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Rheingau Musik Festival Vielfalt für Kulturfans

Das Rheingau Musik Festival lockt in diesem Sommer mit den Reihen „Klanggewalten“ und „Starke Frauen“.

24.06.2016 14:10
Stefan Schickhaus
Die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann singt Kleopatra-Arien. Foto: Shirley Suarez

Für die Musik bestimmt

Auch starke Frauen haben ihre schwachen Momente: „Ein Frauenzimmer muss nicht komponieren wollen. Es konnte noch keine, sollte ich dazu bestimmt sein?“, fragte sich Clara Schumann und resignierte: „Ich glaubte einmal das Talent des Schaffens zu besitzen, doch von dieser Idee bin ich zurückgekommen.“ Ebenso frustriert war ihre Komponistenkollegin Fanny Hensel: „Was ist auch daran gelegen, kräht ja doch kein Hahn danach und tanzt niemand nach meiner Pfeife.“ Frauen der vergangenen Jahrhunderte, die Musik erschaffen wollten, hatten es schwer – und bis heute muss man ihre Werke mit der Lupe suchen.

Fündig wird man in diesem Sommer auch beim Konzertschwerpunkt „Starke Frauen“ des Rheingau Musik Festivals. Dort findet man ein Konzertprogramm mit Kammermusik von Clara Schumann, Fanny Hensel und Lili Boulanger, begleitet von einem Vortrag von Freia Hoffmann zum Thema „Komponistinnen der Romantik und des Fin de Siècle: Von der Berufung zum Beruf“. Auch Alma Mahler kommt zu Wort, beim Abschlusskonzert, mit „Sechs Liedern für mittlere Singstimme und Orchester“ – eine Rarität im Konzertalltag.

Beim Rheingau Musik Festival fasst man den Begriff der „Starke Frauen“ allerdings deutlich weiter, und damit öffentlichkeitswirksamer. Es geht auch um Frauengestalten der Geschichte, die die Musikwelt fasziniert und inspiriert haben – etwa Kleopatra, der zahlreiche Komponisten Opern gewidmet haben. Die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann hat ein Programm aus Kleopatra-Arien von Hasse, Graun, Händel und Vivaldi zusammengestellt, ein barockes Feuerwerk der Spitzentöne. Denn Kleopatra war alles: mächtig, reich, schön, exotisch, klug, stolz – komponierende Männer haben sich für sie mächtig ins Zeug gelegt. Auf ein ganz anderes Frauenbild hat sich dagegen die Sopranistin Dorothee Mields verlegt, ein nicht eben starkes im klassischen Sinn. Sie singt, begleitet von der Lautten Compagney Berlin, „Mad Songs“: Im England des späten 17. Jahrhunderts wurden unter diesem Namen Lieder subsummiert, in denen es um Frauen geht, die durch eine unerfüllte Liebe in den Wahnsinn getrieben wurden. Abgründe tun sich auf, der seraphisch-feine Sopran von Dorothee Mields ist dafür wie gemacht.

Einige weitere Termine im Rheingau sind besonders präsenten Interpretinnen gewidmet, etwa dem Indiepop-Duo Josepha und Cosima sowie Toni Green, der Soul-Diva aus Memphis. Sie werden sich bei der „Ladies’ Night“ auf der Seebühne von Schloss Vollrads das Mikro in die Hand geben. Oder, als dritte Alte-Musik-Spezialistin in diesem Kontext, die Sopranistin Simone Kermes, die in der Tat eine sehr starke Frau ist – nicht nur weil sie sich kürzlich von allen Künstleragenten losgesagt hat und sich seither selbst vermarktet, sondern auch weil ihre Bühnenauftritte extrem energetisch sind. Kermes ist die Power-Stimme des Barock. „Explosiv, virtuos, furios“, so fasste die FR ihren Rheingau-Auftritt des Jahres 2009 zusammen.

Opulenz ist Trumpf

Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden“, munkelte einst schon Wilhelm Busch. Daraus könnte man schließen: Je lauter das Geräusch, desto unschöner die Musik? Nicht nur Freunde des progressiven Punk werden da energisch protestieren, auch gepflegte Klassikhörer wissen: Laut kommt gut. Manchmal zumindest. Das Rheingau Musik Festival (RMF) sorgt dafür, dass es in diesem Sommer laut wird zwischen Wiesbaden und Johannisberg. Denn einige Konzerte tragen den Obertitel „Klanggewalten“ und widmen sich Kompositionen, bei denen der Faktor Dezibel durchaus eine Rolle spielt. Nie die entscheidende, wir sind ja dann doch nicht beim Punk. Aber so ganz frei machen kann man sich ja nicht von der Annahme, dass zum Beispiel Richard Strauss’ „Alpensinfonie“ einen nicht geringen Teil ihres Reizes aus der gekonnten Massierung der Klangkraft bezieht.

Am 30. August steht dieses monumental besetzte Strauss-Großwerk auf dem Programm des Landesjugend-Sinfonieorchesters Hessen, das wohl eine Urlaubssperre für sämtliche Jungmusiker Hessens verhängt hat, die ein Blechblasinstrument halten können. Alleine 16 Fernbläser verlangt der Riesenapparat, dazu eine Orgel, Herdengeläut und Windmaschine, ferner natürlich den üblichen großsinfonischen Standard der Spätestromantik. Angekündigt sind bei diesem Konzert zudem ein Seilakrobat und ein Video-Künstler.

Richard Strauss, infiziert von Nietzsches Übermenschentum-Virus, instrumentierte ohnehin gerne verschwenderisch. Aber auch sein Kollege Gustav Mahler wusste, wie man Klanggewalten erschaffen kann. Im Rheingau ist Mahler mit seiner Fragment gebliebenen 10. Sinfonie vertreten. Darin ist ein Akkord aus neun übereinander gestapelten Tönen notiert, ein visionärer Cluster, trotzig, radikal, in einem Fortissimo-Aufschrei kulminierend. „Zusammen floss zu einem einzigen Akkord / Mein zagend Denken und mein brausend Fühlen“, schrieb der Komponist dazu. Alleine für diesen gewaltigen Akkordklang lohnt sich schon das RMF-Abschlusskonzert am 27. August.

Am reinen Dezibel-Wert gemessen kann der Pianist Louis Lortie da sicher nicht mithalten. Und doch passt sein für Schloss Johannisberg geplantes Programm bestens in die Rubrik „Klanggewalten“. Er spielt: von Beethoven die fulminante „Hammerklavier-Sonate“, die an die Grenzen jedes Tasteninstruments geht, dazu Klavierfassungen von Wagner-Opern, entnommen dem „Tannhäuser“ und „Tristan und Isolde“. Franz Liszt hat da das Orchester ins Klavier gelegt.

Ein letzter Tipp noch und eine Empfehlung für all die, die sich lieber der Klangmacht des frühen 17. Jahrhunderts aussetzen möchten: Claudio Monteverdi schrieb 1610 seine

„Vespro della Beata Vergine“ für einen Chor, der sich bis hin zur doppelchörigen Zehnstimmigkeit aufzusplitten hat. Dazu erklingen Streicher, Zinken, Posaunen, Flöten, Orgel, alles in allem eine faszinierend reiche Klangpracht also, die den Übergang von der späten Renaissance zum Frühbarock repräsentiert, und damit eine Zeit, in der Opulenz Trumpf war. Dieses Meisterwerk dann wiedergegeben in der Basilika von Kloster Eberbach, deren karges Kirchenschiff ohnehin jeden Klang potenziert – da gilt dann jedenfalls nicht, was der alte Busch dichtete: „Musik ist angenehm zu hören, doch ewig braucht sie nicht zu währen.“ Doch, die Marienvesper wäre Klanggewalt für die Ewigkeit.

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