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Parks in Frankfurt „Ein Park ist ein Raum zum Ausprobieren“

Die Stadtforscher Jutta Deffner und Christoph Siegl sprechen im FR-Interview über Konflikte in Parks, gute Landschaftsarchitektur und die Frankfurter Tradition, alle Flächen ökonomisch zu verwerten.

Beliebt und extrem beansprucht: das Frankfurter Mainufer. Foto: Christoph Boeckheler

Wann haben Sie zuletzt einen Abend im Park verbracht?
Jutta Deffner: Gestern im Grüneburgpark.

Christoph Siegl: Ich bin regelmäßig in Parks, aber eher in den kleineren. Zum Beispiel der Sommerhoffpark, hier in der Nähe, ist ein Kleinod.

Täuscht es, oder verbringen die Menschen nicht nur in Frankfurt inzwischen viel mehr Zeit im Freien, im Straßencafé, am Main, in Parks?
Deffner: Es wandelt sich etwas. Wenn draußen gespielt, gegessen, zusammengesessen wird, gibt es auch diesen Nachahmungseffekt, einen Impuls, dasselbe zu machen.

Siegl: Der Wandel liegt ganz einfach auch daran, dass man heute ganz andere Dinge draußen tun kann: Es ist nicht mehr so passiv, dass man nur den Kinderwagen durch den Park schiebt. Man verlegt mehr sportliche oder andere gesellschaftliche Aktivitäten nach draußen.

Wird Frankfurt italienischer?
Siegl: Ich würde nicht automatisch sagen, italienischer. Aber die Räume werden vielfältiger genutzt. Entscheidend ist, dass die Räume eine Grundattraktivität haben: dass kein Müll rumliegt, und dass man sich sicher fühlt.

Die einen wollen draußen Musik hören, trinken oder grillen, andere arbeiten oder Sport treiben, dritte sich sonnen oder in Ruhe ein Buch lesen. Droht dem Stadtpark der Kollaps?
Deffner: Von Kollaps würde ich nicht sprechen. Aber der Nutzungsdruck ist an einigen Stellen extrem hoch. Dadurch entstehen auch Konflikte, gerade zwischen Aktiven und Ruhesuchenden. Für die Stadt sind die Hinterlassenschaften eine riesige Aufgabe. Das sieht man in vielen Parks nicht nur am Mainufer – überbeanspruchte Rasenflächen, viel Müll …

Lassen sich die Nutzer steuern?
Siegl: Das können wir gleich mal ausprobieren, indem wir jetzt einen unbekannten Park highlighten und sehen, was nach dem Erscheinen des Interviews passiert. Im Ernst: Die Übernutzung passiert nur an wenigen Orten, weil es eine extreme Ungleichverteilung der Nutzer gibt.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Siegl: Das Mainufer, aber auch das Stück Nidda von Rödelheim bis Höchst ist samstagnachmittags extrem gut besucht. Dafür ist an anderen Orten sehr wenig los. Das hat auch mit Erreichbarkeit und Bekanntheit zu tun. So ist zum Beispiel der vordere Teil des Grüneburgparks sehr stark frequentiert, der hintere Teil, der an den Englischen Garten erinnert, ist teilweise noch unentdeckt.

Parks sind auch Rückzugsräume für Arme, Obdachlose, Drogenabhängige. Werden die Konflikte zunehmen?
Deffner: Wo öffentliche Räume für alle zugänglich sind, kann keiner darüber bestimmen, du darfst rein und du nicht. Es sind einfach Aufenthaltsräume, der Balkon, die Terrasse für alle. Dabei entstehen nicht direkt Nutzungskonflikte. Es stellt sich eher die Frage, mag ich neben dem oder der sitzen? Ein Park ist auch ein Ausprobierraum. In einer liberalen Gesellschaft sollte dieses Nebeneinander funktionieren.

Die Orte im Freien, an denen man rumhängen kann, ohne Kaffee trinken zu müssen oder Eintritt zu zahlen, nehmen ab. Haben Sie den Eindruck, dass die Ökonomisierung des öffentlichen Raums gewollt ist?
Deffner: Das ist viel kritischer bei Plätzen als bei Grünflächen.

Siegl: Parks sind im Zweifel größer und schwerer zugänglich für Konsummöglichkeiten. Wenn ich am Mainufer auf der ganzen Länge zwei Außengastronomien habe, dann fällt das nicht so stark ins Gewicht.

Unternimmt die Stadt genug, um Rückzugsräume zu schützen?
Siegl:  Die Stadt hat grundsätzlich ein Interesse, vielfältige Räume für alle zu schaffen und vor allem zu erhalten. Aber sie rennt da auch der Bevölkerung hinterher, weil es einen ganz großen Bedarf in Frankfurt an Räumen gibt, die niederschwellige Möglichkeiten anbieten: dass ich mich nach der Arbeit auf ein After-Work-Getränk einfach wo hinsetzen kann und mir die Räume nicht selber schaffen muss.

Deffner: Das hat auch etwas damit zu tun, was wir in Frankfurt schon in einer Studie für die Hertie-Stiftung festgestellt haben: Es gibt durch die Tradition als Kaufmannsstadt die Tendenz, alle Flächen ökonomisch zu verwerten. Frankfurt ist keine Residenzstadt, es gibt keine breiten Boulevards, keine großen Plätze. Man überlegt immer, wie Flächen in Wert gesetzt werden können. Mit welchem Konzept soll Belebung und Urbanität geschaffen werden – nur durch Gastronomie? Dann passiert aber mit diesen öffentlichen Flächen etwas anderes, als wenn gefragt wird, wie und von wem sie sonst gestaltet werden können.

Haben Parks am Stadtrand und in den Zwischenräumen zwischen Stadt und Vorort eine andere Funktion?
Deffner: Grundsätzlich nicht, es ist einfach ein anderes Publikum. Am Mainufer spielt das Flanieren und Sichzeigen eine ganz andere Rolle. Im Quartierspark irgendwo am Stadtrand ist es mehr der Charakter des Wohnzimmers. Ich gehe da hin, lasse mich nieder, die Kinder lernen Fahrrad fahren, man unterhält sich.

Siegl: Das Wort Quartierspark, abgeleitet von Quartiersplatz, beschreibt es genau. Er ist für die Nachbarschaft gemacht und muss nicht mit spektakulären Sachen aufwarten. Er kann wesentlich mehr leisten, indem er der lokalen Bevölkerung bietet, was sie sucht.

Jedes Jahr wächst die Stadt derzeit um etwa 15 000 Menschen. Gibt es noch genug Platz für neue Parks und Grünflächen?
Deffner: In bestehenden Vierteln ist es schwierig. Mein Blick ist hier ein anderer: nicht neue Grünflächen schaffen, sondern sich anschauen, was ist da, und fragen, wie kann man es aufwerten. Gerade im westlichen Frankfurt – das sage ich, weil ich mich da besser auskenne – sind viele Flächen ein bisschen vergessen.

Siegl: Es gibt nach wie vor – durchaus innenstadtnah – sehr viele tote Areale. Man muss nicht neue Parks in der Größe eines Grüneburgparks planen. Aber es gibt viele kleine Zwickelflächen, die aufgrund der Zerschneidung des Raumes irgendwann abgefallen sind, dort ist es zu laut, zu unzugänglich, oder, oder.

An welche Ecken denken Sie?
Siegl: Zwischen Hausen, Rödelheim und alles, was Richtung Autobahn rausgeht. Da gibt es noch viel Potenzial. Etwa die Autobahnbrücke in Hausen, da ist drunter so viel Platz, das geht dort auch in den Grüngürtel über.

Auf dem Riedberg ist der Kätcheslachpark neu entstanden. Wie finden Sie ihn?

Deffner: Oh! Den kenne ich noch nicht.

Siegl: Die Frage muss ich zurückgeben.

O. K., nächster Park: Was halten Sie vom Europagarten im Europaviertel?
Siegl: Ich bin da sehr gerne, im Gegensatz zum Europaviertel selbst. Er wirkt in der ursprünglichen Form, bevor er wieder aufgerissen wurde, auf den ersten Blick monoton, er ist an die Architektur des Viertels angelehnt. Er wurde aber von Anfang an vielfältig genutzt, von den neuen Bewohnern des Europaviertels und der alten Stammbewohnerschaft im benachbarten Gallusviertel. Auch wenn man dem Europaviertel häufig eine Tendenz zur Abgrenzung vorwirft, im Park funktioniert die Vermischung.

Deffner: Auch ich habe anfangs gedacht, das ist ein bisschen langweilig, das hätte man auch anders machen können. Auf der anderen Seite: Auf der großen Wiese in der Mitte ist nicht vordefiniert, was passieren soll. Da kann man Drachen steigen lassen, toll.

Was macht einen guten Park aus?
Deffner: Lärm spielt eine entscheidende Rolle. Es muss nicht himmelsruhig sein, aber man muss sich unterhalten können. Und eine gute Landschaftsarchitektur muss mitbedenken, wie lade ich durch die Gestaltung jemanden ein, etwas zu tun oder zu lassen. Aber nicht im Sinne: Da ist jetzt Kinderspiel, da sollen sich die Alten hinsetzen und da sollen die Hunde Gassi gehen. Jeder kann sich das zu unterschiedlichen Tages- und Wochentagen aneignen.

Siegl: Ähnlich wie bei Plätzen ist das eine extreme Gratwanderung zwischen zu viel Nutzungsoffenheit, so dass die Leute überfordert sind mit dem, was sie dort tun könnten. Und auf der anderen Seite einem zu starren Raumkonzept, wo ich nur eine Sache machen kann.

Eine Zeitlang hat man genau das gemacht: hier ein Trimmdichpfad, da ein Spielplatz …
Siegl: Davon ist man sehr weit weggekommen und hat den Raum wieder geöffnet. Jeder Raum ist einzeln zu betrachten. Ein wunderbares Gegenbeispiel für Lärm ist der Orange Beach. Er liegt unter zwei Eisenbahnbrücken, dort ist es alle zwei Minuten so laut, dass man sich nicht unterhalten kann. Trotzdem ist es ein Ort am Mainufer, wo sich, sobald ein Sonnenstrahl da ist, Dutzende Menschen aufhalten. Ein wichtiger Punkt ist noch die deutsche Angst vor Exponiertheit. Wenn ich nur einen riesengroßen Rasen anbiete, dann wird sich niemand in die Mitte setzen. Ein bisschen räumliche Führung ist praktisch.

Gibt es den idealen Park?
Deffner: Ich weiß nicht, ob es ihn geben muss. Es ist vielleicht eher so: Jeder hat Lieblingsorte, und das ist sehr individuell. Das hat mit Bedürfnissen, Lebenslage, Lebensstil zu tun. So wie sich städtisches Leben zunehmend verdichtet, muss man schauen, dass Parks möglichst vielen Menschen Platz für ihre Bedürfnisse bieten, so dass es nicht zu Konflikten kommt.

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