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Reiseführer Schöne, schräge, schaurige Heimat

Es müssen nicht immer die Paulskirche, der Herkules oder der Limburger Dom sein: Hessen hat genug andere, viel lustigere Sehenswürdigkeiten. Ein Reiseführer listet sie auf und entführt in die Geheimnisse der Provinz.

03.11.2010 18:00
Frank Schuster
Am Mittelpunkt der EU ist schon mancher auf seltsame Ideen gekommen. Foto: FR/Kraft

An Hessen führt kein Weg vorbei“ – heißt es in der Werbung. „Die Hessen sind umzingelt von lauter Deutschen, haben keinen direkten Zugang zum Meer, zu den Alpen und zum Ausland und daher keinen Kontakt zur Freiheit.“ Das hat Matthias Beltz, Hessens großer Kabarettist, einmal gesagt.

Recht haben sie irgendwie beide. Wer von der Pfalz nach Thüringen will – muss durch Hessen. Wer von Bayern nach NRW will, was ist ihm im Weg? Genau – Hessen. Dieses Gefühl des Umzingelt-Seins, keinen eigenen direkten Zugang zur Freiheit zu haben, nur Durchgangsverkehr zu bieten, das muss sich niederschlagen. Vielleicht hat sich hier auch deshalb ein etwas eigentümlicher Humor entwickelt und ausgebreitet; ein etwas schräger, ruppiger, unfreundlicher, mit Hang zum Morbiden. In Hessen kann man schon mal mit den Worten begrüßt werden, man sehe aus, als sei man „dem Doudegrähber vun de Schipp gehibbt“ (dem „Totengräber von der Schaufel gesprungen“).

Nicht anders als schräg ist es wohl auch zu nennen, dass man stolz ist auf seine etwas absonderlichen, kuriosen, morbiden Sehenswürdigkeiten. So wirbt etwa die Stadt Beerfelden im südhessischen Odenwald mit ihrem Galgen. Ja, mit ihrem Galgen. Auf einem Hügel am Ortseingang steht er, einer der besterhaltenen – darauf ist Beerfelden stolz – dreischläfrigen Galgen (also mit drei Balken) Deutschlands. 1597 errichtet, letzte Hinrichtung 1804. An den Parkplätzen nebenan steht geschrieben: „Naturpark-Parkplatz Galgen“.

Die Hinrichtungsstätte hat Eingang gefunden in den neuen Reiseführer „Schräge Heimat – Abgefahrene Sehenswürdigkeiten in Hessen“ der Autoren Ute Friesen und Jan Thiemann. Das Duo sagte sich: Reiseführer über das an Sehenswürdigkeiten nicht arme Bundesland gibt es zuhauf. In der Regel finden darin Erwähnung: die Frankfurter Paulskirche, der Limburger Dom, die Marburger Altstadt, der Kasseler Herkules, die Darmstädter Mathildenhöhe, die Fuldaer Bonifatiusgruft et cetera pp. Wen interessierte da ein weiterer „normaler“ Reiseführer?

Flugzeugwrack-Museum und Schneekugelsammlung

Das Land mit dem schrägen Humor und den schrägen Menschen und den schrägen Sehenswürdigkeiten braucht einen schrägen Reiseführer. Also ist das Autorengespann durchs Land gezogen und hat unter anderem besucht und beschrieben: die Mausefallen und Kondomautomaten im Heimatmuseum Bad König, die Biebertaler Blutegelzucht, das 50er-Jahre-Museum in Büdingen, das Miniaturschuhmuseum in Butzbach, das Flugzeugwrack-Museum in Ebsdorfergrund-Ebsdorf, das Ich-Denkmal am Mainufer von Frankfurt-Oberrad, das begehbare Herz in Fulda, die „Mitte der EU“ in Gelnhausen-Meerholz, das Maislabyrinth in Groß-Umstadt, die Hörnchenzucht in Hähnlein, das weltgrößte Miniaturpuppenkaufhaus in Hanau-Wilhelmsbad, die riesige Kleine-Waldameisen-Kolonie bei Höringhausen, das Grab des gräflichen Dackels Erdmann in Kassel, die größte Pfeife der Welt im Tabakmuseum in Lorsch, die „Heilige Kümmernis“ in der religionskundlichen Sammlung in Marburg, die Stinksteinwand am Hohen Meißner, den Linkshänderladen in Neu-Isenburg, das bergauf fließende Wasser bei Oberweser-Gieselwerder, die ältesten Betonteile Deutschlands im Dreieichpark in Offenbach, Joschka Fischers Turnschuhe im Deutschen Ledermuseum Offenbach, die Menschenknochenflöte und Totenhörner in Ortenberg-Lißberg, die größte deutsche Schneekugelsammlung im Heimatmuseum Schotten, das Atelier für Buddhistische Skulpturen in Seligenstadt-Klein-Welzheim, die dressierten Yaks in Steinbach an der Milseburg, das ehemalige Zuchthaus auf Burg Waldeck, die Kleiderbügelsammlung im Heimatmuseum in Wald-Michelbach, das Dunkelkaufhaus in Wetzlar sowie das Humormuseum Harlekinäum in Wiesbaden-Erbenheim.

„Wer Hessen besuchen will, muss vorher durchs Fegefeuer der deutschen Autobahn-, Eisenbahn- und Flughafenkultur. Nur wenige, die hierherkommen, wollen hierbleiben.“ Auch das hat Matthias Beltz gesagt. Damit das anders wird und es künftig viele Gründe gibt, mal nach Hessen zu kommen, mal hierzubleiben und sich was anzuschauen – dafür bietet „Schräge Heimat“ genügend Anlässe.

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