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Schauspiel Frankfurt Dem Bürgertum auf der Spur

Als weiteres Highlight der Spielzeit zeigt das Schauspiel Frankfurt mit „Der Alte Schinken“ einen selbstironischen Krimi über die bürgerliche Mittelschicht und was davon übrig geblieben ist.

Theater in Frankfurt
Samuel Simon (li.) und Christoph Pütthoff suchen nach des Rätsels Lösung. Foto: Felix Grünschloss

Als weiteres Highlight der aktuellen Spielzeit präsentiert das Schauspiel Frankfurt eine ausgefallene Stückentwicklung der beiden jungen Regisseure Nele Stuhler und Jan Koslowski. 
Schon der Titel des Werkes, „Der Alte Schinken“, macht neugierig. Dieser stand, im Gegensatz zum Inhalt des Stückes und den Dialogen der Darsteller, bereits vor Beginn der Probenarbeit fest. „Das ist tatsächlich die Idee der Arbeitsweise, bestimmte Sachen vorher festzulegen und dann zu gucken, wo es hin geht“, sagt Jan Koslowski. Die Idee hinter dem Titel sei die gewesen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die schon vorbei sind, erzählt Nele Stuhler. So kam am Ende ein Stück über das Bürgertum heraus. Oder vielmehr über das, was davon übrig geblieben ist. 

Zur Vorbereitung der Probenarbeit habe es eine starke Diskussion mit den Schauspielern darüber gegeben, was identitätsstiftend für eine Idee wie Bürgertum oder Bürgerlichkeit ist, erzählt Koslowski. Das Ergebnis: Unter den verschiedenen Generationen sind ganz unterschiedliche Definitionen von Bürgertum verankert. „Wir haben relativ viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, für was Bürgertum überhaupt steht, wo das herkommt und was wir damit noch anfangen können. Braucht man das überhaupt noch?“ 

Gemeinsam mit den Schauspielern wurde schließlich ein Krimi im alten Stil erarbeitet – auch deshalb „Der Alte Schinken“. Das Whodunit-Konzept, das auch in alten Agatha Christie-Werken oft zu finden ist, bildet hierfür die formale Grundlage: Mehrere, sich bisher unbekannte Menschen kommen an einem Ort zusammen und müssen Zeit miteinander verbringen, weil sie aus irgendeinem Grund nicht weg kommen. „Agatha Christie findet immer wieder Gründe, warum man der Situation nicht entrinnen kann: Weil man in einem Zug ist. Oder auf einem Schiff. Oder eingeschneit. Bei uns sind sie alles. Also durch alles mögliche von der Außenwelt abgeschnitten“, erzählt Regisseurin Nele Stuhler.

In dieser ungewohnten Szenerie passiert schließlich ein Mord, der nun aufgeklärt werden muss. Die Detektivfigur spielt dabei eine zentrale Rolle. „Der Begriff der Lösbarkeit, oder überhaupt sich dazu aufzuraffen, etwas zu lösen, ist relativ zentral“, so Koslowski. Dazu kann sich auch das Publikum im Saal aufrappeln, das bei der Aufklärung aktiv mitdenken und selbst in die Rolle des Detektivs schlüpfen kann. 

Doch nicht nur die Suche nach des Rätsels Lösung stellt für das Publikum einen spannenden Teil von Stuhlers und Koslowskis Stück, oder besser ihrer Stückentwicklung, dar. Interessant ist ebenso zu beobachten, inwieweit der Inszenierung anzumerken ist, dass ihr keine klassische Entstehungsgeschichte zu Grunde liegt.

Denn diese war vielmehr ein stetiger Prozess, in den Regisseure und Schauspieler gemeinsam eingreifen konnten. „Wir haben eine Spielwiese vorbereitet, an der wir uns dann gemeinsam austoben konnten“, sagt Koslowski.

Dabei sind nicht nur die unterschiedlichen Ansichten der Schauspieler zum Thema Bürgertum in das Stück eingeflossen. Auch der Text wurde an der Art der Schauspieler ausgerichtet und zwischen den einzelnen Proben von den Regisseuren verfasst. 

So hatten die Schauspieler immer Einfluss auf ihre Rolle, ohne jedoch genau zu wissen, was mit ihnen passieren wird. Denn wie ihrem Publikum haben Stuhler und Koslowski auch den Schauspielern nicht verraten, was im Verlauf des Stücks passieren wird. Bei einem Krimi dürfe man natürlich auch nicht verraten, worum es geht, so Stuhler. 

So wurden auch die Darsteller auf die Folter gespannt: „Wir haben zunächst nur den ersten Akt mitgebracht und gemeinsam gelesen. Das hatte zur Folge, dass alle Beteiligten ganz gespannt waren, was jetzt eigentlich im zweiten Akt mit ihrer Figur passiert. Wie in einem Krimi eben“, erzählt die Regisseurin. 

Auch das Publikum wird sich überraschen lassen müssen, was es mit dieser Krimi-Komödie, in der Selbstironie eine tragende Rolle spielt und die mit einigen eindeutig hessischen Momenten aufwarten wird, auf sich hat. „Es ist ein Spiel mit den Erwartungen, die man an einen Krimi stellt“, verrät Kostümbildnerin Svenja Gassen schließlich noch.

Angst müsse man vor dem Gang ins Theater jedenfalls nicht haben, versichern die Regisseure: „Wir versuchen eigentlich immer, so Theater zu machen, dass es die Leute einlädt“, so Jan Koslowski, „ich glaube, der Abend macht Spaß.

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