuten, Polizisten, Sozialarbeitern und von ihren Männern bedrohten Frauen die 1948 von Imi Lichtenfeld entwickelte offizielle Selbstverteidigungs- und Nahkampftechnik der israelischen Armee bei. „Krav Maga beruht auf den natürlichen Reflexen des Menschen. Es bedient sich instinktiver Bewegungen und lehrt praktikable Techniken für Jedermann“, las ich auf der Homepage des KM-Centers. Jedermann – das bin ich, sportlich nicht jungfräulich, aber ohne Kampferfahrung.

In dem riesigen Trainingsraum mit Fabrikcharme stapeln sich alte Kartons und stehen Sofas und ein Sammelsurium nicht zurückgebrachter Plastik-Pfandflaschen herum. „Das sind Trainingsutensilien“, erklärt Bechmann, der einst mit Karate anfing und 30 Jahre lang Ju-Jutsu trainierte: „Wir wollen hier realistische Situationen darstellen.“ Angreifer bauen ja auch nicht erst dreifach gepolsterte Matten auf.

Als Aufwärmübung soll ich mit den 20 anderen, zumeist männlichen, Seminarteilnehmer auf 25 Quadratmetern wild durch- und gegeneinander laufen, drängeln, Ellenbogen einsetzen. Ich muss dabei an die vielen knackevollen U-Bahnen denken, mit denen ich durch Paris und St. Petersburg gefahren bin und dabei immer gebetet habe, die Fahrt möge bald zu Ende sein. Nun tue ich mir die schubsenden Menschen freiwillig an.

„Mit allen Mitteln und Möglichkeiten arbeiten: Deeskalieren, ausweichen, wegrennen, Rucksack oder Umhängetaschen als Hilfsmittel benutzen“, ruft Oliver Bechmann, der seit 2003 zertifizierter Krav-Maga-Instruktor ist – als einer der ersten in Deutschland. Wir stehen paarweise auf der Matte, der erste Schweiß läuft überall herunter, und sollen dem Gegner eine klatschen, seitlich auf die Schulter, mal rechts, mal links. Gleichzeitig versucht er, mir Ohrfeigen zu geben.

Beim obligatorischen Händedruck beim Partnertausch zucke ich jedes Mal zusammen. Schmerz. Diese Männerhand muss allein aus Knochen bestehen, ohne Haut und Fleisch. Im Gegensatz zu den anderen drei Frauen im Kurs stehen mir an diesem Tag nur Männer gegenüber. „Los, ran, hau zu, los, der hat das verdient“, brüllt Beate Bechmann Dieser Frau sollte kein Angreifer begegnen.

Dann soll ich boxen, gegen übergroße Lederhandschuhe, später gegen einen Lederpanzer. Noch mal, noch mal, noch mal. Das macht Spaß, das kickt, auch wenn die Herzpumpe schnell auf Hochtouren rotiert.

Zwischenzeitlich fragt mich mein Kreislauf, wohin ich noch mit ihm zu galoppieren meine. Nach kräftigen Schlucken Wasser finde ich wieder Halt in den Knien. Doch wir sind immer noch beim Aufwärmen.

Erst als der Angreifer von hinten kommt, mich würgen will und ich seinen Kopf herunterziehe, mich rasch drehe und noch in die Weichteile kicke, sind wir in Lektion eins der wahren Selbstverteidigung. Bei jedem neuem Versuch rattert’s im Kopf, eine Bewegung nach der anderen läuft langsam ab, wie in Zeitlupe. Dabei soll genau das nicht sein, erklärt der Trainer, schließlich sind wir weder beim Boxen noch beim Taekwando: „Beim Kampfsport bereiten sich die Kontrahenten akribisch auf den Gegner vor. Sie wollen den Kampf.“ In der Selbstverteidigung gelte das genaue Gegenteil: „Der Gegner ist unwillkommen, unbekannt, unberechenbar. In der Regel ist man nicht darauf gefasst und hat eigentlich Besseres vor.“

Technik steht beim Krav Maga eben ganz hinten an. „Die Techniken müssen unter Stress und massiver Todesangst noch funktionieren“, sagt Bechmann, der sich regelmäßig in Israel fortbildet.

Ich wäre so manches Mal an diesem Samstag tot gewesen. Immer wieder stehen Bechmann und seine Frau neben uns, verlangen das Optimum. Am Ende liegen wir am Boden.

Fortgeschrittene Lektion: Im Kampf mit dem Gegner ringen wir darum, wer wen ins K.O. bringt. Als die Bechmanns die Position das erste Mal zeigen, frage ich mich, wie ich meine Oberschenkel derartig verrenken soll. Doch es funktioniert besser, als ich dachte. Mein Partner liegt unter mir, und ich habe ihm noch einen Schlag gegen die Stirn versetzt.

„Fürs zivile Krav Maga gilt: Nicht den Helden mimen, sondern versuchen, mit dem geringstmöglichen Schaden für sich und seine Begleiter aus der Situation zu kommen“, ruft Oliver Bechmann der schweratmenden Truppe zu. „Hier gilt: Don’t get hurt!“

Die letzten 30 Minuten sind zäh wie altes Rindfleisch, ziehen sich wie Fensterkit. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Aber nun sind wir ein Trio, einer gegen zwei. Eine Frau gegen zwei Männer. Ich wäre blutig aus diesem Kampf gegangen, dennoch klopft mir einer meiner Gegner am Ende auf die Schulter: „Gut geschlagen!“ Die Luft, sie steht im KM-Center in Offenbach.

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