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Rosenhang Museum Gerümpel raus, Kunst rein

In einem alten Brauereigebäude in Weilburg hängen Perlen der zeitgenössischen Kunst. Im Museum Rosenhang sind Werke etwa von Gerhard Richter und Markus Lüpertz zu sehen.

Museum Rosenhang in Weilburg
Früher Brauerei, heute Museum für zeitgenössische Kunst. Foto: Rosenhang Museum

Gerade mal gut 13 000 Einwohner zählt der Luftkurort Weilburg. Wohl kaum jemand würde vermuten, dass in der kleinen mittelhessischen Stadt bei Limburg hochkarätige Kunst von Gerhard Richter, Georg Baselitz, Jörg Immendorff oder Markus Lüpertz hängt. Werke, die sonst internationale Museen wie die Tate Gallery of Modern Art in London oder das Museum of Modern Art in New York ausstellen. Die Werke sind Teil der privaten Sammlung des Ehepaars Antje Helbig und Joachim Legner. 

Weil irgendwann der Platz im privaten Haus nicht mehr ausreichte, die Bilder sich regelrecht stapelten, schuf das Ehepaar Abhilfe: mit dem privaten Rosenhang Museum, das im Juni 2017 eröffnet wurde. Noch fliegt es derzeit unter dem Radar der großen Kunstszene. Noch! „Es spricht sich unter Kunstliebhabern schon herum“, sagt Helbig. Statt Laufkundschaft wie etwa in Frankfurt kommen Besucher ganz gezielt ins Museum in Weilburg. Viele kehren immer wieder zurück. Selbst Kunstkenner sind vom Museum verblüfft. Die Erwartungen werden bei weitem übertroffen, liest man auf nahezu jeder Seite des ausliegenden Gästebuchs. 

Anfragen nach Leihgaben, etwa aus New York, gab es bislang aber noch nicht, sagt Helbig. „Dafür sind wir vielleicht noch zu kurz am Markt.“

Als sich bei Helbig, Legner und sogar den beiden kleinen Kindern die ersten Symptome des „Kunstsammelfiebers“ 2014 bei einer Kreuzfahrt zeigten, konnte das Haus der Familie das noch gut stemmen. Die Begehrlichkeit kenne aber keine Grenzen, hat Legner einmal in einem Interview der Zeitschrift Focus gesagt. 

Die Kinder dürfen maßgeblich mitbestimmen, welche Werke gekauft werden. Kunst nur um des Besitzes willen, das ist nicht das Ansinnen des Ehepaars. Sie wollen ihre erstandenen Werke tagtäglich sehen. Und sie wollen sie auch andere sehen lassen. Und so wuchs die Idee, ein Museum zu eröffnen. „Kunst für alle“, steht unter dem Logo des Museums.

Der Ort ist schnell gefunden: Neben dem Haus der Familie steht eine ehemalige Lagerhalle, die zur Brauerei von Helbigs Familie gehört und nur noch mit „Gerümpel gefüllt“ war, erzählt Helbig. Das Ehepaar fackelt nicht lange: Von der Idee bis zur Eröffnung vergehen gerade mal neun Monate, erklärt Helbig und sagt lachend: „Wir sind ja keine staatliche Institution.“

Heute ist das Gebäude direkt an der Lahn quasi das zweite Wohnzimmer der Familie, in dem sie nach wie vor tagtäglich ihre Kunst bestaunen. Zu sehen sind nicht nur Gemälde, sondern auch Installationen und Skulpturen. 

Die knapp 200 Jahre alte Brauerei, gefüllt mit moderner Kunst, ist ein Haus der Kontraste: Industriecharme, gepaart mit Hochkultur. Hier blitzt der morbide Backstein durch, dort ist die Wand in einem modernen edlen Goldton gestrichen. Glas und offene Räume stoßen auf dicke alte Wände. Allein das Gebäude des Museums ist einen Besuch wert.

Eigentlich seien sie Zahlenmenschen, sagt Helbig über sich und ihren Mann. Sie stammt aus dem Brauereigewerbe, ihr Mann aus der Reisebranche. Durch die Kunst sind sie in eine andere Welt eingetaucht. Kunst besteht für sie längst nicht mehr aus anonymen Werken. Jetzt verkehren namhafte Künstler bei der Familie in Weilburg. Der persönliche Kontakt ihnen wichtig. Sie vergeben selbst auch Auftragswerke. 

Und sie geben ihr Wissen an die Besucher weiter. Vor allem Helbig ist es, die die Kunst den Besuchern aktiv näher bringen möchte: bei Führungen mit Kindergartengruppen bis hin zu Senioren, bei Veranstaltungen, Künstlergesprächen, Lesungen und Konzerten. 

Die Kunst im Museum Rosenhang soll auf gar keinen Fall elitär wirken. „Wenn man in Museen geht, wird man gern mal von oben herab behandelt: ‚Wie, Sie kennen das Werk nicht? Wie, Sie wissen nicht, wer der Künstler ist?‘ Das wollen wir auf keinen Fall“, hat Legner dem „Focus“ berichtet. Jeder solle sich in angenehmer Atmosphäre an moderne Kunst herantrauen, Fragen stellen können. „Wir wollen eine niedrige Eingangshürde haben.“

Während sich an vielen Tagen Museen in London, Frankfurt oder New York die Besuchermassen von Bild zu Bild schieben, herrscht im Museum in Weilburg eine angenehme Atmosphäre, die Ruhe bietet, um die Kunst in Gänze aufzunehmen.

Gerade die Besonderheiten im Museum brauchen auch tatsächlich Raum, um zu wirken. Etwa bei „Das Gefühl in meinem Inneren“ von SEO, einer Meisterschülerin von Georg Baselitz. An den vier großen Klangglocken mit einer Licht- und Toninstallation verweilen die Besucher besonders gerne und vor allem lange. Das Werk übt laut Helbig eine unglaubliche Faszination aus. Ebenso wie die Werke von Gerhard Richter oder die vier Großformate von Markus Lüpertz. 

Überhaupt Großformate. „Alles, was groß ist, fasziniert die Menschen“, sagt Helbig. „Klar, die können sich die wenigsten zu Hause hinhängen. Kleinere hat man schon eher mal selbst zu Hause. Aber die wirklich großen nicht.“ 

Neben der privaten Sammlung zeigt das Ehepaar immer wieder Sonderausstellungen. Bis 24. September sind derzeit die Werke von Hans-Hendrik Grimmling zu sehen. Der von der „Leipziger Schule“, Aushängeschild für eine liberale Kunst in der DDR, geprägte Meisterschülers von Gerhard Kettner entwickelte sich zu deren Antipoden. Schwarz als dominante Farbe. „Schwere Kost“, sagt Helbig und lacht. Auch das ist moderne Kunst. 

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