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Revival der Stricknadeln Volle Wolle

Stricken ist wieder hip. Unserer Autorin Karin Ceballos Betancur ist das egal. Sie will nur ihre Ruhe.

13.09.2010 12:11
Stricken ist wieder hip. Foto: ddp

Es braucht dieser Tage nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie kalt der Winter werden wird, der uns erwartet.

Und wenn Frauenmagazine Recht haben – wenigstens manchmal, wenigstens ein bisschen – werden die sinkenden Temperaturen auch in diesem Jahr Frauen dazu treiben, in Cafés, U-Bahnen und Wartezimmern, in Rundstricknadeln, Wollknäule und sich selbst versunken an Pullovern, Schals und Socken zu stricken. Weil Stricken wieder hip ist, wie es heißt. Mir persönlich ist das egal. Ich habe gestrickt, als Stricken uncool war. Ich stricke mich durch den Hype. Und ich werde auch dann noch stricken, wenn ich alt und runzelig bin und kein Mensch auf den Gedanken käme, irgendeines meiner Hobbys mit dem Attribut „lässig“ in Verbindung zu bringen. Bis auf Rollator-Rempeln an Infoständen der CDU.

Ich stricke, weil Stricken rockt. Und entspannt. Und weil ich manchmal einfach meine Ruhe haben will. Vermutlich geht es den meisten Strickern so.

Leider werden wir von unserer Umwelt jedoch häufig grotesk missverstanden. Offenbar wirkt Stricken im öffentlichen Raum irgendwie desperat.

Meinen empirischen Studien zufolge empfinden vor allem Männer kurz nach der Midlifecrisis Strickzeug in Frauenhänden als wortlosen Ausdruck der Botschaft: Ich-verzehre-mich-nach-einem-Gespräch-mit-Dir-und-würde-mich-am-liebsten-auf-der-Stelle-vor-Dir-ausziehen-aber-so-lange-Du-mich-nicht-ansprichst-strick-ich-eben-weiter-gott-ist-mir-langweilig. Ich habe deshalb versucht, meine körpersprachlichen Signale zu vereindeutigen. Wenn ich außerhalb meiner Wohnung stricke, trage ich dazu untertassengroße Kopfhörer und verfolge mit halbem Auge Spielfilme auf meinem Laptopmonitor. Kommunikationstechnisch ist das in etwa so subtil wie ein Stopp-Schild. Trotzdem gibt es immer den Trottel, der mir so lange in den Oberarm piekst, bis ich die Kopfhörer abnehme, um dann fassungslos die Frage: „Naaaa, was wird das denn?“ zu vernehmen.

Mir gefällt der Gedanke, dass in das, was man strickt, immer auch etwas von dem einfließt, was einen im Augenblick des Strickens beschäftigt. Ein selbst gestrickter Pullover ist immer auch die Vorfreude auf das hoffentlich glückliche Gesicht dessen, der ihn geschenkt bekommen wird. Mal ist er eine Reihe Zukunftspläne und drei Reihen Größenwahn, mal zehn Reihen Lloyd Cole und und zwei Reihen Melancholie.

Angefangene Socken samt Nadeln sind schon deshalb mit mir um die halbe Welt gereist, weil ich für den Schaft zwei Zentimeter St. Petersburg brauchte. Oder eine linke Buenos-Aires-Ferse. Deshalb mag ich es nicht, wenn mir jemand mein Schalkarma kaputt macht. Es sind die Fick-dich-Reihen, die am Ende das Maschenbild stören.

Im Lokal meines Vertrauens im Frankfurter Nordend betrachtete mich unlängst eine Kellnerin beim Stricken, wehmütig, wie mir schien. Als sie mein Bier brachte, sagte sie, sie habe sich nie getraut, in der Öffentlichkeit zu stricken.

Ich musste an die Frau denken, der ich im Sommer in Frankreich am FKK-Strand begegnet war, während sie mit einer Pinzette hingebungsvoll Haarstoppel von ihrem Venushügel zupfte. Vielleicht hätte ich der Kellnerin von ihr erzählen sollen. Statt dessen sagte ich etwas in Richtung: Ach was, das passt schon.

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